Internationale Terrorübungen in schwedischen Wohngebieten

Explosion einer Sprengfalle in Baghdad, April 2014.
Explosion einer Sprengfalle in Baghdad, April 2014.
Mit Flugblättern bittet das schwedische Militär um Verständnis für internationale Truppenübungen mit kontrollierten Explosionen. Gemeinsam mit anderen Staaten wird in schwedischen Städten der Terror geprobt. Woher die Gefahr droht, möchte das Militär aber nicht verraten.

von Olga Banach 

Letzte Woche fand ich ein Flugblatt in meinem Briefkasten. Schwarz umrahmt, mit dem Bild eines nach Minen suchenden Soldaten klärt das schwedische Militär darin die Anwohner auf, dass in den nächsten Tagen - vom 15. bis 26. August - internationale Militärübungen in der Region stattfinden werden. Der Inhalt des Flugblattes ist kurz gefasst und kryptisch. Es wird von einer "Gefahr" gesprochen, für Schweden und ganz Europa sowie darüber, wie notwendig es ist, die Polizei zu unterstützen. Worum es sich bei der "Gefahr" handelt, wird nicht weiter erläutert.

'Bison Counter', wie die Übung bezeichnet wird, findet jedes zweite Jahr statt und wurde zum ersten Mal 2013 in den Niederlanden abgehalten. Benannt nach der gleichnamigen 43. niederländischen Brigade, die als Symbol einen Bison in ihrem Wappen trägt, handelt es sich um eine 1.000 Mann starke Übung, deren Ausrichter die schwedische Armee und das 'Göta Engineer Regiment' ist.

Das traditionsreiche Regiment trainiert Ingenieure für den Einsatz im In- und Ausland, um Landminen und andere Explosivmittel zu bekämpfen. Eingeladen zum 'Bison Counter' sind alle europäischen Mitglieder des 'European Defence Agency Project' und die Länder, mit denen Schweden eine bilaterale Kooperation zur Bekämpfung von IEDs hat. 'Improvised Explosive Devices' ist der NATO-Slang für selbstgebastelte Sprengsätze, mit denen Aufständische reguläre Truppen angreifen. 

Zu den beteiligten Staaten gehören auch Norwegen, die Schweiz, Serbien und die Ukraine. Das Hauptaugenmerk der Operation ziele auf die Gefahr durch IEDs, so Major Jonas Frolund. Zu IEDs zählt alles, was durch Explosionen Schaden an Mensch und Sache verursachen kann.

Die folgenden Ziele stehen im Fokus der Übung: Ermitteln, Aufspüren, Neutralisieren, Vorhersagen, und Verhindern von Sprengmitteln. Er behauptet, IEDs seien eine "alltägliche Bedrohung in Europa" bekannt aus Attentaten in Brüssel, Paris und Nizza. Das verantwortliche 'Göta Engineer Regiment' hat bereits Erfahrungen in Afghanistan mit IEDs gesammelt, die in dieser Übung zum Einsatz kommen.

Die jüngsten Anschläge in Thailand allerdings verdeutlichen, wie schwer der Kampf gegen improvisierte Sprengsätze ist. Steigende Professionalität in der Herstellung und eine leichte Zugänglichkeit zu Explosivmaterial erschweren es, Angriffe mit Bomben zu verhindern. Obwohl die thailändische Regierung Hinweise auf bevorstehende Anschläge hatte, ließen sich diese nicht verhindern. Es handelte sich um improvisierte Bomben und Feuerbomben. Ein asymmetrischer Kampf, der sich nur schwer gewinnen lässt. 

Auch für die NATO ist die Bekämpfung von IEDs von Interesse. In Einsatzländern stellen Sprengstoffanschläge eine große Gefahr für die Truppen dar und so findet sich auf der Seite der NATO ebenfalls ein Hinweis über die geplanten Übungen in Schweden. Schweden ist bisher noch kein NATO-Mitglied, hat aber in diesem Jahr, unter Protesten im Parlament, ein Gastlandabkommen unterzeichnet.

Ich zeige einer Nachbarin das Flugblatt. Sie ist Studentin und scheint keine Meinung zu dem Papier zu haben. Es interessiert sie nicht weiter. Ein bosnischer Nachbar wirft das Papier direkt in den Müll. Die einzige Lösung sei, die Grenzen zu schließen, dann seien alle Gefahren gebannt.

Ein kleiner Ort südlich von Jönköping namens Skillingaryd soll das Zentrum der Operation sein. Von hier aus finden Übungen in dem Umfeld der Städte Jönköping, Eksjö und Karlskrona statt. Mehr als 20 Nationen haben ihr Interesse bekundet, als Teilnehmer oder Beobachter an der Übungen teilzunehmen.

Das Flugblatt enthält auch eine Telefonnummer, bei der ich mich als besorgte Anwohnerin melde. Auf meine Nachfrage nach dem Inhalt der Übungen und um welche Gefahr es sich denn handle, erhalte ich folgende Antworten:

Die Übungen seien nicht für das "Auge der Öffentlichkeit" bestimmt. Der Grund für die öffentliche Ankündigung sei es lediglich, das Volk über die bestehenden Übungen zu informieren, damit sich die Einwohner nicht von auftauchenden ausländischen Militärfahrzeugen auf schwedischen Straßen verunsichern lassen.

Was mich viel stärker verunsichert, ist die in dem Flugblatt nicht näher bestimmte Gefahr, der Schweden ausgesetzt sein soll. Seit geraumer Zeit besteht in Schweden eine erhöhte Terrorwarnstufe. Das kleine Land steht an dritter Stelle, nach Belgien und Frankreich, was die Zahl der Staatsbürger betrifft, die sich dem Krieg des IS in Syrien und Irak angeschlossen haben.

Gleichzeitig ist Schweden federführend, wenn es um Technologien zum Aufspüren von Sprengstoffen geht. Im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts namens 'Emphasis' testeten die Schweden einen Prototypen für Sensoren, die in den Abwassersystemen platziert werden, um Spuren von Sprengstoffherstellung im Abwasser zu orten.

Die Sensoren senden die Informationen zu einer Zentrale, in der Ort, Zeit und Höhe der Sprengstoffspuren festgestellt werden. Das Projekt, an dem 13 Nationen teilnahmen, war erfolgreich und wird derzeit weiterentwickelt. Aber wenn die Technologie so weit gediehen ist, dass sie in der Realität eingesetzt wird, werden sich die Terroristen vermutlich anderer Kriegsmittel bedienen, wie sie es schon tun.