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Politico: In der Ukraine könnte man die fortschreitende "Entrussifizierung" eines Tages bereuen

Die in der Ukraine fortschreitende "Entrussifizierung" bedarf einer nüchternen Prüfung, da etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes russischsprachig ist. Das schrieb das einflussreiche US-Nachrichtenmagazin "Politico". Demnach berge es auch Risiken, alles Russische abzulehnen.
Politico: In der Ukraine könnte man die fortschreitende "Entrussifizierung" eines Tages bereuenQuelle: Gettyimages.ru © Salvatore Cavalli / SOPA Images / LightRocket

Die Ausrottung des russischen Einflusses in Sprache und Kultur inmitten des anhaltenden Konflikts mit Russland sei verständlich. Man riskiere damit allerdings zukünftige Probleme für die Ukraine, da dies nicht nur den "Kreml-Propagandisten Futter geben", sondern es den Ukrainern auch erschweren werde, dereinst wieder friedlich zusammenzuleben, so das US- Nachrichtenmagazin Politico.

"Das tiefere Gefühl von Nationalität und Identität der Ukrainer, angetrieben von der Wut über das, was ihnen widerfährt, läuft Gefahr, weniger integrativ und russophober zu werden", schrieb Jamie Dettmer, Meinungsredakteur bei Politico Europe, in einem am 26. August veröffentlichten Artikel. Während Moskau beschuldigt werde, "das Fundament gelegt zu haben für einen möglicherweise lang andauernden ethnischen Konflikt", räumte der Autor ein, dass eine Entrussifizierung der Ukraine einer besonnenen Prüfung bedürfe.

Dettmer, der zuvor als Auslands- und Kriegsberichterstatter für Voice of America gearbeitet hat, wies darauf hin, dass "der Prozess, den russischen kulturellen und sprachlichen Einfluss aus dem Land zu entfernen, keine einfache – oder notwendigerweise faire – Sache ist. Zumal vor dem Hintergrund, dass etwa ein Viertel der Ukrainer sich immer noch als Russischsprachige bezeichnen." 

Dieser Prozess – der oft mit einer Dekommunisierung einhergeht – begann lange bevor Russland Ende Februar seine militärische Sonderoperation startete, so der Autor. Bereits 2015 verbot Kiew beispielsweise sowjetische Symbole, darunter Flaggen, Straßennamen und Denkmäler, die an kommunistische Persönlichkeiten oder Errungenschaften erinnerten. Seit 2016, schrieb Dettmer zudem, würden alle Passagier-, Zug und Fluginformationen an Bahnhöfen und Flughäfen nur noch auf Ukrainisch und Englisch, nicht aber auf Russisch angezeigt.

Auch erinnerte Dettmer daran, dass im vergangenen Januar Human Rights Watch Bedenken über "den fehlenden Schutz" für Russischsprachige in der Ukraine äußerte, nachdem ein neues Sprachgesetz in Kraft getreten war.

Die Gesetzgebung verpflichte alle in der Ukraine registrierten Medien, nur in ukrainischer Sprache zu veröffentlichen oder – bei Veröffentlichung in einer anderen Sprache – eine ukrainische Begleitversion bzw. eine gleichwertige in Inhalt, Umfang und Druckmethode bereitzustellen. Doch während für andere Minderheitensprachen Ausnahmen gemacht würden, seien für Russisch keine vorgesehen, erklärte Dettmer.

Laut dem Journalisten birgt es Risiken, alles Russische abzulehnen. Erstens, so erklärte er, gebe dies Futter für "Kreml-Propagandisten". Und zweitens würde eine aggressive Entrussifizierung, es allen Ukrainern nur noch schwerer machen, ungeachtet ihrer Traditionen und Vergangenheit, sich zu versöhnen und wieder friedlich zusammenzuleben, schlussfolgerte er.

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