Politchaos in Großbritannien: Das Establishment versucht sich an der Entmachtung Jeremy Corbyns

Trotz heftiger Attacken tiefenentspannt: Der Chef der britischen Labour Party Jeremy Corbyn
Trotz heftiger Attacken tiefenentspannt: Der Chef der britischen Labour Party Jeremy Corbyn
Im Schatten des Brexit sorgt die britische Politik derzeit auch an einer anderen Front für Tumulte. Der rechte Parteiflügel der Labour Partei versucht sich derzeit an einem Putsch an ihrem Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Das Partei-Establishment steht fast geschlossen hinter der Kampagne. Medien und die Konservative Partei sowieso. Doch der unkonventionelle Corbyn bleibt bislang standhaft und mobilisiert seine zahlreichen Anhänger an der Basis.

Die Zustimmung der Briten zum EU-Ausstieg des Königreiches schlug in das politische Europa wie eine Bombe ein. Vielerorts werden die Karten nun neu gemischt. Neben der noch unklaren näheren Zukunft bezüglich der Umsetzung des Brexit-Referendums und der Europäischen Union als Ganzes, sorgt die Abstimmung auch in der britischen Innenpolitik für weitere Tumulte. Die Partei-Elite der Labour Party versucht im Schatten des Brexit den von ihnen ungeliebten links-progressiven Parteichef Jeremy Corbyn loszuwerden.

Der Labour-Chef ist eine Ausnahmeerscheinung: Zeit seines Lebens Mitglied der Friedensbewegung, ein dezidierter Gegner des britischen Atomwaffenprogramms, ein scharfer Kritiker der US-Kriegspolitik und ein Verfechter sozialer Reformen zugunsten der normalen Bevölkerung. Kurzum: Eine Art britischer Bernie Sanders. Und wie der Senator aus Vermont will Corbyn gerne Regierungschef seines Landes werden. Der erste Schritt zu diesem Ziel gelang ihm im September 2015. Corbyn gewann die parteiinternen Wahlen zum Vorsitz von Labour und ist damit als Spitzenkandidaten für 2020 gesetzt. Vorausgesetzt der etablierten Parteielite gelingt es nicht, den 67-Jährigen noch aus seinem Amt zu jagen.

Genau daran arbeitet sich der rechte Parteiflügel nun ab. Corbyn hätte sich nicht ausreichend gegen einen Brexit eingesetzt heißt es und trage praktisch die Schuld für den Ausgang der Abstimmung. Ein konstruierter Vorwurf freilich, auf dem Rücken des derzeit dominierenden politischen Themas, doch die Kampagne war gut vorbereitet. Dass Corbyn nun ankündigte, einen Untersuchungsausschuss gegen die Kriegsverbrechen des ehemaligen Premiers Tony Blairs im Irak zu unterstützen, brachte das Fass zum Überlaufen.

Neben den eingebundenen Mainstreammedien, die Corbyn traditionell verachten, beteiligte sich auch ein Großteil der Parlamentsabgeordneten der Labour Party an dem Putschversuch. Nachdem die Vorwürfe gegen den Parteichef immer giftiger wurden, entzogen rund 80 Prozent der Parlamentarier Corbyn das Vertrauen. 172 Abgeordnete zogen die Putschisten auf ihre Seite. Ein krachendes Misstrauensvotum. Im Grunde war der Labour-Chef damit erledigt.

In einer Hetzkampagne wird Jeremy Corbyn auf Twitter bereits als

Doch dieser kommentierte nur trocken, er sei nicht der Parteielite verpflichtet, sondern der Basis. Und diese erkannte den Ernst der Lage. Eine spontane Pro-Corbyn-Demonstration in London brachte rund 10.000 junge Parteimitglieder auf die Straße. Auch die Gewerkschaften und ein Großteil der 400.000 Labour-Mitglieder stärkt dem systemkritischen Vorsitzenden den Rücken. Welchen Rückhalt Corbyn hat, belegt eine einfache Zahl. Vor seinem Wahlsieg lag die Zahl der Parteimitglieder von Labour noch bei der Hälfte.

Eine Parteiabstimmung, die sich gegen den Chef richtet, hat folglich keine Aussicht auf Erfolg. Und genau das wird nun wohl Corbyns nächster Schritt sein: Bestätigung durch die Basis mit darauffolgender Abstrafung der Putschisten. Da hilft es wenig, dass auch der scheidende Premierminister David Cameron den Labour-Vorsitzenden heute im Unterhaus scharf attackierte. Fast schon flehend schleuderte dieser in Corbyns Richtung: „In Gottes Namen, Mann, gehen Sie!“. Derzeit ist es allerdings wahrscheinlicher, dass Cameron derjenige ist, der bald geht.