Tatsachen und Hintergründe, die der Westen lieber ignoriert: Die "ukrainische Heldin" Sawtschenko

Tatsachen und Hintergründe, die der Westen lieber ignoriert: Die "ukrainische Heldin" Sawtschenko
In einem Gastbeitrag präsentiert Zlatko Percinic dem deutschen Publikum bisher kaum bekannte Fakten über den Werdegang sowie politischen Hintergrund der im Westen als "Heldin der Ukraine" gefeierten Nadija Sawtschenko und dekonstruiert en passant das westliche Propagandanarrativ.

von Zlatko Percinic

Es war DIE Sensationsmeldung in nahezu sämtlichen Medien auf der Welt. Politiker, Diplomaten und selbst Staatsoberhäupter meldeten sich zu Wort. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier meinte dazu, es wäre eine "gute Nachricht, für die wir lange gearbeitet haben und auf die wir dennoch lange warten mussten."

Man hätte meinen können, Europa feierte die Freilassung eines neuen Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi, beides Männer die außer der Wahrheit zu sagen, nichts weiter verbrochen haben und trotzdem jahrelang im Gefängnis saßen. Da es sich um eine Frau handelt, könnte man auch die moderne Version einer Jeanne d`Arc zum Vergleich hinzuziehen, so wie es die Medien in der Ukraine tun. Und wie einige Gefängnisinsassen vor ihr, die es nach der Entlassung zu Weltruhm geschafft haben, hat auch Nadija Sawtschenko ein Buch während ihrer Haftstrafe geschrieben: "Es ist ein starker Name, Hoffnung".

Der Kiewer Maidan im Dezember 2014

Wer aber ist diese Frau, die scheinbar über so viel Einfluss verfügt, dass sich die Mächtigen dieser Welt so sehr für ihre Freilassung eingesetzt haben?

Sawtschenko stammt aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Ihre Mutter nannte sie liebevoll "Nadeschka", was so viel wie "Hoffnung" bedeutet. Hoffnung auf ein besseres Leben, Hoffnung auf eine bessere, eine andere Welt. Die heute 37-jährige Sawtschenko studierte zuerst Journalismus an der renommierten Schewtschenko-Universität in Kiew. Nach nur einem Jahr brach sie aus unerklärlichen Gründen das Studium ab. Anschließend schrieb sich in die ukrainische Armee als Funkerin in den Bahntruppen ein. Auch da hielt sie es nicht lange aus - aus Langeweile wie sie selbst später sagte - und wechselte als einzige Frau in das 95. Fallschirmjägerregiment.

Als die USA den illegalen Feldzug und anschließende Besatzung des Iraks durchführten, entsandte die Ukraine als Teil der "Koalition der Willigen" unter anderem Sawtschenkos Einheit in den Irak. Nach ihrer Rückkehr in die Ukraine gestand ihr das Verteidigungsministerium das Recht zu, sich als erste Frau in der noch jungen Geschichte der Ukraine an der Eliteausbildungsstätte der Luftwaffe in Charkow einzuschreiben, eine bis dahin ausschließlich von Männern dominierte Welt der Kampfpiloten. Sawtschenko wollte Pilotin des russischen Kampfhelikopters Mi-24 werden, der unter der Bezeichnung "Hind" im Afghanistankrieg durch die Sowjetunion eingesetzt wurde und für Tod und Verwüstung am Hindukusch sorgte.

Das ist das Bild von Nadija Sawtschenko, das von den Medien und dutzenden Politikern in der Ukraine, Europa und den USA gepflegt und verbreitet wird. Von Nadeschka, die ihrem Namen alle Ehre macht und es zu etwas gebracht hat. Die gezeigt hat, wie man durch Wille und Ehrgeiz auch Dinge schafft, die von allen anderen als unmöglich abgestempelt wurden. Und das noch in der Ukraine, einem von Korruption geplagten und von Oligarchen fest im Griff gehaltenen Land. Nadeschka, die in der Ukraine den amerikanischen Traum lebt, den American Way of Life.

