Medienhysterie in Schweden: Russische Trolle überall

Die schwedische Korvette HMS Visby auf der bisher erfolglosen Suche nach russischen Trolls in den Fjorden um Stockholm.
Die schwedische Korvette HMS Visby auf der bisher erfolglosen Suche nach russischen Trolls in den Fjorden um Stockholm.
Schweden ist als Land der Wälder und Trolle bekannt. Doch glaubt man der schwedischen Presse, so treibt nun ein anderer Troll sein Unwesen: Er ist russischer Natur, bösartig und unberechenbar.

von Olga Banach

Wer hat nicht von den russischen U-Bootsichtungen in Schweden gehört.

Im April kam es zu einer absurden Diskussion um ein russisches Flugzeug mit Namen M-55 Geophysika, welches sich zu Forschungszwecken im Norden Schwedens befand. Nun wurde in der schwedischen Presse festgestellt, dass die Flugroute von russischer Seite aus bewusst über militärisch wichtigem Gebiet gewählt worden ist, während das Flugzeug selbst von europäischen Forschern gemietet wurde. Nach Abschluss der Flugroute landete das Flugzeug zum Ende seiner Fluggenehmigung im schwedischen Kiruna. Die Bemühungen um eine weitere Genehmigung wurden abgelehnt und das Flugzeug verließ Schweden nach sechs Tagen. Dies wurde als ernstzunehmender Vorfall in Schweden angesehen und der Regierung gemeldet. Das erteilte Flugverbot wurde mit einem geplanten Militärmanöver in der Region begründet

Der Stein des Anstoßes, ein Projekt namens „StratoClim“, wurde von dem deutschen Wissenschaftler Fred Stroh geleitet. Es handelt sich hierbei um ein von der EU finanziertes Forschungsprojekt. Für die geplanten Tests erwies sich der Norden Schwedens mit seinem Forschungsflughafen in Kiruna und ruhigem Luftraum als ideal und bot die Kältebedingungen, die für die Tests notwendig waren.

Die Flugroute, zuvor von der russischen Botschaft ordnungsgemäß abgeliefert, bedürfe allerdings einer Anpassung an die meteorologischen Verhältnisse.  Andererseits muss für eine Genehmigung, um den schwedischen Luftraum zu betreten, eine Flugroute im Vorhinein feststehen. Willhelm Agrel, Professor für Intelligenzanalyse politischer Studien in Lund, kontert, dass das angebliche Forschungsvorhaben auch nur eine Tarnung gewesen sein könnte. Beweise hierfür liegen allerdings nicht vor. 

Die Forschungen sollen Anfang Juni, nach Rückkehr des Forschungsflugzeugs aus Asien, weitergehen.

In der schwedischen Presse wird nicht nur erst seit der Abstimmung des „NATO Country Host Agreements“ durch das schwedische Parlament über eine Invasion Russlands diskutiert. Der schwedische General Leutnant Brännström schürte vor einem halben Jahr die Angst vor einem Angriff, der in den kommenden Jahren bevorstünde. Doch scheint die Bedrohung mit einem Näherrücken des NATO-Gipfels in Warschau immer greifbarer.

Die NATO-Mitglieder wurden dazu aufgerufen, sich gegen die russische Durchsetzungsstärke zu rüsten. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg verkündete:

„Ich erwarte von den Führern in Warschau, die Präsenz in den östlichen Allianzen zu verstärken.“ 

Generaloberst und Mitglied der königlichen Kriegswissenschaftsakademie Bo Hugemark fragte in einem Artikel des „Schwedischen Tageblatts“ (Svenska Dagbladet): „Was, wenn Putin das Baltikum einnimmt?“ Dann brauche die NATO soviel Unterstützung wie nur möglich, Schweden miteinbegriffen. Die Situation wurde, so Hugemark, von der „Königlichen Kriegswissenschaftsakademie“ untersucht und die Schlussfolgerung ist eindeutig: die NATO braucht Verbindungen im baltischen Raum, um Stützpunkte für eine Gegenoffensive aufzubauen.

Die NATO muss sich frei im schwedischem Luftraum bewegen, Stützpunkte aufbauen und die Russen davon abhalten können, auf der strategisch wichtigen Insel Gotland Raketenabwehrsysteme aufzubauen. Anstatt Lügen über Nuklearwaffen in Schweden zu verbreiten, sollte man das Interesse auf die reale Bedrohung der Nuklearwaffen Russlands lenken.

Jan Guillou, schwedischer Autor und Journalist, fragt hingegen: Was gewinnt Russland durch einen Angriff Schwedens? Keiner der Politiker sei bisher in der Lage diese Frage zu beantworten. Niemand ist in der Lage zu erklären, weshalb ein liberales Russland ökonomischen und politischen Selbstmord begehen anstrebe. Die neue, greifbare Bedrohung in Schweden ist nun die Einnahme der Insel Gotland. Das Szenario soll sich wie folgt abspielen: Russland nimmt einen der baltischen Staaten ein, dann folgt die schwedische Insel Gotland.

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Am 24. Mai konnte man in der schwedischen Zeitung „Express“ lesen, dass Russland Nuklearwaffen unweit der Insel Gotland stationiert habe. Weshalb die Insulaner eine nukleare Bedrohung fürchten sollen, wurde nicht diskutiert.

Guillous Schlussfolgerung ist, dass es darum geht, Schwedens Neutralität zu beenden und das Land der amerikanischen Doktrin und seiner sinnlosen Kriege zu unterwerfen. Er weist ebenfalls auf die seltsame Atmosphäre in Schweden hin, bei dem jeder Gegner einer schwedischen NATO-Mitgliedschaft als möglicher, russischer Spion angesehen wird.

Der schwedische Europaparlamentarier Gunnar Hökmark antwortete auf Guillous Artikel. Guillou könnte ebenfalls die sinnlose Frage stellen, weshalb Russland die Ukraine oder Georgien angreift. Hökmarks Erklärung zu Putins Verhalten ist, dass Putin seine Stärke sichern will, politische Rivalen unterjochen, sein Vermögen und das seiner Gefolgsleute sichern und politische Kontrolle über sein Land und seine Nachbarn ausüben will, ganz so, wie es zu Sowjetzeiten der Fall war. Schweden und Finnland müssen vermeiden ein Machtvakuum zu bilden -  daher ist eine Mitgliedschaft in der NATO unausweichlich. 

Zur Verstärkung seiner Argumente nennt Hökmark verschiedenste Diktatoren von Hitler bis zu Saddam Hussein und fragt nach deren Motivation für eine Invasion.  

Gotland, mit seinen 57.000 Einwohnern, ist ein beliebtes Ferienziel der Schweden, welches mit seinem mittelalterlichen Fest jedes Jahr bis zu 200.000 Besucher anlockt und außer frischer Luft nicht viel zu bieten hat. Vielleicht kann Putin die Insel Gotland doch noch kultivieren.