Refugees welcome in der Textilindustrie: Billige Kleidung für Europa dank Flüchtlingskrise

Arbeitende Frauen in einer türkischen Textilfabrik
Arbeitende Frauen in einer türkischen Textilfabrik
Rund 2,3 Millionen Syrier leben derzeit als Flüchtlinge in der Türkei. 250.000 bis 400.000 von ihnen gehen laut Schätzungen derzeit unregulierten Arbeitsverhältnissen nach. Zu absurd niedrigen Löhnen produzieren die Flüchtlinge in der umsatzstarken türkischen Textilindustrie meist Kleidung für den EU-Markt. Auch Kinder werden dabei an die Nähmaschinen gesetzt. Die Bekleidungskette H&M musste nun eingestehen, einer der Abnehmer der Produkte gewesen zu sein.

Die Globalisierung der weltweiten Wirtschaft, und insbesondere die Schattenseiten dieser Entwicklung, zeigt sich in kaum einem anderen Sektor so deutlich, wie in der Textilindustrie. Zu Beginn der Industrialisierung bis zu den Hochzeiten des Manchester-Kapitalismus waren es noch die Webereien in Großbritannien, die einen Großteil des weltweiten Marktes für Bekleidung bedienten.

Seit jeher ging die Produktion von Kleidung für den Massenmarkt mit miserablen Arbeitsbedingungen und Ausbeutung der Arbeitskräfte einher. Mit dem Erkämpfen erster Arbeiterrechte wurden die führenden Staaten Europas für das produzierende Kapital jedoch immer uninteressanter. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde die Produktion von Kleidung zunehmend nach Asien verlagert, wo die Produktionsstätten, gleich einem Wanderzirkus, seit dem von Land zu Land ziehen.

Quelle: Twitter - Hüseyin Yılmaz (@Truelegendd)

Kambodscha, Indonesien, China - wann immer die Produktionskosten steigen, heißt es für die Industrie, dass die Zeit zum Weiterziehen gekommen ist. Nur so lässt sich langfristig sicherstellen, dass in den führenden Wirtschaftsnationen auch künftig frisch produzierte T-Shirts für 5 Euro in den Regalen liegen und die großen Ketten auch dann noch glänzende Profite verzeichnen können. Doch die Billigproduktion betrifft längst nicht nur das Segment der Discountware. Auch hochpreisige Marken-Kleidung wird in der Regel in Niedriglohnländern, mit geringen Standards für Arbeitnehmerrechte, produziert.

Eine bedeutende Rolle in der weltweiten Textilindustrie nimmt heute neben den asiatischen Staaten auch die Türkei ein. Der dort größtenteils unregulierte Produktionssektor ist einer der größten Lieferanten der EU-Staaten. Etwa 60 Prozent dieser Arbeit wird informell und unregistriert verrichtet, nicht selten zu absurd niedrigen Löhnen.

Und die nicht abreißende Nachfrage nach billigen Arbeitskräfte wird befriedigt, dank der Flüchtlingskrise. 2,3 Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei, davon nur etwa jeder Zehnte in einem Camp, welches zumindest die grundlegende Versorgung bereitstellt. Die überwiegende Mehrheit der Kriegsflüchtlinge ist auf sich alleine gestellt, denn trotz milliardenschwerer EU-Zahlungen an die Türkei, erhalten diese keinerlei staatliche Leistungen. Sind die Ersparnisse aufgebraucht oder können Familienangehörige nicht mehr mit Geldzuwendungen dienen, bleibt nur der Weg in die Schwarzarbeit.

Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU), Getriebener der Flüchtlingskrise

Die tatsächliche Zahl der modernen Arbeitssklaven, die für den EU-Markt schuften, lässt sich nur schätzen. Allein 250.000 Syrier sollen laut des Centers for Middle Eastern Strategic Studies unregistriert in der Türkei arbeiten, davon ein Großteil in der Textilindustrie. Andere Schätzungen reichen bis 400.000. Bei etwa 1 Euro liegt der Stundenlohn einer solchen Arbeitskraft, was noch einmal 50 Prozent unter den ortsüblichen Niedriglöhnen liegt. Dies reicht auch in der Türkei nicht einmal für die Kosten einer Unterkunft. Zudem sind aufgrund der Illegalität ihrer Beschäftigung die Angestellten den Näherei-Betreibern in der Regel hilflos ausgeliefert.

Die globalisierte Textilindustrie besteht aus einem komplexen Geflecht zahlreicher Zwischenhändler. So gelingt es auch den großen Handelsketten ihr - mit Multimillionen-Dollar-Kampagnen mühsam aufgebautes Saubermann-Image - aufrecht zu erhalten. Lieferanten und externe Subunternehmer vergeben die Aufträge über mehrere Ebenen an Nähereien, die nicht selten in einem schmutzigen Keller oder einem anderen staubigen Verschlag untergebracht sind.

Wie das Business and Human Rights Centre nun aufdeckte, müssen sich in der türkischen Textilindustrie selbst Kinder für den EU-Markt verdingen. Bei einer Befragung, die die Menschenrechtsorganisation an 28 große Bekleidungsketten gerichtet hatte, musste unter anderem der Multi H&M eingestehen, dass auch in mindestens einem seiner Zulieferbetriebe syrische Kinder arbeiteten. Natürlich betonte der Konzern im gleichen Atemzug, den Verstoß umgehend proaktiv behoben zu haben. In vier anderen Betrieben, die H&M beliefern, haben volljährige syrische Flüchtlinge gearbeitet. Derzeit sei dies aber nicht der Fall, so das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 20 Milliarden Euro.

Doch auch wenn zumindest bei Kinderarbeit die großen Bekleidungsketten ein Eigeninteresse haben, jegliches PR-Desaster zu vermeiden und darauf zu achten, dass keine Minderjährigen in ihren Zulieferbetrieben arbeiten, kann dies durch die Intransparenz und die verschachtelte Struktur der Industrie nicht wirklich sichergestellt werden. An den allgemeinen Verhältnissen in der Produktion ändert das Pochen auf zumindest die Einhaltung der Kinderrechte ohnehin nichts.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Bild: Flickr / blu-news.org CC-BY-SA 2.0

Laut der Nachrichtenagentur Reuters plant die türkische Regierung derzeit den syrischen Flüchtlingen im Land zu mindest eine offzielle Arbeitserlaubnis zu erteilen. Ob sich dadurch an den allgemeinen Zuständen viel ändert, ist fraglich.

"Sie sind billiger im Vergleich zu türkischen Arbeitern, und es sind jetzt eine Menge hier", gibt ein türkischer Fabrikbesitzer gegenüber Reuters unumwunden zu.

Für billige Kleidung ist in der EU also weiterhin keine Obergrenze in Sicht.