Dann kam der November 2013, der Monat in dem Präsident Viktor Janukowitsch verkündete, nicht mehr seine Unterschrift unter das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union setzen zu wollen, und damit für Proteste in einigen Städten der West-Ukraine sorgte. Es kam die Zeit der Maidan-„Revolution" in Kiew. Hunderttausende Menschen protestieren gegen die Entscheidung ihres Präsidenten. Unter ihnen auch Nadeschka. Ihr Name – Hoffnung – stand gleichsam für das Motto der Demonstranten.

Dieser Punkt war sozusagen das Sahnehäubchen auf diesem zuckersüßen Lebenslauf von Nadija Sawtschenko und damit Grund genug, dass sich Europa anfing für sie zu interessieren. Oder viel mehr jene Stimmen der Europäischen Union, die sich ihrer Arbeit beraubt sahen, als Janukowitsch die Party in Vilna (hier sollte das Assoziierungsabkommen feierlich unterzeichnet werden) sprichwörtlich im Regen stehen ließ.

Ab diesem Zeitpunkt hörte der Lebenslauf der Nadeschka Sawtschenko für westliche Unterstützer auf. So als ob Nadeschka gestorben wäre und "nur" noch Nadija übrig blieb. Nadija, die fortan hauptsächlich Sawtschenko genannt werden sollte. Sawtschenko, die Frau die sich dem "Freiwilligen-Bataillon" Aidar anschloss und mutig ihr Vaterland gegen die "russische Invasion" im Osten des Landes verteidigte, bis sie am 18. Juni 2014 plötzlich verschwand und in den Händen der Rebellen auftauchte.

Sämtliche Vorwürfe gegen Sawtschenko, dass sie als Funkerin (in Deutschland besser bekannt als Fernmeldeoffizierin) einen Artillerieangriff auf eine Gruppe von russischen Reportern koordiniert hat, der zum Tod von Igor Korneljuk und Anton Woloschin geführt hat, stritt sie zusammen mit ihrem Anwalt während der Verhandlung ab. Obwohl sie während ihrer Zeit in den Händen der Rebellen ein umfangreiches Geständnis für diese Tat abgegeben hat, wurde es vom Anwalt als nicht beweiskräftig abgetan, da es angeblich unter Folter erzwungen wurde. Zwar kann man diese Behauptung weder beweisen noch vollkommen in den Wind schlagen, aber auf dem Videogeständnis macht Sawtschenko keinen Eindruck als ob sie gefoltert wurde. Das bemerkte auch der ehemalige CIA-Propagandasender "Radio Free Europe", der in einem Artikel festhielt, dass Sawtschenko "einen guten Eindruck erweckt, obwohl sie sich in der Haft von Rebellen befindet".

Die andere Seite von Nadija "Nadeschka" Sawtschenko

Die Wirrungen in der Geschichte fangen jedoch schon damit an, dass Sawtschenko gar keine Pilotin ist. Obwohl sie in sämtlichen Berichten der Medien, auch in russischen, als Pilotin bezeichnet wird, hatte sie die Ausbildung an der Pilotenakademie in Charkow nicht bestanden. Vielmehr wurde sie von der Akademie aufgrund von Disziplinarverstößen geschmissen, bis sich Verteidigungsminister Anatolij Hryzenko persönlich für sie einsetzte und die Akademie zur nochmaligen Aufnahme von Sawtschenko zwang. Ein ehemaliger Kommilitone, der sie als "Adrenalin-Junkie" beschrieb, äußerte sich folgendermaßen zu dem Rauswurf:

"Nadija war eine Psychopathin, vor der sogar die Vorgesetzten Angst hatten. Eine Psychopathin, die vom ehemaligen Verteidigungsminister Anatolij Hryzenko gedeckt wurde. Nadija wurde für Hooliganismus und asoziales Verhalten suspendiert. Doch dann wurde sie dank Hryzenko wieder zur Akademie zugelassen. Das letzte Mal sagte der Vorgesetzte, dass man solche unzurechnungsfähigen Bljadi (ein wüstes Schimpfwort) nicht einmal an Papierflugzeuge lassen darf. Nadija hasste Russen schon immer. Sie nähte sogar ihre Uniform um, um nicht in einer herumlaufen zu müssen die den Moskowitischen [einer abwertenden Bezeichnung der Ukrainer für Russen] ähnlich sieht. Eine richtige Bandera-Fanatikerin."

