Die geheime Allianz zwischen Schweden und der NATO

Tradionell eng verbunden: Die NATO und Schweden
Tradionell eng verbunden: Die NATO und Schweden
Obwohl kein Mitglied der NATO, blickt Schweden auf eine jahrzehntelange Geschichte der Kooperation mit dem westlichen Militärbündnis zurück. Zwei Bücher, die im Land für Wirbel sorgten, decken die Hintergründe der Zusammenarbeit auf. Auch Meldungen über angebliche russische U-Boote vor Schwedens Küste wurden dabei noch einmal genauer untersucht. Wie so häufig wurden in diesem Kontext zahlreiche Lügen aufgedeckt.

von Olga Banach

Dieses schwedische U-Boot heißt nach der Insel Gotland und symbolisiert die Probleme, die das Land mit den Russen hat: Immer wenn das Militär eine engere Bindung an die NATO will, tauchen unidentifizierte U-Boote in den Medien auf.

Das Buch „Die geheime Allianz“ („Den dolda alliansen“) des schwedischen Journalisten Mikael Holmströms deckt auf, dass Schweden bis 1997 eine geheime Luftwaffenabteilung unterhielt, die für den Krieg gegen den Osten trainierte. Unter der Bezeichnung „Flugabteilung 66“, unternahm diese NATO-Übungen mit Norwegen und Dänemark. Aus dem Buch geht hervor, dass die Zusammenarbeit weiter ging als bisher bekannt. Schweden hatte eine Sicherheitsgarantie von den USA erhalten, die zusagte, dass die US-Marine und die amerikanische Luftwaffe im Kriegsfall militärische Hilfe leisten würden. „Flugabteilung 66“, getarnt als zivile Passagiermaschine, beförderte Menschen zu Aufklärungszwecken an die Grenze der damaligen Sowjetunion. Diese wurden dann mit Fallschirmen abgesetzt.

Für sein Buch interviewte Holmström 140 Politiker, Offiziere und Diplomaten in Schweden und im Ausland und gelangte an bisher geheime Dokumente, welche die Wahrheit über die jahrelange Involvierung Schwedens in die NATO aufdeckten. Der wichtigste Informant aber war ein direkt Beteiligter, der sein Schweigen brechen wollte. Im Buch Jan Danielsson genannt, trat er bei der Veröffentlichung des Werkes an die Presse und teilte seinen wahren Namen mit - Sven Hugosson. Dieser gab bekannt:

Meine gesamte Militärkarriere von 1955 an war eine einzige Lüge. Und ich bin sicher, die Sowjets hatten Kenntnis von alledem. Die Flugzeuge, die wir nutzten, waren Sechssitzer vom Typ Cessna 182 oder Cessna 206. Viele der Übungen fanden in der Dunkelheit statt und die Piloten wurden dafür trainiert, in schwierigem Terrain zu landen, um im Ernstfall schwedische Personen außer Landes zu bringen. Die Piloten hatten Code-Namen und wurden bar bezahlt.

Bengt Gustafsson, der damalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte, fügte hinzu: „Es gab eine mobile Organisation, die zu dem geheimen Teil der Sicherheitsintelligenz gehörte. Sie waren hauptsächlich auf die Infiltration spezialisiert.“ Weiteren Ausführungen gegenüber dem „Schwedischen Tageblatt“ (Svenska Dagbladet) verweigerte sich Gustafsson jedoch mit dem Verweis auf seine lebenslange Verschwiegenheitspflicht.

Das Attentat auf den ehemaligen Premierminister Olof Palme 1986 stellt ein zentrales Momentum in der Geschichte Schwedens im Verhältnis zur NATO dar und verdeutlicht, laut dem Buchautor Halmström, dass Schweden schon für lange Zeit ein mehr als gutes Verhältnis Richtung Westen hatte. Der damalige Vizeadmiral Per Rudberg, der sich zu dem Zeitpunkt nicht in Schweden aufhielt, rief den zuständigen Kommandeur und teilte diesem mit:

Falls eine Notwendigkeit besteht, bin ich bereit.

Erhalten tatkräftige Unterstützung aus Schweden: Neonazis des ukrainischen Azow-Bataillon.

In den ersten Stunden nach dem Mord an Palme war nicht klar, ob es sich um eine Einzeltat handelte oder um den Beginn eines Krieges gegen den Osten. Rudberg saß immer auf einem gepackten Koffer, der es ihm erlaubt hätte, sich in die USA oder nach England zu retten. Dort sollte, laut einem geheimen Plan, im Kriegsfall das schwedische Exilquartier eingerichtet werden. Dabei nahm Schweden stets in Kauf, dass es, im Falle eines Krieges der NATO gegen die Sowjetunion, Beteiligter des Konfliktes werden würden.

Nach der Sezession der Krim hat Holmström dem erstmals im Jahr 2011 erschienen Buch ein neues Kapitel hinzugefügt, welches sich den vorausgegangen jahrelangen Lügen gegenüber der schwedischen Öffentlichkeit widmet und Schwedens Nähe zur NATO weiter bestätigt.

Holmström, Journalist für das schwedische Tageblatt und spezialisiert auf Sicherheitspolitik, wurde im Jahr 2012 für seine Enthüllungen ausgezeichnet. Als Begründung für die ihm zuteil gewordene Ehrung hieß es:

Für seine unnachgiebige, umfassende und detaillierte Aufdeckung von Regierungslügen über Schwedens Kooperation mit der NATO über mehrere Generationen hinweg.

Mathias Mossberg, ehemaliger Sekretär des U-Bootsuntersuchungsausschuss und der Sicherheitspolitischen Kommission, holt in einem weiteren interessanten Buch mit dem Titel „In dunklen Gewässern“ („I mörka vatten“) die russischen U-Bootmärchen aus der Tiefe des Meeres. Aus der Untersuchung geht hervor, dass sich die russischen Ungeheuer, die immer wieder an der schwedischen Küste gesichtet wurden und die Menschen im Kalten Krieg in Angst versetzten, tatsächlich britisch und amerikanisch waren. Der Untertitel des Buches lautet: „Wie die Schweden in der U-Bootfrage in die Irre geführt wurden.“ Bei der Ersterscheinung des Buches im Jahr 2015 schrieb das schwedische „Aftonbladet“: „Es ist ein gesundes Zeichen, dass die U-Bootfrage wieder in den Medien diskutiert wird. Die schwedische Nachrichtenzeitung „Dagensnyheter“ hat vor Jahren beschlossen, dass die U-Boot-Sichtungen russischen Ursprungs sind.

Die Beweislage aber lässt auf eine andere Herkunft schließen.“ Die U-Boote und die NATO-Beitrittsfrage scheinen für Mossberg eng miteinander verwoben. Bieten sich doch die feindlichen U-Boote als ein hilfreiches Mittel an, um die öffentliche Meinung in Richtung NATO-Beitritt zu lenken. Für Holmström war dies das Erschreckendste an seinen Entdeckungen:

Dies gibt ein völlig neues Bild der schwedischen Sicherheitspolitik ab. Die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt, und dem, was aufgedeckt wurde, ist in Schweden ungewöhnlich hoch.

Wenn Anfang September die Menschen in Stockholm gegen einen NATO-Beitritt demonstrieren werden, erscheint dies angesichts der Erkenntnisse Holmströms als zeitlich verspätet. Leider sind die Bücher nur auf Schwedisch erhältlich und über die Grenzen hinweg bisher nicht bekannt.