Wie die Ukraine den Donbass ausmerzte: Die Geschichte der Stadt Stachanow

Quelle: Фото: vk.com/townstakhanov
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Im Donbass ist die Angst vor der ukrainischen Regierung nicht nur mit einem möglichen Russisch-Verbot verbunden, wie man dies jetzt in Kiew darzustellen versucht. Unter der ukrainischen Führung wurde die Wirtschaft der Region systematisch vernichtet. Hunderttausende Menschen mussten nach einer neuen Stelle und einem besseren Leben suchen. Ein erschütternder Rückblick.

Nach wie vor behaupten ukrainische Politiker, dass der Donbass von Russland besetzt sei, und dass die Einheimischen die Führung der Ukraine insgeheim unterstützen würden. Dabei fragt sich keiner, wie es dem Donbass während all der 25 Jahre im Bestand der unabhängigen Ukraine ergangen ist. Zum Beispiel, was aus der Stadt Stachanow (benannt nach dem Mustermann der sowjetischen Industrialisierung, Bergmann und Rekordhalter im Kohleabbau von 1935, Alexei Stachanow) nach dem Zerfall der UdSSR wurde.  

Das Städtchen im Gebiet Lugansk [zuvor Woroschilowgrad – Anm.d.Red.] bekam seinen heutigen Namen erst Ende der 70er Jahre. Zu Sowjetzeiten wohnten hier ungefähr 150.000 Menschen. Zählte man noch die Satellitenstädte hinzu, so waren es 250.000. In Stachanow verkehrten Straßenbahnen und O-Busse. Es gab auch einen Bahnhof, von wo aus man mit Fernzügen in alle Winkel der UdSSR gelangen konnte. Aus Stachanow wurden sogar extra zu den Ausstellungen der Errungenschaften der Volkswirtschaft (WDNCh) in Moskau geräucherte Würste aus einheimischer Produktion geliefert, die man sogar im Kreml gemocht haben soll. Doch die treibende Kraft der Industrie war natürlich der Kohleabbau. Der Verein „Stachanowugol“ zählte 19 Schächte.                  

In der Stadt funktionierten ungefähr drei Dutzend Großbetriebe, darunter auch das Stachanower Waggonbauwerk, wo man Güterwaggons für das ganze Land herstellte. Das Werk fertigte übrigens auch Ausrüstung für den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal an.       

Das Stachanower Maschinenbauwerk war einer der beiden Sowjetbetriebe, in denen Rolltreppen erzeugt wurden. Während das Werk im damaligen Leningrad die U-Bahnstationen mit langen Rolltreppen versorgte, belieferte die Stachanower Fabrik Geschäfte, Messen, Museen, Flughäfen und Bahnhöfe. Die in der Stadt hergestellten Rolltreppen funktionierten in den Moskauer Warenhäusern GUM, ZUM, „Moskau“ und im Zentralen W. I. Lenin-Museum unweit des Roten Platzes. Aufträge kamen nicht nur aus osteuropäischen Ländern, sondern auch aus China und sogar den USA.      

Verschüttet wurde alles: die sämtliche Ausrüstung...

Der Machtwechsel Anfang der 90er Jahre, als die sowjetische Stadt auf einmal ukrainisch wurde, machte der kohlefördernden Branche den Garaus: Der Verein „Stachanowugol“ musste all seine Schächte dichtmachen.      

„Als man 1995 begann, die Bergwerke zu schließen, war ich der Bürgermeister von Stachanow “, erinnerte sich Sergei Lewatschkow in einem Interview für das Blatt „Wetscherni Lugansk“ und erzählte weiter:

„Es gab keine Projekte. Niemand gab den örtlichen Behörden Bescheid. Ich als Stadtoberhaupt erfuhr über die Schließung des Schachtes ʻZentralnaja-Irminoʼ [in der Alexei Stachanow einst gearbeitet hatte – Anm.d.Red] durch puren Zufall. Mich rief der Leiter der Haldenlöschabteilung an und teilte mit, dass er mit der Verschüttung des Schachtes gleich beginnen werde. Der Minister hatte einen Befehl zur Schließung des Bergwerkes unterzeichnet, der Generaldirektor hatte die Ausführung des Befehls angeordnet. Verschüttet wurde alles, was sich dort befand. Die sämtliche Ausrüstung wurde dort gelassen. Das sämtliche Personal wurde aus dem Bergwerk zu Tage zitiert, und man begann, den Schacht zu verschütten.“

Expertenschätzungen zufolge müssen die vier stillgelegten Schächte des Bergbau- und Chemiekombinats „Stachanowugol“ über 82 Millionen Tonnen hochwertige Kokskohle verfügt haben. All diese Vorräte wurden buchstäblich begraben. In den Bergwerken und Nebenbetrieben von Stachanow arbeitete kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion ein Fünftel der Stadteinwohner. Bis Ende der 90er Jahre verloren sie alle den Job.      