Schließlich gelang Sawtschenko doch noch ein Abschluss an der Eliteflugakademie in Charkow: allerdings nicht als Pilotin, sondern als Navigatorin.

Die US-amerikanische Invasion und Besatzung des Iraks im Jahr 2003 bot ihr schließlich eine Möglichkeit, ihr Wissen und ihr Interesse am Kriegshandwerk in der Praxis einzusetzen. Als Mitglied des 95. Fallschirmjägerregiments, war sie im August 2003 mit den ersten ukrainischen Truppen dabei, die den US-Besatzern zur Seite stehen sollten. Aufgrund des Rotationssystems, das die Einsatzdauer der Soldaten regelt, wechselte sie von den Fallschirmjägern zur 3. Kompanie der 72. Separaten Mechanisierten Brigade, um so schneller wieder auf dem Kriegsschauplatz im Irak zu sein, wo sie als Schütze von schweren Infanteriegeschützen für weitere sechs Monate diente. In einem Interview von 2009, sinnierte Sawtschenko über ihren Einsatz im Irak mit den Worten: "Krieg ist der einzige Platz für einen Soldaten, wo er das tun kann was er eigentlich tun soll, statt Zigarettenstummel wegzuwischen oder Toiletten zu putzen".

Auch hier schimmern wieder die Probleme durch, die ihr Kommilitone der Flugakademie beschrieben hat. Aber dass die ukrainischen Truppen im Irak von Anfang an Probleme mit der NATO-Intraoperabilität hatten, was schließlich Sinn und Zweck des ukrainischen Einsatzes war, sagte sie natürlich nicht. Sexuelle Belästigung, Alkoholmissbrauch und "niedere psychische Moral" plagte die ukrainische Truppen, genauso wie Korruption im Kommandostab.

Die "Orangene Revolution" von 2004 habe sie politisch verändert, sagte sie im selben Interview. Die ukrainische Nation, das Vaterland, sollte endlich wirklich unabhängig werden. Dann kam der November 2013, der für Nadija Sawtschenko endlich den langersehnten Adrenalinschub bringen sollte. Endlich konnte sie wieder für eine Sache kämpfen, für die es sich aus ihrer Sicht zu kämpfen lohnte: die Maidan-„Revolution“, oder auch „Revolution der Würde“. Dass diese Revolution weder etwas würdevolles an sich hatte, noch in irgendeiner Art und Weise so abgelaufen ist, wie westliche Medien es versuchten darzustellen, wurde bereits hier und hier klar dargelegt.

Während der Proteste richtete Sawtschenko mit ihrer Schwester eine Art Feldlazarett für übermüdete, kranke oder verwundete Maidan-Aktivisten in der Wohnung ihrer Mutter ein. Als die ukrainische Armee im Mai 2014 gegen die eigenen Bürger im Osten des Landes, im ressourcenreichen Donbass losschlug und die Rebellen als Terroristen deklariert, war Sawtschenko mit dabei. Die 72. Separate Mechanisierte Brigade, die sie aus ihrer Zeit im Irak nur zu gut kannte, ist Teil des, von der Putschistenregierung in Kiew als "Antiterror-Operation/ATO" bezeichneten, Feldzuges. Mit ihnen zieht sie nach Lugansk, wo sie sich dem "Freiwilligen-Bataillon" Aidar anschließt, das zum Zeitpunkt des Beginn des Krieges gegründet und durch den ukrainisch-jüdischen Oligarchen Ihor Kolomoiski finanziert wurde.

Dass sich Sawtschenko dem Aidar-Bataillon angeschlossen hat, hat nicht zuletzt auch mit der Erziehung ihres Vaters Viktor zu tun. Ihre Mutter, Maria Ivanovna, erklärte in einem Interview, dass "Nadeschka und Wira jeden Abend von ihrem Vater unterrichtet wurden", und er versucht hat, den Mädchen "Stolz, Patriotismus und Liebe zum Vaterland" beizubringen. Die Mutter selbst unterrichtete Nadija und Wira in der ukrainischen Sprache und Literatur. Auch auf dem „Lehrplan“: Stolz, Patriotismus und Liebe zum Vaterland.

