"Operation Sturm" – Ein vergleichender Blick auf die Geschichte der Ukraine und Kroatiens

Blockade auf dem Maidan, Kiew.
Blockade auf dem Maidan, Kiew.
Nachdem die Niederländer per Referendum der EU eine schallende Ohrfeige für deren Osteuropa-Politik verpassten, lohnt der Blick in die Geschichte. Ukrainische Spitzenbeamte verweisen gerne auf Kroatien als Vorbild für die Rückeroberung des Donbass sowie die EU-Annäherung. RT Deutsch-Gastautor Zlatko Percinic blickt auf die langen Entwicklungslinien der Ukraine und untersucht die Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Kroatien. So wird deutlich, was westliche Mainstream-Medien gerne ausklammern.

Ein Gastbeitrag von Zlatko Percinic

Immer wieder werden in der Ukraine Vergleiche mit Kroatiens Weg in die Unabhängigkeit vor 25 Jahren gemacht. Insbesondere der "Blitzkrieg" gegen die "Republika Srbska Krajina" im Jahr 1995, wird als Vorbild genommen, um die aus Kiewer Sicht "besetzten Gebiete" in der Ostukraine zurückzuerobern. Im August 1995 eroberte die kroatische Armee - zusammen mit dem 5. Armeekorps der BiH-Armee sowie US-Hilfe in Form von Sattelitenbildern und entsprechender Aufrüstung - in nur drei Tagen durch die "Operation Sturm" knapp 20 Prozent des heutigen Staatsgebietes zurück.

Auf den ersten Blick könnten solche Vergleiche sogar standhalten: beide Länder waren Teil eines kommunistischen Reiches, beide Länder erlangten 1991 ihre Unabhängigkeit, beide Länder haben es mit einem "Feind" zu tun, der bis gestern noch ein guter Nachbar war. Kein Wunder, dass selbst manche ausländischen Medien und sogar Experten auf diesen Vergleich zurückgreifen.

Der Kiewer Maidan im Dezember 2014

Sind auf den ersten Blick noch gewisse Ähnlichkeiten der Fälle zu erkennen, verlieren diese sich allerdings bei genauerem Hinsehen. Einer der größten - und vielleicht entscheidendsten - Unterschiede zwischen Kroatien und der Ukraine, ist die Tatsache, dass Kroatien seit Jahrhunderten eine eigene Identität hat und für deren Erhalt genauso lange gekämpft hat. Das erste kroatische Königreich wurde im Jahr 903 gegründet und im Jahr 925 erstmals dokumentarisch erwähnt.

Auch die Ukraine hat eine reiche Geschichte, aber nicht im Sinne einer eigenen Identität. Im Gegenteil, die Ukraine spielt historisch betrachtet für Russland eine enorm wichtige Rolle, da in Kiew die Geburtswiege des slawischen Russ-Volkes war. Das Kiewer Russ-Reich erstreckte sich während seiner Blütezeit um das Jahr 1100 bis weit in den Norden, in die heutigen Gebiete Finnlands und Russlands. Doch interne Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fürsten schwächten das Reich, so dass die Mongolenstürme im 13. Jahrhundert dem Kiewer-Russ mit der Zerstörung Kiews im Jahr 1240 ein Ende setzten.

Die ehemaligen nördlichen Provinzen des Reiches blieben aber bestehen und verstanden sich fortan als Russland. Durch die Mongolenstürme entzweit und verkleinert, bezeichneten die russischen Machthaber im Norden ihr eigenes Land als "Grossrussland", die übriggebliebene kleine Provinz im Süden als "Kleinrussland" und "Ukraina". Für die weitere Entwicklung der Geschichte spielen diese zwei Begriffe eine sehr wichtige Rolle, um sie heute im richtigen Kontext verstehen zu können.

Wir der ukrainische Premier Arsenij Jazenjuk bald seine Pressekonferenzen vor dem Logo

Die übriggebliebenen südliche Provinzen (Wolhynien und Rotruthenien; zusammen bilden sie Galizien) des ehemaligen Kiewer-Russ-Reiches, wurden von den viel mächtigeren Königreichen Litauen und Polen untereinander aufgeteilt und eingegliedert. Während sich der Begriff "Kleinrussland" für die galizischen Gebiete innerhalb der neuen Königreiche nicht durchsetzte, wurde der ebenfalls aus dem nördlichen russischen Reich stammende Begriff "Ukraina" auch in Litauen und Polen gerne benutzt, da er nichts weiter als "Grenzland" bedeutete.

