Gerühmt seien die Helden: Höchste Auszeichnung der Ukraine geht meistens an Beamte und Abgeordnete

Gerühmt seien die Helden: Höchste Auszeichnung der Ukraine geht meistens an Beamte und Abgeordnete
Nach der Verhaftung eines korrupten ukrainischen Gouverneurs und "Helden der Ukraine", der in seinen unterirdischen Tunneln Goldbarren und Antiquitäten versteckt hatte, beschloss die ukrainische Tageszeitung Westi, zu überprüfen, wer noch die höchste Auszeichnung des Staates erhalten hatte. Es stellte sich heraus, dass neben Militärs, Wissenschaftlern und Sportlern vor allem in Skandale verwickelte Regierungsbeamte und Abgeordnete damit geehrt worden waren.

Die ukrainische Staatsanwaltschaft hat den ersten Vizegouverneur des Gebiets Nikolajew, Nikolaj Romantschuk, wegen Bestechlichkeit festgenommen. Auf seinem Landgut hatte der Politiker vier Häuser errichten und sie miteinander mit unterirdischen Tunneln verbinden lassen. Dort stellte die Polizei mehrere mit Gold und Devisen vollgestopfte Tresore sicher. Das Brisanteste an der ganzen Geschichte ist jedoch nach Interpretation ukrainischer Medien die Tatsache, dass Romantschuk den Titel des "Helden der Ukraine" trägt und auf der Liste der Personen steht, die einen besonderen Beitrag zur Entwicklung des Landes geleistet haben.

Und das ist kein Einzelfall. Ukrainische Journalisten haben herausgefunden, dass es unter den Ausgezeichneten viele ehemalige und amtierende, in Korruptions-Skandale verwickelte Beamte und Politiker gibt.

Seitdem das Land unabhängig ist, haben mehr als 400 Menschen den Titel des Helden der Ukraine bekommen. Die höchste Auszeichnung wird gemäß Erlass „für eine herausragende persönliche Heldentat oder Arbeitsleistung“ verliehen. Auf der Heldenliste stehen der erste ukrainische Kosmonaut Leonid Kadenjuk, der Politiker Wjatscheslaw Tschernowol, die Olympia-Sieger Sergej Bubka und Jana Klotschkowa, der Fußballtrainer des FC Dynamo Waleri Lobanowski, die Sängerin Sofia Rotaru, die Schauspielerin Ada Rogowzewa und der Fußballspieler Andrej Schewtschenko. Das Blatt listet aber auch unerwartete Personen auf: Als Helden der Ukraine haben sich rund 50 Direktoren verschiedener Betriebe erwiesen.

Der Wegbereiter für all diese „Heldentaten“ ist Ex-Präsident Leonid Kutschma: Unter den fünf ersten von ihm ausgezeichneten Personen sind drei Direktoren. Einer von ihnen ist der Leiter des für Kutschma heimischen Werkes „Juschmasch“ in Dnepropetrowsk. Kutschmas Nachfolger haben die Tradition fortgesetzt und ihre Vertrauten ausgezeichnet. Der Vater des amtierenden Präsidenten, Alexej Poroschenko, hat den ehrenvollen Titel im Juni 2009 von Wiktor Juschtschenko pünktlich zum Geburtstag verliehen bekommen. 2011 hat Wiktor Janukowitsch damit Boris Bilasch gewürdigt, der dem Staatschef Gedichte gewidmet und gegen seine Gegner Epigramme geschrieben hat.

Den Titel des Helden der Ukraine tragen der frühere Bürgermeister von Kiew, Alexander Omeltschenko, der einige tödliche Verkehrsunfälle auf dem Gewissen hat, und die berühmt-berüchtigte Abgeordnete Tamara Proschkuratowa, die sich mit den Handschellen an den Ex-Gouverneur des Gebiets Transkarpatien gefesselt hatte, um ihn vor der Polizei zu schützen. Unter den Helden taucht außerdem der Abgeordnete Walentin Landik, Onkel von Roman Landik, auf, der das ukrainische Modell Maria Korschunowa in einem Nachtclub verprügelt hat.

Der ehemalige Abgeordnete Taras Tschernowol meint, dass die Titelverleihung oft zu einem Element des politischen Handels wird.

„Gerüchten zufolge soll ein gewisser Gouverneur den Titel ebenso bekommen haben. Ich glaube zwar nicht, dass er dafür einen Koffer mit Geld spendiert hat. Man wird eher für gewisse Verdienste geehrt. In Frage kommen zum Beispiel das gewünschte Wahlergebnis oder die Unterstützung im Geschäft. Wir haben einmal errechnet, dass es auf der Liste der Ausgezeichneten viel mehr Unternehmer und Beamte gibt, als Menschen, die eine Heldentat vollbracht haben“, erklärte Tschernowol gegenüber Westi.

Das ukrainische Blatt resümiert dennoch, dass seit der „Maidan“-Revolution der Titel des Helden der Ukraine mehrheitlich den auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew gefallenen Protestlern und Teilnehmern der Kampfhandlungen im Donbass verliehen worden ist. Seit kurzem trägt diesen Titel auch Nadeschda Sawtschenko, die in Russland wegen des Mordes an zwei russischen Journalisten verurteilt und später von dem Präsidenten begnadigt worden ist.