Die beiden Sawtschenko-Schwestern wurden schon im frühesten Kindesalter, noch während der Zeit der Sowjetunion, mit nationalistischem Gedankengut indoktriniert, was konsequenterweise den Hass auf alles Russische beinhalten musste. Das war schließlich auch der Grund, weshalb sie sich dem Aidar-Bataillon anschloss, zu dessen Anführer Serhiy Melnychuk sie möglicherweise bereits in Kiew in Kontakt kam. Als Mitglied der Radikalen Partei der Ukraine - eine ultra-nationalistische Partei - und späteres Parlamentsmitglied, war Melnychuk kein unbeschriebenes Blatt in Kiew. Auch nicht bei den Maidan-Protesten. 

Blockade auf dem Maidan, Kiew.

Dem Aidar-Bataillon werden zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen. Nicht nur von russischen Quellen, die wohl sofort als „Propaganda“ abgetan werden würden, sondern von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Ukrainischem Komitee für Menschenrechte. Selbst Aidar-Anführer Melnychuk musste zugeben, dass die Situation mit seinen Kämpfern im Osten der Ukraine außer Kontrolle geraten ist. Das gilt auch für Nadija Sawtschenko. 

Kaum beim Aidar-Bataillon angekommen - wo ihre praktischen Kampferfahrungen hoch geschätzt wurden – entführte der Trupp einen russisch-orthodoxen Priester, dem vorgeworfen wurde, er habe beabsichtigt, eine "terroristische Gruppe in der Ukraine zu gründen". Der Priester, Vladimir Moretsky, sagte nach seiner Freilassung aus, wie er und seine Mitgefangenen von den Aidar-Kämpfern gefoltert wurden. Nadija Sawtschenko beschrieb er als eine "der gewalttätigsten von ihnen". Weiter sagte der Priester aus:

"Wir wurden umgebracht, wurden exekutiert, haben gebrochene Knochen, wir wurden nicht nur mit Händen und Füßen geschlagen, sondern mit Gewehrkolben und allem anderen, was sie sonst noch in die Hände bekamen. Die Gewalttätigste unter ihnen war Nadeschka Sawtschenko. Sie hat persönlich vorgeschlagen, unsere Organe zu verkaufen um damit Geld zu machen. Sie hat persönlich vorgeschlagen, uns zu töten, sollten wir uns weigern unsere Organe abzugeben."

Dass nicht nur Männer im Krieg zu Sadisten werden können, haben auch die schrecklichen Ereignisse von Abu Ghraib im Irak gezeigt.

Dann kam der 18. Juni, der Tag an dem Nadija Sawtschenko verschwand.

#FREESAVCHENKO und Rebecca Harms, Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament

Rebecca Harms war eine der führenden Streiterinnen für die Freilassung von Nadija Sawtschenko aus einem russischen Gefängnis, wo sie wegen Mordes an den zwei russischen Reportern für schuldig befunden und zu einer 22-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Harms, geboren und aufgewachsen in Niedersachsen, zeigte schon früh in ihrer Karriere einen Hang zum kämpferischen Aktivismus. Mit 21 Jahren gehörte sie laut Selbstauskunft zu den Mitbegründern der Bürgerinitiative „gegen Gorleben, einer der ersten Anti-AKW-Initiativen in Deutschland".Drei Jahre später war Harms Sprecherin der "Republik Freies Wendland". Die selbstausgerufene Republik, bestehend aus einem Dorf mit 300-500 Personen, war "Spaß und Ernst zugleich". Man stellte einen "Wendenpass" für die Wendland-"Bürger" aus, in dem durchaus eine politische Parole enthalten war, die für die Staatsgewalt mehr Ernst als Spaß war:

"Der/die Inhaber/in dieses Passes ist Bürger/in der Republik Freies Wendland und gibt somit zu verstehen, dass ein Staat, der die Unversehrtheit seiner Menschen an Körper, Geist und Seele nicht gewährleistet, der die natürlichen Ausgewogenheiten zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Mineralien nicht erhalten kann, der die Ausbeutung Aller zugunsten von letztendlich Niemand betreibt, der an dem tödlichen Missverständnis festhält, dass innere und äußere Sicherheit durch Waffen und Uniformen hergestellt werden kann, dass ein solcher Staat nicht länger der Seine/Ihre ist!"