Solche Ukrainas gab es im Verlauf der Geschichte Russlands immer wieder in anderen Regionen, um eben jene Gebiete, die an ein Nachbarland grenzen, klar hervorheben zu können. Eine eigene Identität stiftete dieser Begriff für die Menschen die in solchen Gebieten lebten, allerdings zu keinem Zeitpunkt.

Während Kroatien bis 1918 als Teil des Österreichisch-Ungarischen Kaiserreichs mit eigenem Parlament in Zagreb über die eigene Identität wachte, versuchte man in Lemberg (Lviv) - das durch die Teilung des Königreiches Polen-Litauen in die österreichische Monarchie eingegliedert wurde - eine eigene ukrainische Identität auf Basis des europäischen Nationalismus zu erschaffen. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt die Ukraine erst die ungefähren Grenzen die es heute hat, allerdings als sozialistische Republik in der Sowjetunion. Den Kroaten erging es ähnlich. Jene die sich für eine pan-slawische Identität einsetzten, befürworteten einen Zusammenschluss mit den Slowenen und Serben, was zur Gründung des Königreiches Jugoslawien (Südslawien) führte.

Keine seltene Szene: Prügelei in der Kiewer Rada

Auch während des Zweiten Weltkrieges gab es Parallelen. Sowohl in Kroatien als auch in der Ukraine erstarkten ultra-nationalistische Kräfte, die im Hitler-Faschismus eine Möglichkeit sahen, sich auf der Seite der Nazis ein eigenes Land aufbauen zu können. In beiden Ländern war es jeweils ein Duo, das an der Spitze dieser nationalistischen Bewegung stand: in Kroatien waren es Dr. Ante Pavelic und SlavkoKvaternik, in der Ukraine Stepan Bandera und AndriyMelnyk.

Der Unterschied ist allerdings, dass sich die kroatischen Faschisten um Ante Pavelic (der seit 1929 im Exil in Italien lebte) schon vor dem Krieg mit Mussolinis Italien verbündeten und von dort ausgerüstet wurden, was beim Ausbruch des Krieges genutzt wurde um durch geschicktes Ausspielen Mussolinis und Hitlers gegeneinander, sich die Unterstützung beider zu sichern. Pavelic wusste, dass beide Diktatoren Gebietsansprüche in Kroatien hegten und beiden versprach er ihre Wünsche zu erfüllen. Zusammen mit dem Einmarsch der Nazis 1941 in Zagreb, wurde der Unabhängige Staat Kroatien (NezavisnaDrzava Kroatien/NDH) ausgerufen.

Stepan Bandera und AndryMelnyk hegten die gleichen Träume wie Pavelic und Kvaternik. Auch sie wollten sich Adolf Hitlers Nazi-Deutschland zum Partner machen, indem sie sich auf die Seite der Nazi-Sturmtruppen im Kampf gegen die sowjetische Armee schlugen. Wie in Kroatien unter der Pavelic-Diktatur der NDH, verfolgte Bandera mit seinen Milizen der OUN/UPA Juden, Polen und Russen auf grausamste Art und Weise. Erst als sich das Blatt im Krieg wendete und es offensichtlich wurde, dass sich die Nazi-Truppen nicht gegen die Armee der Sowjetunion durchsetzen konnte, begann der von Hitler enttäuschte Stepan Bandera seine Angriffe auch gegen deutsche Interessen zu richten. Einen eigenen ukrainischen Staat konnte Bandera jedoch nie errichten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verliefen die Geschichten von Kroatien und der Ukraine wieder im Tandem. Das faschistische NDH wurde durch ein erneutes Jugoslawien ersetzt, das nun allerdings einen kommunistischen Mantel überzog und zu einer Republik wurde. Für westliche Geheimdienste spielten indes vor allem die ehemaligen faschistischen Gruppierungen sowohl in der Ukraine als auch in Kroatien eine wichtige Rolle. Durch sie wollte man auf dem Laufenden bleiben, was hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang vor sich ging.

Wie sehr der Vergleich zwischen der Ukraine und Kroatien aber hinkt, tritt mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang der Sowjetunion zutage. Beide Länder erlangen zwar ihre (erneute) Unabhängigkeit im Jahr 1991, aber die weitere Entwicklung unterscheidet sich massiv in den beiden Ländern.

Kroatien

Mit dem Tod des jugoslawischen Feldmarschalls Josip Broz Tito 1982 ist auch der jugoslawische Geist gestorben. In Belgrad verschafften sich immer mehr Stimmen Gehör, die den alten Traum eines Groß-Serbiens auf die staatliche Agenda setzen wollten. Mit dem Aufstieg von Slobodan Milosevic an die Macht in Serbien im Jahr 1989, sollte Groß-Serbien in die Tat umgesetzt werden. In den ultra-nationalistischen Kreisen Serbiens, wurden Parolen wie "Alle Serben in einem Land" zum Standard. Es wäre allerdings falsch, Milosevic als Vater oder auch nur als Führer dieser radikalen Forderung darzustellen, wie es die westlichen Medien (inkl. der kroatischen) getan haben. Milosevic war ein Machtmensch und brauchte wie jeder andere Diktator auch eine loyale Basis, die ihn unterstützt. Diese fand er bei den Radikalen um VojislavSeselj und VukDraskovic, die ein "ethnisch reines" Groß-Serbien wollten.