Wie man die Industrie stilllegte

Das Waggonbauwerk wurde halb eingefroren, indem man das Fließband nur ab und laufen ließ, um einzelne Aufträge zu erfüllen. Seitdem der russische Markt verloren worden war, funktionierte das Stachanower Maschinenbauwerk nicht mehr. Als zu den Sowjetzeiten ein Auftraggeber aus der DDR sich doch für eine finnische Rolltreppe entschieden hatte, wurde er zurechtgewiesen, indem man ihn an die Verpflichtungen im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) erinnerte. Nun konnte man von soliden Aufträgen aus dem Ausland nur nuch träumen.          

Die Stachanower Kokereianlage, die dank ihren neuen Inhabern zum Jahr 2000 Pleite ging, hatte noch weniger Glück: An ihrer Stelle prangen Ruinen, wie nach der Verteidigung von Stalingrad.   

Auch der Stachanower Konfektionsbetrieb wurde liquidiert, schließen musste das größte Warenhaus der Stadt „Detski mir“. 

Die verwahrloste riesige Konzerthalle „Schachtjor“ wurde bald zu einem örtlichen Geistergebäude: Einige Jahre lang wurde sie als Quelle für Baumaterialien Ziegel für Ziegel abgebaut, bis Ende der Nullerjahre davon nur das Grundstück blieb.      

Wie die öffentlichen Verkehrsmittel demoliert wurden

Im Jahr 2007 wurde das Straßenbahnnetz liquidiert: Die sämtlichen Schienen und die 23 Waggons ließ die ukrainische Stadtverwaltung einfach verschrotten. Seit 2008 verkehrten auch keine O-Busse mehr, nachdem sämtliche Drähte und Busse zu Schrott verarbeitet worden waren. Die Zentralheizung wurde im Jahr 2012 offiziell abgestellt. Alle Kesselhäuser wurden geschlossen. Die Behörden schlugen den Einwohnern (auch den Hochhausbewohnern – Anm.d.Red.) vor, ihre Wohnungen selbst zu heizen. Danach wurde die Straßenbeleuchtung in der rund 100 Quadratkilometer großen Stadt ausgeschaltet. – Stachanow versank in der Dunkelheit. Seit 2013 fuhren durch Stachanow keine Fernzüge mehr. Ein Jahr vor dem „Euromaidan“ in Kiew blieben in der Stadt nach UN-Angaben lediglich 77.700 Einwohner.           

„Die Territorien im Süden Russlands und der Ukraine, die wir als Neurussland bezeichnen, bekamen nach der Angliederung an das Russische Kaiserreich einen enormen Antrieb für ihre Entwicklung“, behauptet Andrei Malgin, Historiker und Generaldirektor des Nationalen Taurien-Museum auf der Halbinsel Krim. „Einen weiteren Impuls gab es Anfang der Sowjetepoche, als das Donezbecken und das Kriwoi-Rog-Eisenerzbecken zu einer volkswirtschaftlichen Region fusioniert wurden.“ Der in der Krim angesehene Experte sagt, dass die sowjetische Führung in die Region viel Geld investiert habe. Deswegen habe sich der Donbass zu einem der Pfeiler der Sowjetindustrie entwickeln können. Der Donbass sei in der Tat zu einer Art Wiege der Sowjetzivilisation geworden.        

Der Zerfall der UdSSR habe Malgin zufolge teilweise zur Deindustrialisierung der Region geführt. Die Betriebe hätten ihre Absatzmärkte verloren. Da die neue Führung kein Geld in eine gründliche Modernisierung investiert habe, sei die Industrie verfallen.    

Der Donbass gab der Ukraine alles ab, zurück bekam es nur Krümel

 „Ich verstehe die Einwohner sehr gut, die genau sehen, was aus ihrer Heimat geworden ist, und die ihre Zukunft nicht mehr mit der neuen Ukraine verbinden wollen, indem sie in Richtung Russland schauen“, meint Malgin.

„Die ukrainische Führung erzählt bis heute, dass die Donbass-Gebiete aus dem Staatshaushalt subventioniert worden wären. Das ist eine Lüge“, ist sich Andrei Martschukow, promovierter Historiker und führender Mitarbeiter des Instituts für Russische Geschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften, sicher. „In der Tat gab der Donbass all seine Einkommen in den gesamtukrainischen Haushalt ab, und sie deckten alle Ausgaben des Staatsapparats. Zurück bekam das Donbass nur Krümel.“    

Martschukow erinnert daran, dass auch russische Betriebe und Fabriken wegen der abgebrochenen wirtschaftlichen Verbindungen nach dem Zerfall der UdSSR schließen mussten. Der Historiker glaubt, die Leute im Donbass hätten wohl auch den Maidan mit seinem Wunsch nach einem besseren Leben im Bestand der EU unterstützt, wenn sie nur „mit dem Bauch“ dächten. Aber die Hauptursache der antiukrainischen Proteste der Donbass-Bewohner bestehe darin, dass sich diese Bürger in der Ukraine als Menschen zweiter Klasse behandelt fühlten. „Die Leute waren es müde, dass man sie ständig umgestalten wollte“, meint der Experte.