Hier zeigen sich deutliche Tendenzen zur Bereitschaft, einen Kampf gegen die Regierungsgewalt zu führen, notfalls mit Rebellentum der als jugendlicher Spaß oder Aktionismus abgetan wird. Dass Rebecca Harms angesichts dieser Erfahrung Sympathien für andere Rebellen entwickelte, wie eben zum Beispiel eine Nadija Sawtschenko, kann keine große Überraschung sein. 

So traf sie sich bereits nur einen Monat nachdem Sawtschenko von der Front im Donbass verschwunden war, mit einer Vertretung der polnischen "Open Dialog Foundation", um über Möglichkeiten zur Freilassung der Ukrainerin zu beratschlagen. Eine Möglichkeit war die vom Briten Max King ins Leben gerufene Aktion #FREESAVCHENKO zu unterstützen und über soziale Netzwerke zu verbreiten. Als Vorsitzende der Grünen im Europaparlament setzte sich Harms leidenschaftlich in einer ukrainischen Flagge gehüllt für die Freilassung von Sawtschenko ein. Selbstverständlich wurde sie von ukrainischen Regierungsvertretern in Kiew, von Diplomaten in Berlin und Brüssel hofiert, um sie medial für ihre Sache in Szene setzen zu können. Immerhin wurde Sawtschenko am 2. März 2015 durch den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zur "Heldin der Ukraine" erklärt und in den Stand einer Parlamentsabgeordneten erhoben.

Als Rebecca Harms Ende September 2015 versucht hat, zusammen mit Vertretern der "Open Dialog Foundation" nach Moskau zu reisen, um an der Verhandlung von Nadija Sawtschenko als "Beobachterin" teilzunehmen, wurde ihr die Einreise verwehrt. Harms behauptete, dass man sie nicht nach Russland einreisen lassen wollte, "weil sie vermutlich für Sanktionen gegen Russland gestimmt hat". Auch EU-Parlamentschef Martin Schulz setzte sich umgehend mit einer Protestnote an die russische Botschaft für sie ein. Russlands EU-Botschafter erklärte, dass diese Verweigerung nichts mit dem Fall Sawtschenko zu tun habe, sondern eine "wie du mir so ich dir"-Maßnahme war, nachdem die EU zuvor einige russische Parlamentsabgeordnete auf eine schwarze Liste gesetzt hatte, und Harms im Gegenzug auf eine ebensolche Liste gesetzt wurde. Die "Open Dialog Foundation", die über Büros am Hauptsitz Warschau, Kiew und Brüssel verfügt und sich eigentlich der „Förderung von Demokratie und des Dialogs in Russland, Ukraine und Kasachstan“ verschrieben hat, untersteht direkt dem polnischen Außenministerium und wurde deshalb im Dezember 2015 in Russland verboten.

Immer wieder behauptete Harms – und nicht nur sie - die Freilassung von Sawtschenko sei Teil des Minsker Abkommens, welches von den teilnehmenden Parteien unterzeichnet wurde. Dabei wird Sawtschenko in diesem Abkommen mit keinem Wort erwähnt, sondern der entsprechende Paragraph hält schlicht fest, dass "alle Geiseln und illegal festgehaltene Personen freigelassen werden sollen". Ob aber jemand, der gemäß geltenden russischen Gesetzen inhaftiert und verurteilt wurde - unabhängig davon, ob dieser Prozess von der EU und den USA als "Schauprozess" bezeichnet wird - auch unter diese Kategorie fällt, ist eine Frage, die nur von internationalen Völkerrechtlern beantwortet werden kann. Fest steht zumindest, dass sich die EU nicht für eindeutige Fälle von Menschenrechtsverletzungen wie zum Beispiel Guantanamo in ähnlicher Weise eingesetzt hat.

Wie dem auch sei, die ganze Lobbyarbeit der diversen Kampagnen und politischer Unterstützung führte dazu, dass Nadija Sawtschenko freigekommen ist. Mit offiziellen Begrüßungen aus dem gesamten politischen Spektrum der westlichen Welt. Die Frage aber muss lauten, zu welchem Preis? 