Natürliche Unabhängigkeitsbestrebungen und die Angst vor einem radikalisierten Serbien führten dazu, dass die ehemaligen jugoslawischen Republiken Kroatien und Slowenien 1991 ihre Unabhängigkeit ausriefen.

Bereits am 17. Februar 1990 gründeten die Serben der sogenannten Krajina eine eigene Partei, die Serbische Demokratische Partei (SDS). Exakt eine Woche entwaffnete die jugoslawische Volksarmee (JNA), die natürlich über Waffenlager und Kasernen in den Teilrepubliken verfügte, die kroatischen Mitglieder der "Territorialen Verteidigung", einer aktiven Bürgerwehr von 860.000 Mann und nochmal 2 Millionen Reservisten. Diese Waffen wurden der serbischen Minderheit in der Krajina übergeben und unter die Verantwortung der SDS gestellt. In der Folge sorgte massive serbische Propaganda für Unruhen unter den Serben. Warnungen vor kroatischen Angriffen fanden Verbreitung und Ängste vor Gräueltaten wuchsen.

Ende Juni 1990 brach die SDS ihre Beziehungen zum kroatischen Parlament ab, das zu diesem Zeitpunkt noch als Vertretung der sozialistischen Teilrepublik Kroatien innerhalb des jugoslawischen Staatenverbundes fungierte. Am 30. September 1990 hielten die Serben der Krajina ein Referendum ab, wonach sie sich für eine "Autonomie des serbischen Volkes innerhalb der Republik Kroatien als Bestandteil der Sozialistischen Föderalen Republik Jugoslawien" aussprachen. Am 1. April 1991 entschied die SDS die Loslösung von Kroatien und einen Anschluss an Serbien, der von Slobodan Milosevic begrüßt wurde.

Nur wenige Tage später kam es zu den ersten Überfallen von serbischen Freischärlern auf kroatische Polizisten, die sehr oft nicht einmal über eine Pistole verfügten. Diese Überfälle sollten der Startschuss zum blutigsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg werden.

Wie das Beispiel in Kroatien mit der "Krajina" zeigt, verwendete man den selben Begriff wie in Russland für eine bestimmte Region, die als Grenzland galt. Im Falle Kroatiens stammte der Begriff aus der Struktur der österreichischen Monarchie, die Kroatien als Grenzland zum türkisch-osmanischen Reich betrachtete. Dementsprechend teilte die österreichische Armee Kroatien in Militärgrenzen ein, die übersetzt "Vojna Krajina" oder "Vojna Granica"  hießen, um eine klare Befehlsgewalt über die diversen Regimente herzustellen. Die Region um Knin, wo die Serben die Mehrheit der Lokalbevölkerung bildeten, behielt im Zuge dessen diesen Namen für sich, während die Kroaten es nicht erwarten konnten diese Begriffe aus ihrer Historiographie zu streichen. Und obwohl es Serben waren, nannten sie sich "Krajina-Serben" und nicht einfach nur Serben. Dieses Phänomen ist nahezu identisch mit den Ukrainern, die sich genauso gut "Ukraina-Russen" hätten nennen können, aber faktisch nur die regionale Bezeichnung für sich behielten.

Straßenszene: Belgrad nach Angriffen der NATO

Ukraine

Der Sprung in die Unabhängigkeit der Ukraine verlief komplett anders als jener in Kroatien. Insbesondere zwei wichtige Merkmale unterscheiden sich voneinander: die Ukraine wurde umgehend vom ehemaligen "Mutterland" Russland anerkannt und das Land verfügte ab der ersten Minute über eine gut ausgerüstete Armee, die sogar mit Atomwaffen bestückt war – welche jedoch später an Russland ausgehändigt wurden.

Es gab keine Sezessionsbestrebungen welche die Souveränität des jungen Staates gefährdete, wie es die "Krajina-Serben" mit politischer Rückendeckung aus Belgrad getan haben. Es gab auch keine gezielten Überfälle von russischsprachigen Bewohnern auf ihre ukrainischsprachigen Nachbarn. Nichts dergleichen.

