Ukraine: Auswanderung von Juden seit Maidan-Putsch um 230 Prozent angestiegen

Ukraine: Auswanderung von Juden seit Maidan-Putsch um 230 Prozent angestiegen
Einem gesamteuropäischen Trend folgend, verlassen immer mehr Juden die Ukraine. Zahlen der Jewish Agency zufolge, sollen alleine im Jahr 2015 mehr als 7.500 ukrainische Staatsangehörige ihren Lebensmittelpunkt verlegt haben. Dies stelle, so die NGO, einen Zuwachs von nicht weniger als 230 Prozent gegenüber 2013 dar, dem Jahr vor dem Putsch auf dem Maidan.

Insgesamt sind im Laufe des Vorjahres 31.000 Menschen aus aller Welt nach Israel eingewandert. Dies stellt ein Zwölf-Jahres-Hoch dar. In Westeuropa nennen die meisten Juden, die Aliyah machen (hebräische Bezeichnung für die Heimkehr in die historische Heimat des jüdischen Volkes), zunehmende Gefahren durch steigenden Antisemitismus und islamistische Terroranschläge als hauptsächliche Beweggründe für ihren Entschluss.

Symbolbild - Quelle: http://www.worldjewishcongress.org/

2015 verließen alleine aus der Ukraine 7.500 Menschen das Land mit Ziel Israel. Im gleichen Zeitraum vollzogen 7.124 jüdische Bürger aus Russland, Weißrussland und dem Baltikum die Aliyah, heißt es laut Erhebungen der Jewish Agency.

Obwohl es auch in der Ukraine, wie sich bereits auf dem Maidan gezeigt hat, ein Problem mit rechtsextremistischen und antisemitischen Kräften gibt, ist dieses Phänomen unter den ukrainischen Juden nicht der hauptsächliche Grund für eine Auswanderung nach Israel.

In der Ukraine sind es, so heißt es unter auswanderungswilligen Juden immer wieder, die generellen schlechten Lebensbedingungen, die eine Verlegung des Lebensmittelpunktes nach Israel als einzigen Ausweg erscheinen lassen. Israelische Hilfsorganisationen in aller Welt, die sich eine Heimkehr aller Juden in das "Gelobte Land" als Erfüllung einer religiösen oder weltgeschichtlichen Mission zu ihrem Ziel gemacht haben, sehen darin eine Chance und organisieren One-Way-Flugtickets von der Ostukraine zum Ben-Gurion-Flughafen für Ausreisewillige. Viele der Betroffenen hatten zuvor noch nie in ihrem Leben ein Flugzeug bestiegen.

Der Palästinensische Chefunterhändler, Saeb Erekat, mit einer Karte der geplanten Siedlungen im Jordan-Tal bei Jericho.

Eine dieser Organisationen, die sich um die Aliyah kümmert, ist die Jewish Agency selbst. „Das Jahr 2014 hat uns daran erinnert: Eine Krise, die weltweit Auswirkungen auf das jüdische Volk hat, kann jederzeit auftreten“, schreibt die NGO auf ihrer Webseite und führt weiter aus:

„Als der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine auftrat, nahm die Jewish Agency diese Herausforderung an, machte sich auf die Suche nach vermissten Juden und brachte sie sicher nach Israel.“

Dass Antisemitismus für die meisten Juden nicht der Hauptgrund für ein Verlassen der Ukraine ist, bedeutet nicht, dass dieser in der Ukraine und insbesondere im ukrainischen Bürgerkrieg nicht vorhanden wäre. Die Vorstellungen von der angeblichen geheimen Macht des Weltjudentums, die sich seit 2000 Jahren durch die europäische Geschichte ziehen und auch die Sowjetära überdauert haben, sind in Teilen der Bevölkerung nach wie vor präsent.

In der Westukraine haben zwar die rechtsextremen Organisationen, die eine bedeutende Rolle beim Maidanputsch gespielt hatten, an politischem Gewicht verloren, dennoch tauchen immer wieder auf Demonstrationen judenfeindliche Parolen und Beschwörungen einer vermeintlichen „Verschwörung des Weltzionismus“ auf, die sich der Ukraine bemächtigen wollten. So wird in radikalen Publikationen beispielsweise Präsident Petro Poroschenko als „heimlicher Jude“ dargestellt. Extremistische Aktivisten wie der frühere Maidan-Aktivist Alexander Borozenets behaupten, die Regierung in Jerusalem wolle „Israel hier ansiedeln“.

Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, hatte bereits im Vorjahr Juden aus Westeuropa und der Ukraine, die unter antisemitischer Gewalt leiden, dazu eingeladen, nach Russland zu ziehen.

„Lasst sie zu uns kommen“, erklärte Putin am Rande einer Teilnahme an einem Treffen des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC) mit Blick auf die jüdischen Gemeinden. „In der Sowjetunion sind sie meist weggegangen, lassen wir sie jetzt zurückkehren.“ Dies sei umso wichtiger, als es in Westeuropa „eine sehr reale Perspektive hinsichtlich eines Exodus der Juden“ gäbe, so Putin damals abschließend.

EJC-Präsident Moshe Kantor, der selbst in Russland geboren wurde, erklärte, die „pragmatischen Nationen“ müssten sich vereinen, um den weltweiten Terror zu besiegen. Er zeigte sich zufrieden über die statistisch nachweisbare Abnahme des Antisemitismus in Russland: „Wir beraten die russischen Behörden im Kampf gegen jene, die Juden zur Zielscheibe machen wollen.“