"Genozide gab es nicht" - Wie regierungsnahe ukrainische Historiker die Geschichte umschreiben

"Genozide gab es nicht" - Wie regierungsnahe ukrainische Historiker die Geschichte umschreiben
Der Leiter des ukrainischen Institutes für nationales Gedenken, Wolodimir Wiatrowitsch, ist eine wichtige Person. Er interpretiert die historischen Ereignisse im Sinne der momentanen Regierung und steht unter dem persönlichen Schutz des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Unter seiner Ägide werden Genozide und Progrome gegen Juden und Polen totgeschwiegen und dafür der Nazi-Kollaborateur Stephan Bandera als „herausragender Vertreter des ukrainischen Volkes" gelobt.

Laut den neuen Leitlinien für nationalpatriotische Erziehung lautet das Odessa-Narrativ

Vor einem Jahr wurde in der Ukraine das Gesetz verabschiedet, wonach NS-Propaganda zu verbieten sei. Doch laut dem Nachrichten-Magazin Foreign Policy, dient dieses Gesetz einem ganz anderen Ziel. Es soll einen Mantel des Schweigens über die eigene ukrainische Vergangenheit, vor allem den Verbrechen der ukrainischen Kollaborateure mit dem NS-Regim, legen. Die Rede ist hierbei von Massakern und ethnischen Säuberungen an polnischen und jüdischen Bürgern im Gebiet der Westukraine durch die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-UPA).

Nicht nur, dass deren Handlungen unerwähnt bleiben. Im angenommenen Gesetzespaket werden alle Kämpfer gegen die Sowjetunion, also auch die OUN-UPA, zu Kämpfern für die Unabhängigkeit des Landes erklärt. Diese Massaker führten alleine unter der polnischen Bevölkerung zu über 100.000 Opfern. Bis zu weiteren 20.000 Opfern kam es in den Kämpfen nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen der OUN-UPA und der Sowjetarmee.

An der Spitze der Kampagne zur Imagepflege steht der Direktor des Institutes für nationales Gedenken Wolodimir Wiatrowitsch. Hierbei wirkt er mit der vollen Unterstützung des ukrainischen Präsidenten Poroschenko, wie der Journalist Josh Cohen von Foreign Policy feststellt.

Cohen ist nicht der Einzige, der die Neuinterpretation der ukrainischen Behörden kritisiert. Gerade Wolodimir Wiatrowitschs Ansatz wird von vielen seiner Kollegen, Gelehrten, Historikern und Autoren aus Kanada, Polen, der USA und auch innerhalb der Ukraine kritisiert. Ihm wird der Vorwurf gemacht, dass seine Arbeit propagandistisch ist.

Des Weiteren verweist Cohen darauf, dass der Leiter des Instituts die ukrainische SS-Division verteidigte. Der Journalist kommt zum Schluss, dass sich unter Wiatrowitsch eine voreingenommene und einseitige Sicht der ukrainischen Geschichte durchsetzen wird.

Erst vor Kurzem hat das ukrainische Instituts für nationales Gedenken vorgeschlagen, zwei Straßen in Kiew nach Stepan Bandera und Roman Schuckewitsch umzubenennen. Ersterer war ein Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher, zweiterer ein Offizier der UPA und Offizier und Kommandeur der deutschen Wehrmacht im Bataillon Nachtigall.

Auch hat das Bildungsministerium in Kiew Richtlinien für Lehrer herausgegeben, die die „Notwendigkeit des Patriotismus und die Moral der Aktivisten der Befreiungsbewegung betonen“ sollen. Darunter fällt gerade auch die UPA, als „Symbol des Patriotismus und Opfergeist im Kampf für eine unabhängige Ukraine“ und Bandera als „herausragender Vertreter“ des ukrainischen Volkes.