Der Weg in die Moderne hätte für die Ukraine durchaus positiv verlaufen können, wären nicht von Anfang an nationalistische Strömungen da gewesen, die eine schleichende Unterdrückung der russischsprachigen Bürger befürworteten und von der Regierung (mit großer Unterstützung der ukrainischen Diaspora in Kanada). Und obwohl die russischsprachige Bevölkerung, die die absolute Mehrheit in der Ostukraine bildete, sich dieser "Ukrainisierung" bewusst war, suchten sie zu keinem Zeitpunkt einen "Anschluss" an Russland. Stattdessen versuchten sie, ihre Rechte innerhalb ihres neuen Staates durchzusetzen.

Mit der vom Westen unterstützten Maidan-„Revolution", oder wie es in der Westukraine heisst, der "Revolution der Würde", und dem Putsch gegen den gewählten Präsidenten ViktorJanukowitsch, zerplatzte der Traum von einer geeinten Ukraine wie eine Luftblase. Die letzten Zweifel wurden beseitigt, als die neuen Machthaber in Kiew all jene als Terroristen denunzierten, die die neue Regierung nicht als rechtmäßig anerkennen wollten und die Armee gegen sie auffahren liessen. Hilflos mussten die Menschen in der Ostukraine zur Kenntnis nehmen, wie der Westen - allen voran Deutschland und die USA - Berichte in ukrainischen Medien ignorierten, die offen zum Genozid an ihnen aufriefen. Hier ein kleines Beispiel solch menschenverachtender und faschistischer Ergüsse:

„Wenn wir zum Beispiel die Donezker Oblast (Bundesland oder Kanton) nehmen, gibt es dort ungefähr vier Millionen Einwohner von denen mindestens 1,5 Millionen überflüssig sind. Das ist es was ich damit meine; wir müssen nicht versuchen den Donbass zu verstehen, wir müssen verstehen was die nationalen Interessen der Ukraine sind. Donbass muss als Ressource ausgebeutet werden, das ist es was es (schließlich) ist. Ich behaupte nicht ein rasches Lösungsrezept zu haben, aber das Wichtigste was getan werden muss – auch wenn es noch so brutal klingt – ist, dass es dort eine gewisse Kategorie von Menschen gibt die ausgerottet werden muss.“

Ein weiterer Meilenstein in der psychologischen Abspaltung der Menschen in der Ostukraine von Kiew ist das Massaker vom 2. Mai 2014 in Odessa. Während der von der US-Regierung gewählte und installierte Ministerpräsident ArseniyYatsenjuk umgehend die russische Regierung für dieses Drama beschuldigte, erklärte die in Deutschland beliebte Julia Timoschenko, dass "die bei dem Brand umgekommenen Menschen gekommen wären, um Einwohner in Odessa zu töten"

Offiziell aufgeklärt wurde dieses Massaker vom 2. Mai 2014 bis heute nicht, obwohl es die ukrainische Regierung damals versprochen hatte. Allerdings konnte eine französische Dokumentation über die Geschehnisse sowohl in Bezug auf den Maidan als auch in Odessa Licht ins Dunkel bringen.

Ukrainische Partisanen in der Westukraine von 1945 bis 1951

In dem Film werden jene Stimmen bestätigt, die von Anfang an gesagt haben, dass es sich in der Tat um ein aus Hass getriebenes Verbrechen der ukrainischen Nationalisten und Anhängern der neo-nazistischen Gruppierungen gehandelt hat. Und nicht etwa wie es in der Welt zu lesen war, um eine "Fiktion die zur empfundenen Wahrheit geworden ist".

Mark Gordienko, ein "Euromaidan"-Aktivist in Odessa und ideologischer Partner von Andriy Parubi, dem Anführer des „Rechten Sektors“ und Parlamentsmitglied in Kiew, , nannte den 2. Mai "unseren Sieg". In der französischen Dokumentation wird sein Hass auf alles russische noch deutlicher:

"Diese Bastarde [gemeint sind die Opfer des Brandes] versuchten uns ihre Russianness aufzuzwingen. Sie haben diesen Tod verdient. Ich fühle kein Mitleid mit ihnen, nicht eine Sekunde. Wenn sich uns jemand in den Weg stellt, werden wir so gewalttätig reagieren, das alles in einem Blutbad endet."

Kann man demnach die Ukraine mit Kroatien vergleichen, wie es ukrainische Spitzenbeamte tun um so auch die "kroatischen Option" in Erwägung ziehen zu können? Abgesehen von einer gemeinsamen Zeit während des Zweiten Weltkrieges, als Faschisten in beiden "Ländern" wüteten und danach auch gemeinsam den kommunistischen Weg gegangen sind, gibt es keine weiteren Ähnlichkeiten.