Künstler schreiben Offenen Brief an Merkel: Mehr Einsatz für Rechtsstaatlichkeit in der Türkei

Demonstrierende Kurden vor dem Kanzleramt in Berlin anlässlich des Staatsbesuches des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu
Demonstrierende Kurden vor dem Kanzleramt in Berlin anlässlich des Staatsbesuches des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu
Anlässlich des heutigen Besuches des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu richten sich 100 Künstler und Kulturschaffende - unter ihnen Fatih Akin, Katja Riemann, Sibel Kekilli und Benno Fürmann - in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel. In dem Schreiben fordern die Unterzeichner die Kanzlerin auf, sich für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Pluralismus in der Türkei einzusetzen. RT Deutsch dokumentiert den Offenen Brief in Wortlaut.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

Zeynep Taskin, 17 Jahre alt, trug ihr Baby im Arm, als sie vor dem Haus von Verwandten in Cizre, im Südosten der Türkei, erschossen wurde - mutmaßlich von türkischen Sicherheitskräften. Esref Erdin, 60 Jahre alt, wurde auf dem Dach seines Hauses von einer Kugel getroffen. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Suphi Sarak, 51 Jahre alt, wurde auf offener Straße durch mehrere Schüsse in den Rücken getötet. Er hinterlässt eine Frau und zehn Kinder.

Taskin, Erdin und Sarak sind drei von vielen Menschen, die in den vergangenen Wochen und Monaten der Gewalteskalation im Südosten der Türkei zum Opfer gefallen sind. Nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen starben bei Auseinandersetzungen zwischen türkischen Sicherheitskräften und Kämpfern der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK seit dem vergangenen Herbst 170 Zivilisten. Die türkische Regierung hat nichts dafür unternommen, den Konflikt zu befrieden, im Gegenteil: Sie befeuert ihn.

An diesem Freitag empfangen Sie, Frau Bundeskanzlerin Merkel, den türkischen Premierminister Ahmet Davutoglu zu Regierungskonsultationen in Berlin. Es soll in den Gesprächen um den gemeinsamen Kampf gegen den Terror und um Fragen der Migration gehen.

Wir, die Unterzeichner_innen dieses Briefes, sind uns bewusst, dass eine enge Kooperation zwischen Europa und der Türkei unumgänglich ist. Wir bitten sie jedoch zugleich:

Linguist und Philosoph Noam Chomsky nach einer Rede in Mexiko beim National Autonomous University's Educational Investigation Institute (UNAM) am 21. September 2009.

Sprechen Sie am Freitag über Zeynep Taskin, Esref Erdin, Suphi Sarak und all die anderen Opfer der Aggression im Südosten der Türkei.

Sprechen Sie über Meinungsfreiheit. 27 türkische Akademiker_innen wurden vergangene Woche festgenommen, weil sie einen Friedensaufruf unterzeichnet haben, gegen viele andere wurden Disziplinarverfahren eingeleitet. Can Dündar, Chefredakteur der Tageszeitung „Cumhuriyet“ sitzt im Gefängnis, weil er kritisch über die türkische Regierung berichtet hat. Er ist nur einer von vielen Fällen.

Laut Amnesty International wurden syrische Flüchtlinge in der Türkei rechtswidrig inhaftiert und nach Syrien abgeschoben. Sprechen Sie am Freitag auch darüber.

Die Türkei ist als Partner für Deutschland und Europa unerlässlich. Im Kampf gegen Terror ebenso wie bei dem Bemühen, den vielen Millionen geflüchteten Menschen in der Region eine Perspektive zu ermöglichen.

Partnerschaft kann jedoch nicht bedeuten, bei Menschenrechtsverletzungen wegzusehen. Wir appellieren deshalb an Sie, Frau Bundeskanzlerin, sich am Freitag und in den zukünftigen Gesprächen mit der türkischen Regierung für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus in der Türkei einzusetzen.

Vollständige Liste der Unterzeichner auf: Change.org