Geht es nach Julian Hans, dem Schweizer Moskau-Korrespondenten für den Tagesanzeiger, ist es ein "Verlustgeschäft für Moskau" und ein "Triumph für den ukrainischen Präsidenten". Dem würde Rebecca Harms vermutlich ebenso zustimmen, wie es viele andere Politiker auch tun würden. Sie alle unterliegen dabei einem gewaltigen Irrtum. Sie ignorieren die Realität in der Ukraine, ebenso wie sie den Putsch gegen Viktor Janukowitsch ignorieren. Nicht umsonst erreichte eine Petition zur Freilassung von Sawtschenko gerade einmal 9.566 Unterschriften, weit entfernt von den anvisierten 50.000 Solidaritätsbekundungen.

Was Rebecca Harms und viele andere Politiker völlig außer Acht lassen, ist die Bedrohung für die Regierung von Petro Poroschenko durch ultranationalistische und offen neo-nazistische Gruppierungen. Sie drohen damit, die Regierung zu stürzen, sollte Kiew versuchen jemals das Minsker Abkommen umzusetzen. Um ihrer Drohung auch Taten folgen zu lassen, versammelten sich tausende Anhänger des neo-nazistischen Azov-Bataillons am 19. Mai 2016 in Kiew, um in einem martialischen Protestmarsch bis zum Parlamentsgebäude ihre Parolen durch die Straßen zu rufen. Die wichtigste Botschaft der Azov-Anhänger an die Regierung von Poroschenko war, keine Wahlen im Donbass zuzulassen wie sie im Gegensatz zur Sawtschenko-Freilassung sehr wohl im Minsker Abkommen vorgesehen sind. 

Aus Rücksicht - oder aus Angst - vor diesen rechtsradikalen Strömungen, plant das ukrainische Parlament bereits die Wahlen im Donbass per Gesetz zu verbieten. Sollte dieses Gesetz rechtskräftig werden, wäre das ein direkter Verstoß gegen das Abkommen von Minsk.

Und hier könnte Nadija Sawtschenko noch eine wichtige Rolle spielen. Obwohl es immer wieder verneint wurde, dass sie überhaupt etwas mit dem Aidar-Bataillon zu tun hatte, standen dennoch Männer mit einer Aidar-Flagge mit im Präsidialpalast in Kiew, wo sie von Petro Poroschenko nach ihrer Rückkehr geehrt wurde. Auf der Internetseite von Präsident Poroschenko wurde eine weitere Petition veröffentlicht, die verlangt, Sawtschenko zur Präsidentin der Ukraine zu machen. Aber auch da hält sich der Ansturm in Grenzen. Was aber als sicher gelten darf, ist, dass sie zum Spielball von Oligarchen werden wird, die ihre eigene Agenda verfolgen und sie als Faustpfand oder Druckmittel benutzen werden. Selbst wenn das heißen sollte, sie als Präsidentin einzusetzen. Ein Gedanke, der Sawtschenko offensichtlich schmeichelt, und den sie mit den Worten kommentierte: "wenn das Volk das will, dann werde ich Präsidentin." Petro Poroschenko dürfte diese Idee alles andere als gefallen.

Zugegeben, das alles ist nicht gerade das Bild, das uns Rebecca Harms von ihrer "Freundin" Sawtschenko zeichnen möchte. Im Gegenteil, sie hat bereits angekündigt die "Heldin der Ukraine" im Europaparlament zu begrüßen. Es scheint, als ob Deutschland, aber auch Europa, nichts von der eigenen Geschichte gelernt haben. Stattdessen feiert man lieber und merkt dabei nicht, dass das vermeintliche "Verlustgeschäft für Moskau" zur eigenen Blamage geworden ist. 

Wie sich diese fahrlässige und an Ignoranz grenzende Entwicklung mit dem Europaparteiprogramm der Grünen vereinbaren lässt, in welchem von "Demokratie und Menschenrechten" die Rede ist, werden die Verantwortlichen vermutlich erst dann erklären, wenn es schon zu spät ist. Wenn überhaupt.

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