Foreign Affairs: Gaskrieg zwischen den USA und Russland?

Ein LNG Tanker in Yokohama, Tokyo
Ein LNG Tanker in Yokohama, Tokyo
Im außenpolitischen Fachmagazin Foreign Affairs erschien am 15. Mai 2016 ein Artikel von Nikos Tsafos mit dem Titel „Ein U.S. Gaskrieg mit Russland?“. Der Autor geht auf die beginnenden Lieferungen von Flüssiggas (LNG) aus Amerika nach Europa ein. Er stellt die Theorie eines Gaskrieges zwischen beiden Ländern in Frage und hinterfragt die Energiesicherheitsstrategie Europas.
LNG-Tankschiff in einem asiatischen Hafen

Als Argument für die Lieferung von verflüssigtem Erdgas (LNG) nach Europa gilt der geopolitische Aspekt. Demnach bestimmt Russland den europäischen Gasmarkt und nutzt seine starke Position aus, um eigene geopolitische Ambitionen durchzusetzen. Amerikanisches LNG wäre also "eine billige und zuverlässige" Alternative für Gas aus Russland, argumentierte die US-Regierung bereits seit dem Jahr 2011.

Damit wäre Russland gezwungen, Marktanteile abzugeben oder seine Preise zu senken, womit die europäische Energiesicherheit gewährleistet wäre. Dies bedeutet aber, dass man die Sicherstellung der Energiesicherheit ausschließlich von LNG abhängig macht, anstatt diese innerhalb des europäischen Marktes zu gewährleisten.

Tsafos geht davon aus, dass die USA bis zum Jahr 2020 über 80 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas nach Europa liefern könnten. Das würde zwei Dritteln des russischen Exportes aus dem Jahr 2015 und knapp einem Drittel des europäischen Gesamtverbrauchs entsprechen.

Umgerechnet in Dollar macht das rund 42 Milliarden Dollar der Gaseinnahmen Russlands aus dem Jahre 2015. Tsafos sieht jedoch in diesem Vergleich einen Fehler. Er schreibt, dass die einseitige Betrachtung der LNG-Lieferungen keine Aussagen über den europäischen Gasmarkt erlauben. Das wäre wie „eine Symphonie hören, wenn man sich nur auf die Geigen konzentriert.“

Wenn man aber alle Instrumente berücksichtigen möchte, dann muss man bedenken, dass die eigne Gasproduktion innerhalb Europas um etwa zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr sinkt. Bis ins Jahr 2020 werden also 50 Milliarden Kubikmeter Gas gebraucht, alleine um diesen Rückgang zu kompensieren. Selbst wenn Amerika die Hälfte ihres Gasexportes nur nach Europa liefert, würde dies kaum zu einer Beeinträchtigung des russischen Lieferumfanges führen.

Der Autor geht davon aus, dass sogar wenn die USA die vollen 80 Milliarden Kubikmeter ausschließlich nach Europa liefern würden, dies kaum Russlands starke Position gefährden würde. Genauso wenig wie die von Norwegen.

Zugrunde liegt die Voraussetzung, dass Preis und Nachfrage konstant bleiben. In den letzten Jahren sind jedoch der Gasverbrauch und auch die Produktion zurückgegangen. Erst seit dem Jahr 2015 verzeichnet man eine Zunahme um 4,5 Prozent. Das wird auf die kalten Wetterperioden zurückgeführt und den sinkenden Preis.

Ein Punkt, den Tsafos ebenfalls anspricht, ist die Position Norwegens als zweitstärkster Lieferant von Gas und Algeriens, als Drittgrößter. Beide Länder bieten durch ihre Häfen und Infrastruktur die idealen Bedingungen für LNG-Lieferungen, welche dann nach Europa weiter transportiert werden soll. Und doch spricht hier keiner von einem Gaskrieg zwischen Amerika und Norwegen oder Amerika und Algerien. Dabei sind beide Länder gerade in den Ländern die größten Lieferanten, in denen Russlands Marktanteil am geringsten ist.

Es stellt sich auch die Frage, wie viel Gas Amerika überhaupt nach Europa transportieren kann und wird. Hier muss die steigende Nachfrage in Lateinamerikas, des Nahen Ostens und in Nordafrika berücksichtigt werden.

Nach Tsafos ist es zu diesem Zeitpunkt unmöglich, Aussagen über den Umfang der Lieferungen von Flüssiggas nach Europa zu machen. Doch der politische Einfluss, den alleine schon die Ankündigung möglicher Lieferungen ausübt, ist für ihn schon jetzt feststellbar.

Russlands Lieferumfang nach Europa hat sich in den letzten 20 Jahren immer wieder verändert. Eine erneute Veränderung des Marktes wäre somit, aus Sicht Tsafos, keine Tragödie für das Land. Eine Diversifizierung des Marktes wird wiederum kaum zur Energiesicherheit in Europa beitragen. Nicht wenn es sich nur um einige Prozentpunkte handelt.

Bei der schwersten Gaskrise zwischen Europa und Russland im Jahre 2009, als Russland seine Lieferungen durch die Ukraine für zwei Wochen einstellte, ging Russlands Marktanteil auf das niedrigste Niveau aller Zeiten zurück. Aber der Export von russischem Gas nach Europa stieg an. Energiesicherheit ist mehr als nur Marktanteile und nach Tsafos sollte Europa das langsam anerkennen.

Gazprom war bisher ein rationaler Lieferant, der seine Firmenpolitik nicht von geopolitischen Aspekten der russischen Regierung anhängig macht. Hier verweist der Autor auf die Untersuchung der Europäischen Kommission, die feststellen musste, dass Gazproms Preispolitik bisher an erster Stelle marktgetrieben war.

Europas Ziel sollte es sein, sich stärker auf den Wettbewerb zu konzentrieren und die europäische Infrastruktur besser zu vernetzen. Hierbei bezieht sich der Autor darauf, dass es nicht wichtig ist, woher das Gas kommt – eine zentrale Auswirkung hat eher, wie das Gas innerhalb Europas transportiert wird.

Sollte das importierte Gas Mittel- und Osteuropa durch gute Infrastruktur leicht erreichen können, wird die „neue Konkurrenz“ eine starke Wirkung auf die großen Lieferanten haben, vor allen in Ländern wie Bulgarien und den Baltischen Staaten, welche bisher jede inländische Konkurrenz unterdrücken. Unter diesen Umständen, wird sich die Energiesicherheit in Europa verbessern – unabhängig davon, woher das Gas kommt.  

Solange aber das nicht geschieht, werden die amerikanischen Gaslieferungen keinerlei Auswirkungen entfalten können, glaubt der Autor.