Jaroschs Visitenkarte und der Beginn des Bürgerkriegs in der Ukraine

Jaroschs Visitenkarte und der Beginn des Bürgerkriegs in der Ukraine
Heute vor zwei Jahren, in der Nacht auf den 20. April 2014, kam es bei der Stadt Slawjansk, nördlich von Donezk in der Ostukraine, zu den ersten Kampfhandlungen zwischen Selbstverteidigungskräften und Kiew-treuen Truppen. Die am Ort des Gefechts gefundene Visitenkarte von Dmitro Jarosch, damals Chef des Rechten Sektors, sorgte für viel Spott im Internet: viele gingen von einer Inszenierung russischer Geheimdienste aus. Das war allerdings nicht der Fall. Über die Nacht, die alles veränderte.

Es war die Nacht auf Ostersonntag, und zugleich der 125. Geburtstag von Adolf Hitler, als gegen drei Uhr nachts ein Kontrollpunkt der Separatisten in Bielbasowka, einem Vorort von Slawjansk, angegriffen wurde.

Vier Geländewagen näherten sich mit eingeschalteten Nebelscheinwerfern dem Posten und eröffneten urplötzlich das Feuer auf die Wachen. Diese erwiderten das Feuer und konnten den Angriff abwehren. Sechs Personen kamen bei dem Schusswechsel ums Leben. Es war das erste Gefecht des kurz darauf entflammenden Bürgerkriegs.

Zwei Wagen der Angreifer brannten komplett aus. Beide hatten nagelneue Kennzeichen aus der Region Dnepropetrowsk und einiges an Waffen und Munition geladen.

Der infolge des Maidans zum Gouverneur der Region Dnepropetrowsk ernannte Oligarch Igor Kolomojskij hatte kurz vor diesem Schusswechsel ein Kopfgeld von mehreren 1.000 Dollar auf die Separatisten ausgesetzt. Deshalb gingen einige davon aus, dass die Angreifer sich etwas "hinzuverdienen" wollten.

Die Meisten jedoch hielten das für eine von russischen Geheimdiensten arrangierte Inszenierung. Wichtigstes Indiz: Die bei den ausgebrannten Wracks aufgefundene Visitenkarte des damaligen Chefs des Rechten Sektors, Dmitro Jarosch.

Diese Visitenkarte wurde von da an zum Synonym für "Sündenbock" und als solches weit über die Ukraine hinaus zum Internet-Mem. Alle lachten über diese "plumpe Propaganda-Aktion der Russen".

Drei Monate später dann, am 21. Juli 2014, prahlte Andrij Denisenko, Dmitro Jaroschs Stellvertreter, damit, dass es wirklich der Rechte Sektor war, mit Jarosch an der Spitze persönlich dabei, welcher den Kontrollposten bei Slawjansk in der Nacht zu Ostersonntag angriff.

RT Deutsch veröffentlicht erstmalig Auszüge in deutscher Übersetzung:

"Da war nicht bloß eine Visitenkarte, sondern Dmitro Jarosch höchstpersönlich, welcher die Kampfgruppe des RS anführte und an dieser nächtlichen Schlacht teilgenommen hat."
[...]
"Kaum einer der Mitarbeiter seines Wahlkampfteams konnte sich vorstellen, dass der Politiker und Präsidentschaftskandidat Jarosch, praktisch auf seinen Wahlkampf spuckend, als einfacher Soldat sein Leben unter Feuer riskiert. Unterm Strich, dank der Phantasien und Ängste der Moskauer Propaganda und der Mannhaftigkeit unserer Jungs, gibt es die neue nationale Marke "Jaroschs Visitenkarte", einen ersten Sieg über die Terroristen, und den einzigen Politiker, der nicht für die Kamera geschminkt vor dem Hintergrund kriegerischer Landschaften, sondern wahrhaftig für die Einheit der Ukraine kämpft. Jetzt wisst ihr – Jaroschs Visitenkarte – das ist kein Mythos, sondern tödliche Realität für Separatisten und putinsche Eindringlinge."

Unten ist ein Screenshot des vollständigen Facebook-Eintrags zu sehen, und im Folgenden der noch immer aktive Link zum Original:
https://www.facebook.com/andriy.denysenko.75/posts/668931636524227

Lediglich die Fans des Rechten Sektors bekamen diese "Jubel- und Heldenmeldung" überhaupt mit, und so hält sich bis heute der Mythos, "tumbe russische Agenten" hätten auf die "eigenen Leute" geschossen, und so den Bürgerkrieg in der Ukraine entfesselt. Dem war aber nicht so.

Erst wenige Tage zuvor wurde die so genannte "Anti-Terroristische-Operation" (ATO) gestartet, welche am zivilen Widerstand der lokalen Bevölkerung scheiterte, und in deren Verlauf einige ukrainische Einheiten samt Ausrüstung zu den Separatisten überliefen. In diesen Tagen, Mitte April 2014, sah es noch danach aus, als sei es undenkbar, dass die Armee gegen die eigene Bevölkerung vorgehen würde.

Die Nacht zum 20. April 2014 änderte jedoch alles.