Ukraine: Kiew lässt Maidan-kritische Schriftstellerin Miroslawa Berdnik festnehmen

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Die Nachricht über die Festnahme von Miroslawa Berdnik, Kiew-kritische Autorin und Mitglied des ukrainischen antifaschistischen Komitees, in der ostukrainischen Stadt Zaporozhje sorgt für Furore. Der ukrainische Sicherheitsdienst ermittelt gegen Berdnik wegen „Separatismus“. Der Autorin drohen mindestens 12 Jahre Haft. Ihre Bücher über Nationalismus in der Ukraine stehen auf der Schwarzen Liste des Landes.

von Wladislaw Sankin

Miroslawa Berdnik macht keinen Hehl daraus, was sie vom ukrainischen Nationalismus hält. Die studierte Biochemikerin ist seit der Orangenen Revolution 2004 als Autorin und Bloggerin in der antifaschistischen Szene aktiv. Bekannt ist sie vor allem durch ihr archivgestützes Buch „Die Bauern im fremden Spiel. Aus der Geschichte ukrainischer Nationalisten” aus dem Jahre 2011 und ihre tägliche Blogger-Tätigkeit unter dem Pseudonym varjag_2007. 35 Prozent der Besucher ihrer viel frequentierten Seite kommen aus der Ukraine.

Ihr Buch wurde auf die schwarze Liste gesetzt, Besitz und Weitergabe ihres Buches wird in der heutigen Ukraine strafrechtlich verfolgt. Ihre Einträge im Live-Journal zeugen von Sachkenntnis, sprachlicher Virtuosität und der Gewissheit, dass die nationalistische Anarchie in der Ukraine bald ein ruhmloses Ende haben wird:

Die Geschichte bezeugt darüber, dass alsbald die Ukraine aus der russischen Staatlichkeit herausgefallen wurde, verwandelte sie stets in den Raum einer brownschen Bewegung, durch den Gott-weiß-wohin die bäuchigen 'Kosakenchen' mit Pferdeschwänzen auf den Köpfen ritten und hinter dem Horizont der Rauch von den Bränden emporstieg. Deswegen spielt es keine Rolle, ob Russland die 'Ukraine-Frage' lösen will oder nicht. Es wird das tun unabhängig vom eigenen Wunsch“, schreibt Sie in ihrem Blog am 15 August.

Ihr Name ist bekannt, sie hat einen prominenten Vater, den sowjetisch-ukrainischen Schriftsteller, Dissidenten, Menschenrechtler und Mitglied der „Helsinki-Gruppe“ Oles Berdnik (1926-2003). Im März 2014 traf sie sich mit Abgeordneten des israelischen Parlaments anlässlich der Situation und steigendem Antisemitismus in der Ukraine nach dem Maidan.

Quelle: Ruptly

All das macht sie gefährlich für die nationalistisch gesinnte Führung des Landes. Seit Generationen in Kiew beheimatet, musste sie die Stadt nach dem Umsturz verlassen, da ihr Name und Adresse auf die berüchtigte Liste „Der Friedensstifter“ veröffentlicht wurden, was auch als Freigabe für die Jagd durch Behörden und Schläger zahlreicher nationalistischen Formationen gelten kann, wie der Tod des Schriftstellers Oles Busina belegt. Nun wohnt sie in Zaporozhje, einer sowjetisch geprägten ostukrainischen Industriestadt. Das Land kann sie aus Familiengründen nicht verlassen.

Es war ihr eigener, ebenjener Bekanntenkreis aus ukrainischen Journalisten und Schriftstellern, der jetzt in politischer Emigration lebt, der die Meldung über ihre Festnahme gestern verbreitete: Wladimir Kornilow, Oleg Tchalenko, Denis Denisow und viele mehr. Die Information über die Festnahme kam über die Tochter von Miroslawa Berdnik, die im Moment der Festnahme bei ihrer Mutter zu Besuch war. Ihr zufolge begegnete ihre Mutter drei Beamten des ukrainischen Sicherheitdienstes auf dem Weg ins Krankenhaus. Nach mehreren Operationen ist sie auf medizinische Hilfe angewiesen.

In den folgenden drei Stunden wurde die Wohnung durchsucht. Anschließend wurden Computer, Speichermedien und Telefone samt anderer „Beweisstücke“ beschlagnahmt. Darunter eine Broschüre über den „Großen Vaterländischen Krieg“ und ein Georgsband, das die Gardine in ihrer Wohnung schmückte. Dies gilt in der Ukraine ein streng verbotenes Symbol.

Nach stundenlangem Bangen in den sozialen Netzwerken erreichte gestern Abend die Medien eine unbestätigte Meldung über die Freilassung der Festgenommenen. Der ukrainische Sicherheitsdienst bestätigte die Ermittlungen gegen Berdnik. Ihr wird „die Tätigkeit, die territoriale Integrität des Landes zu gefährden“, bekannt als „Separatismus-Artikel“, vorgeworfen.

Die Kommentatoren wie der Publizist und Nationalismusforscher Armen Gasparyan, sind trotz der angeblichen Freilassung, äußerst besorgt über das weitere Schicksal von Miroslawa Berdnik. In den ukrainischen Gefängnissen sitzen Hunderte politischer Gefangene, es gibt ein funktionierendes Folter- und Erpressungssystem. Dabei ist der Gesundheitszustand der Journalistin im Moment sehr fragil, allein die Unterlassung ärztlicher Hilfe kann für sie tödliche Folgen haben.

Für Freunde der Schriftstellerin ist die Festnahme ein Beleg dafür, wie die ukrainische Behörden die „nicht loyalen“ Bürger unter Druck setzen. Neu ist dabei die Tatsache, dass diese nun die Arbeit der radikalen Schläger, die bis jetzt über ukrainische Straßen fast uneingeschränkt herrschen, übernehmen. Berdnik erhielt zuvor zahlreiche Drohungen aus der nationalistischen Szene.

Die wenigen ukrainischen Medien, die gestern über die Festnahme berichteten, frohlockten, dass die „ukrainophobe Kreml-Aktivistin“ gefasst wurde. Entsprechend schadenfroh reagierte das Maidan-Segment in sozialen Netzwerken. Russische Aktivisten, die im Westen als Menschenrechtler gelten, schwiegen bis jetzt zu dem Fall. Unterdessen hoffen Miroslawa Berdnik nahestehende Publizisten auf die politische Reaktion russischer Parlamentarier und Druck auf die Ukraine durch europäische Gremien.

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