Ukraine: Nationalistische Politiker und Rechter Sektor machen Stimmung gegen Friedensprozession

Ukraine: Nationalistische Politiker und Rechter Sektor machen Stimmung gegen Friedensprozession
Zwei kirchliche Prozessionen sind auf dem Weg nach Kiew. Am 27. Juli werden 20.000 Menschen zum Friedensgebet erwartet. Erklärtes Ziel der Prozession ist "die Hoffnung, den langersehnten Frieden in der Ukraine zu erreichen.“ Doch ukrainische Nationalisten – vom Rechten Sektors bis hin zu Parlamentspräsident Andrej Parubi und Geheimdienst-Chef Wasili Grizak, sehen höchste Gefahr im Anmarsch. Hinter den Prozessionen stehe Moskau, dass die Absicht habe die Ukraine zu destabilisieren.

von Ulrich Heyden, Moskau

Es sind zwei eindrucksvolle Prozessionen, die sich in diesen Tagen über Fernstraßen vom Westen und Osten der Ukraine Richtung Kiew bewegen. Mehrere Tausend Gläubige der Ukrainisch orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UPZ MP), darunter viele Frauen und auch Kinder, ziehen singend und betend durch wunderbar grüne und blühende Landschaften. Die Prozessionen werden angeführt von Priestern in  schwarzen Gewändern und jungen Männern die Ikonen und Kirchenfahnen tragen. Alle paar Kilometer macht man eine Viertelstunde Pause, um sich auszuruhen und etwas zu Essen.

Die beiden Prozessionen starteten Anfang Juli in Klöstern der West- und Ost-Ukraine. Seitdem nehmen Verdächtigungen und Verleumdungen gegen die Prozessionen von Tag zu Tag zu. Die ukrainischen Nationalisten – von den Straßenkämpfern des Rechten Sektors bis hin zu Parlamentspräsident Andrej Parubi und Geheimdienst-Chef Wasili Grizak, sehen höchste Gefahr für den Staat im Anmarsch. Hinter den Prozessionen stehe Moskau, dass die Absicht habe die Ukraine zu destabilisieren.

Parlaments- und Geheimdienstchef reden sich in Rage

Am Sonntag behauptete Parlamentspräsident Parubij, einige Priester des Moskauer Patriarchats hätten „nicht nur mit dem Wort, sondern sogar mit der Waffe in der Hand an der Front ukrainische Soldaten getötet.“ Woher er diese Informationen habe, sagte Parubij nicht. Der Parlamentspräsident erklärte, er habe als Erster vor den Prozessionen gewarnt. Separatistische Gruppen könnten die Prozessionen „zum Schüren von Hass und Auseinandersetzungen nutzen“. Die Ukrainische orthodoxe Kirche forderte den ukrainischen Geheimdienst auf, die Erklärung von Parubij zu untersuchen und dafür sorgen, dass ukrainische Politiker nie wieder derart unbegründete Vorwürfe machen.

Das Kloster Swjatogorsk, Ausgangspunkt der Kreuzprozession

Bereits einige Tage vorher hatte Parubij gewarnt, „der Feind arbeitete Pläne zur Destabilisierung der Situation im Land aus, indem man künstlich eine politische Krise und Unruhen auf den Straßen schafft.“ Der Vorwurf ist zynisch, denn Parubi selbst war als Kommandant des Maidan führend am Staatsstreich in der Ukraine beteiligt. Parubij zog nach Meinung ukrainischer Oppositioneller auch die Fäden beim Massaker im Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014.

Der ukrainische Geheimdienstchef Wasili Grizak erklärte am Sonnabend, auf einem Journalisten-Briefing, „diese Kräften, welche der Ukraine nichts Gutes wünschen, brauchen Franz Ferdinand, der den Grund für den ersten Weltkrieg gab.“ Damit spielte der SBU-Chef auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn an, der im Juni 1914 in Sarajewo einem tödlichen Anschlag zum Opfer fiel.

Die Gläubigen der Ukraine hätten „unbestreitbar das Recht“ auf die Glaubensausübung – so der SBU-Chef - , die Prozession könne aber von „dem Staat feindlichen gesonnenen Provokateuren für ihre eigenen Ziele ausgenutzt werden.“ Der SBU werde deshalb „alles Mögliche tun, um die Situation zu verstehen, die mit der Prozession zusammenhängen.“ Innenminister Arseni Awakow rief die „ukrainischen Patrioten“ auf, keine Gewalt gegen die Prozession anzuwenden.

Einige Gläubige tragen das St. Georgs-Band

Genüsslich veröffentlichen ukrainische Internet-Portale Fotos von Gläubigen, die ein St. Georgs-Band oder einen Anstecker mit dem Porträt des letzten russischen Zaren, Nikolaus II., trugen. Ukrainische Zeitungen warnten, schon 2014 hätten russisch-orthodoxe Priester auf der Seite der Aufständischen in der Ost-Ukraine gestanden und der bekannte Separatist Igor Strelkow habe 2013 ukrainische Klöster besucht.

Der Metropolit Antonij (Pakanitsch) von der UPZ MP rief die Gläubigen über die Website der UPZ MP eindringlich auf, keine politischen Parolen und Abzeichen zu tragen. Leider gäbe es in der Ukraine „ausreichend Kräfte, die aus der Kirche ein Feindbild machen wollen“. Diesen Kräften dürfe man „nicht den kleinsten Anlass geben.“

Einziges Ziel der Prozessionen, so der Metropolit, sei „die Hoffnung den langersehnten Frieden in der Ukraine zu erreichen.“ Das ganze Land sei „vom Krieg, vom Hass, Blutvergießen erschöpft“ und brauche „Frieden wie nie zuvor“. Deshalb sei die große Prozession organisiert worden. Das Ziel sei es, „das Land vom Westen bis zum Osten, von Nord nach Süd zu vereinen“.

