"Norrland-Referendum" - Der Ruf nach Unabhängigkeit aus dem Norden Schwedens

"Norrland-Referendum" - Der Ruf nach Unabhängigkeit aus dem Norden Schwedens
Eine schwedische Journalistin hat eine Debatte um ein Unabhängigkeits-Referendum des nördlichen Teils Schwedens, genannt „Norrland“, ausgelöst. Folgt die Region dem Vorbild Schottlands?

von Olga Banach

Die schwedische Journalistin Lotta Gröning veröffentlichte einen Meinungsartikel mit dem Titel: „Norrland sollte sich an Schottland orientieren und seine Unabhängigkeit fordern“ im „Expressen“, dem schwedischen Pendant zur Bild-Zeitung. Damit löste sie eine Debatte in Schweden aus.

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Der Artikel verbreitete sich schnell in den sozialen Medien und wurde tausende Male geteilt. Auslöser des Artikels war die Entscheidung des Energiekonzerns Vattenfall, Stellen im Norden des Landes zu streichen. Norrland macht 59 Prozent der Fläche Schwedens aus und seine Bevölkerung, die nur rund eine Million Menschen umfasst, fühlt sich von der Regierung in Stockholm im Stich gelassen. Die Region des Nordens wird nur im umgangssprachlichen Gebrauch, wie etwa bei Wetterberichten, als Norrland bezeichnet. Sie besteht aus mehreren Provinzen. Die Region ist trotz ihrer Rohstoffe, vor allem Holz, Wasserkraft, Gold, Erze und anderen Mineralien, der ärmste Teil Schwedens.

Laut Gröning wird das Paradox in der Kommune Jokkmokk im Vergleich zum restlichen Schweden am deutlichsten. Jokkmokk hat elf Kraftwerke und produziert im Vergleich zu seiner Einwohnerzahl mehr als irgendeine andere Kommune im ganzen Land, ist aber selbst einer der ärmsten Orte. Kein Politiker fühlt sich für die Region verantwortlich.

Ein Referendum könnte laut Lotta Gröning Druck auf Stockholm ausüben, damit sich in Norrland die Lebenssituation der Menschen verbessert. Der Abfluss des Geldes ist dem Steuersystem geschuldet. Die Konzerne zahlen ihre Steuern in anderen Regionen. An Kommunen wie Jokkmokk fließen die Profite vorbei. So haben fehlende Investitionen im Norden auch schon zu Schließungen von Krankenhäusern, Apotheken und Kindergärten geführt. Die Verschlechterung der Infrastruktur hat die Lebenssituation der Menschen beeinträchtigt und deren Vertrauen in die Regierung in Stockholm gebrochen. Das Nachbarland Norwegen wirkt solchen Situationen dadurch entgegen, dass es Ausgleichszahlungen, etwa für die Wasserkraftproduktion, wie es sie in Norrland gibt, direkt für die Produktionsregion gibt. Die Bevölkerung fühlt sich in der Folge, als würde sie in einer Kolonie leben, in der sie von der zentralen Regierung ausgebeutet wird.

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Die Argumentation für den Ruf nach Unabhängigkeit erinnert an die Situation Schottlands oder auch Kataloniens, wo Gelder, die in der Region erwirtschaftet werden, an die zentrale Regierung gehen und nicht bei den Menschen vor Ort verleiben. Was Gröning mit dem Artikel erreichen wollte, ist die Debatte, nicht die tatsächliche Unabhängigkeit. Die Schotten haben laut Gröning einen Vorteil durch ihre Repräsentanten in London. Den Norrländern fehle eine solche Vertretung. Stockholm folge nur den Leitlinien der Parteien, nicht dem Interesse der Menschen in strukturschwachen Regionen.

Der schwedische Nachrichtensender SVT ließ die Norrländer hieraufhin abstimmen. 89 Prozent der Befragten stimmten für eine Abkehr von Schweden. Dies überrascht nicht, wenn man auf die Abstimmung des EU-Beitritts Schwedens zurückblickt. In einem Referendum sprachen sich die Menschen im Norden gegen diesen aus, wurden aber von dem Rest des Landes überstimmt.

Der schwedische Politiker Fredrik Lundh Sammeli von den Sozialdemokraten fand drastische Worte für den Ruf nach Unabhängigkeit. Die Forderung sei, „was die Leute aus dem Norden sagen, wenn sie betrunken sind.“