Neue Mode in Osteuropa: Paramilitärische Freiwilligen-Milizen, eingebunden in NATO-Strukturen

Die paramilitärische Freiwilligenmiliz „Estonian Defence League" während einer Übung
Die paramilitärische Freiwilligenmiliz „Estonian Defence League" während einer Übung
Nicht nur in Polen, wo sich die Mitgliederzahl in paramilitärischen Verbänden seit Beginn des Ukrainekonflikts auf 80.000 verdreifacht hat, sind Freiwilligenmilizen in Mode, auch in Estland zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab. Allein die „Estonian Defence League“ verfügt über 15.000 freiwillige paramilitärische Milizkämpfer, die regelmäßig den "Ernstfall in Form einer russischen Invasion" trainieren und auch in NATO-Strukturen eingebunden sind. VICE NEWS hat nachgeforscht.

Trainieren für den Tag X - Polnische Paramilitärs im Einsatz

Die estländische paramilitärische Einheit soll landesweit über 15.000 Mitglieder umfassen. Regelmäßig veranstaltet sie militärischen Übungen mit bis zu 800 Teilnehmern. Im Unterschied zu Polen, wo die Freiwilligenverbände stets große Distanz dahingehend äußern, in die reguläre Armee eingegliedert zu werden, hat es die estnische Armee verstanden, die paramilitärischen Freiwilligeneinheiten in das Gesamtkonzept zur Territorialverteidigung und NATO-Strukturen einzubinden.

In Estland wurde sogar eine Form der Durchlässigkeit geschaffen, die eine abgeschlossene Kampfausbildung in der Territorialverteidigung als Basis für eine Weiterbildung in der Armee wertet. Nach 247 Trainingseinheiten in der Estonian Defence League kann man nach einem kurzen weiteren Lehrgang im Dienstrang des Wachtmeisters in die Armee einsteigen.

Der Grund für die wachsende Bedeutung der Territorialverteidigungsverbände ist ein ähnlicher wie in Polen: Die Ukrainekrise hat innerhalb der Bevölkerung Urängste geweckt. Der Russe als Feindbild, von Politik und Medien bereitwillig gepflegt, hat wieder Hochkonjunktur. Auch wenn die Situation in Ländern wie Georgien oder der Ukraine nicht mit jener in Estland zu vergleichen ist und es auch keine Anhaltspunkte für irgendeine Form der politischen Instabilität gibt, ist der Gedanke, die Russische Föderation könnte ihre Streitkräfte über die Grenzen des Baltikums hinweg in Marsch setzen, in den Köpfen vieler Menschen präsent.

Die Verantwortlichen für die Ausbildung der Freiwilligen halten diese Befürchtungen für berechtigt. „Si vis pacem, para bellum“, wird auch hier allenthalben doziert und Traumata der Vergangenheit beschworen, als das Land 1940/41 von der Sowjetunion annektiert und zahlreiche Einwohner deportiert worden. 

Auch die verstärkte NATO-Präsenz und der Aufbau eines Luftwaffenstützpunktes unter US-amerikanischem Kommando werden von einem großen Teil der Bevölkerung nicht als Provokation gegenüber Russland, sondern als Verstärkung der territorialen Sicherheit des NATO-Mitgliedsstaates betrachtet. 

Dabei sind die 25 Prozent ethnischer Russen innerhalb der estnischen Bevölkerung, die vorwiegend im Osten des Landes an der Grenze zur Russischen Föderation leben, dort, wo man auch noch sowjetische Panzerdenkmäler und Lenin-Büsten zu sehen bekommt, Kummer gewöhnt. Sie sind in politischen Gremien weit unterrepräsentiert und die immer stärkere Präsenz der US-Einheiten macht ihnen Angst. Dennoch gibt es keine revolutionäre Stimmung oder irgendwelche separatistischen Bestrebungen unter ihnen. Die ethnischen Russen ist Estland haben einen höheren Lebensstandard als die meisten Russen in der Russischen Föderation und sie betrachten Estland als ihre Heimat. Allerdings macht ein Vertreter der russischen Minderheit auch deutlich:

„Wenn es in einem Land eine Minderheit in einer Enklave gibt, die sich loslösen möchte, kann sie auch keiner daran hindern.“