Inzwischen haben sich auch die Oppositionspolitiker der Ukraine zu Wort gemeldet. Die Fraktion des „Oppositionsblock“ in der Werchowna Rada forderte den ukrainischen Präsidenten dazu auf, alles für die Sicherheit der Prozessions-Teilnehmer zu tun. Der im Februar 2014 nach Moskau geflüchtete ehemalige ukrainische Ministerpräsident Nikolai  Asarow, rief „alle ehrlichen und ordentlichen Menschen“ auf, die beiden Prozessionen zu unterstützen.

Das Moskauer Patriarchat - Ein Dorn im Auge der ukrainischen Nationalisten

Die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ist den ukrainischen Nationalisten schon lange ein Dorn im Auge. Sie sehen die UPZ MP als Störelement beim Aufbau eines russophoben Staates.

Versuche, das Moskauer Patriarchat aus der Ukraine zu verdrängen begannen bereits 1992. Damals spaltete Filaret, der Metropolit von Kiew, einen Teil der Gläugigen-Schar vom Moskauer Patriarchat ab und gründete die Ukrainische orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats (UPZ KP). Außerdem entstand einen Ukrainische orthodoxe Aftokefale Kirche. Seitdem kommt es vor allem in der West-Ukraine immer wieder zu gewaltsamen Übernahmen von Kirchen des Moskauer Patriarchats durch die UPZ KP.

Im April dieses Jahres wurde in der Werchowna Rada ein Gesetzesprojekt registriert, mit dem die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats unter die Kontrolle des ukrainischen Staates gestellt werden soll. Der Staat solle das Recht bekommen das Oberhaupt der UPZ MP zu ernennen. Unter den Autoren des Gesetzprojektes ist auch die bekannte Politikerin Julia Timoschenko.

Die Moskauer Nesawisimaja Gazeta vermutet, dass die jetzt stattfindenden Prozessionen eine Antwort der UPZ MP auf die drohende staatliche Gängelung sind. Moskauer Medien berichten ansonsten nur sehr wenig über die Friedens-Prozessionen in der Ukraine. Offenbar will man der ukrainischen Führung, welche versucht, die Prozessionen als von Russland gesteuert zu diskreditieren, keine Argumente in die Hand spielen.

700 Kilometer Fußmarsch

Die beiden Prozessionen starteten Anfang Juli von zwei Klöstern im Westen und Osten der Ukraine, dem Heiligen Uspenski-Kloster in der westukrainischen Stadt Potschajew und Cwatogorski-Kloster im Donbass. Die Prozession aus der West-Ukraine muss eine Strecke von 400 Kilometer zurücklegen, die Prozession aus der Ost-Ukraine 700 Kilometer. Nicht alle Teilnehmer gehen die gesamte Strecke, einige fahren auch mit dem Autobus. Am 27. Juli wollen sich die beiden Prozessionen in Kiew auf der Wladimir-Anhöhe vereinen, um dort der Taufe des russischen Fürsten Wladimir im Jahre 988 gedenken. Fürst Wladimir führte mit seiner Taufe das Christentum im Kiewer Rus ein.

In der Stadt Schitomir marschierten ukrainische Soldaten mit

Immer wieder stoßen die Prozessionen auf ukrainische Nationalisten, welche Parolen schreien oder versuchen, die Prozessionen  zu blockieren, so geschehen am 12. Juli im Gebiet Poltawa.

Ähnliche Bilder gibt es am 18. Juli auf dem Weg von Trigore zur Stadt Schitomir. Doch die Prozession war mit 4.000 Teilnehmern zu groß, um sie zu stoppen.

Vor der Stadt zentralukrainischen Stadt Schitomir versuchten zwanzig Aktivisten des Rechten Sektors, die Straße zu blockieren. Man könne den Soldaten der 95. Luftlandebrigade, die in Schitomir ihre Kaserne haben, die Prozession nicht zumuten, so die Blockierer. Die Brigade war an den Kämpfen um den Flughafen von Donezk beteiligt und hatte viele Kameraden verloren.

Doch die  Ereignisse nahmen einen unerwarteten Lauf. Wie der Pressedienst der UPZ MP berichtete, erreichten ukrainische Soldaten eben dieser 95. Luftlandebrigade durch Gespräche mit den Demonstranten des Rechten Sektors, dass die Blockade aufgehoben wurde und der Friedensmarsch in das Zentrum von Schitomir ziehen konnte, wo dann Tausende in der Kathedrale für den Frieden beteten. Ein Foto zeigt, dass sich Soldaten der Luftlandebrigade an der Spitze der Friedens-Prozession einreihten.

Die UPZ MP ist bemüht, zu dem Krieg in der Ost-Ukraine und der Gewalt auf dem Maidan eine neutrale Stellung zu beziehen. Wie der Pressedienst der Kirche hervorhob, hatten Teilnehmer des Friedensmarsches am 17. Juli ein Gebet vor dem Denkmal der „Himmlischen Hundertschaft“ in der Stadt Tschudnow abgehalten. Als „Himmlische Hundertschaft“ werden die Menschen bezeichnet, die im Februar 2014 auf dem Maidan von Heckenschützen getötet wurden.