Europa

Unstimmigkeiten im CNN-Bericht über angebliche Tötung zweier Zivilisten durch russische Soldaten

CNN behauptet, im Besitz der ersten Nahaufnahmen von angeblichen russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine zu sein. Der am 12. Mai ausgestrahlte Videobericht des US-Senders zeigt stattdessen vielmehr eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten. Deutsche Medien dagegen griffen den Vorwurf ohne Nachprüfung auf.
Unstimmigkeiten im CNN-Bericht über angebliche Tötung zweier Zivilisten durch russische Soldaten© Screenshot CNN

von Wladislaw Sankin

"Das ist ein Paradebeispiel für die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine, ein Paradebeispiel, das die Welt noch nicht gesehen hat" – meldet der US-Sender CNN seine Sensation in einem am 12. Mai ausgestrahlten Videobericht. Der Sender habe ein Überwachungsvideo erhalten, das von der ukrainischen Staatsanwaltschaft als Kriegsverbrechen untersucht werde, schrieb CNN in einem dazugehörigen Artikel auf seiner Website.

Im Bericht zeigte CNN Ausschnitte (hier der YouTube-Link) aus den Aufnahmen mehrerer Überwachungskameras eines Geschäfts für Fahrräder und andere Transportmittel nahe Kiew. Eines der Videos soll dabei den Augenblick einer kaltblütigen Erschießung zweier unbewaffneter Zivilisten durch zwei russische Soldaten dokumentiert haben. Der Bericht macht Stimmung gegen Russen, die Erschießungsszene wird mehrfach gezeigt, immer wieder betonen die Moderatorin und Protagonisten des Berichts, der Mord sei grausam und hinterhältig und die russischen Soldaten müssten für ihre Unmenschlichkeit bestraft werden.

Die Szene soll auf dem Gelände eines an der Autobahn E40, etwa 30 Kilometer westlich von Kiew  gelegenen Fachgeschäfts für Fahrräder und Anhänger-Fahrzeuge Mitte März ereignet haben, wobei die Getöteten der Ladenbesitzer und ein Wachmann gewesen seien. Russische Soldaten hätten den beiden nach einer Durchsuchung und insgesamt eher friedlicher Unterhaltung in den Rücken geschossen und danach den Laden und dessen Büroräume geplündert. Einer der Männer, der 68-jährige Wachmann Leonid Pljatz, stirbt nicht sofort, sondern einige Zeit später am Blutverlust. Die ihm später zu Hilfe eilenden Kämpfer der ukrainischen Territorialverteidigung können ihn nicht mehr retten.

So lautet die von CNN erzählte tragische Geschichte kurz zusammengefasst. Beim Ansehen des Videos fallen jedoch mehrere Unstimmigkeiten auf, die am Hauptvorwurf gegen russische Soldaten mindestens stark zweifeln lassen. 

Widersprüchlich sind vor allem die Angaben zum Datum und zur Uhrzeit des angeblichen Ereignisses. CNN gibt den 16. März als Datum an. Auf verschiedenen Überwachungskameras sind aber mal der 18., mal der 19. März als Datum aufgezeichnet.

Auf einem der Videos von der Rückseite des Hauses ist eine Patrouille aus fünf Soldaten zu sehen, die mit erhobenen Maschinengewehren um das Haus herumgehen (Minute 1:46 des CNN-Berichts). Diese Soldaten tragen alle ein weißes Band, ein Erkennungsmerkmal für die russische Armee, drei tragen Helme und zwei schwarze Strickmützen. Die Uniformen der Soldaten sind ebenfalls unterschiedlich – zwei von ihnen tragen eine dunklere Uniform. Der Zeitstempel im linken oberen Eck des Bildes zeigt den 19. März an, die genaue Uhrzeit ist nicht zu sehen, möglicherweise ist es nachmittags zwischen 13 und 15 Uhr.

Am 19. März finden auch andere Ereignisse statt – der Wachmann und sein Kollege, im Bericht als der Besitzer des Geschäfts bezeichnet – ziehen sich um 13:48 Uhr um, um die "russischen Soldaten zu treffen".

Am gleichen Tag um 18:48 Uhr wird der Wachmann Leonid Pljatz blutüberströmt auf dem Boden der Wache von den ukrainischen Kämpfern entdeckt. 

Die angebliche Erschießungsszene geht aber wohl auf den 18. März zurück. In dem Moment, als den beiden Männern in den Rücken geschossen wird, zeigt das Video das abgeschnittene "i", was wohl auf "Fri", also auf Freitag, den 18. März hindeutet. Es ist 15:10 Uhr.

Eine Patrouille aus drei russischen Soldaten soll laut einem weiteren Video das Gelände um das Geschäft herum auch an diesem Tag inspiziert haben. Sie sehen wiederum anders aus als die Gruppe am Samstag: Alle tragen einen Helm und nur einer trägt das weiße Band als Erkennung (Minute 2:19 des Berichtes) für das russische Militär.

Es ist 16:32 Uhr, fünf Minuten später ist die Gruppe aus einer anderen Perspektive zu sehen: Sie geht am größeren Gebäude des Autohauses entlang. Auch die bei Minute 3:03 des Berichtes erwähnte angebliche Schießerei findet laut einem weiteren Überwachungsvideo aus einem Büroraum am 18. März statt.

Ein weiteres Detail: Die Tür in die kleinere Verkaufshalle für die Fahrräder ist während der Patrouille der drei Soldaten am 18. März noch nicht zerschossen. Am Ende des Berichts zeigt CNN eine Plünderungs-Szene, als drei mutmaßliche russische Soldaten die Büroräume durchwühlen und den dabei gefundenen Alkohol trinken. Zwei von ihnen tragen keine weißen Bänder, sehr wahrscheinlich sind es diejenigen, die das Gelände am 18. März inspizierten.

Laut CNN gab es aber nur eine russische Patrouille, die an einem Tag die beiden Männer tötete und anschließend das Geschäft plünderte, obwohl der Sender natürlich behauptet, alle Videomaterialen gründlich ausgewertet zu haben. Im Bericht ist auch noch von einem Beschuss durch einen russischen Panzer die Rede, aber die russischen Panzerfahrzeuge, die im Bericht zu sehen waren, wurden offenbar an einem anderen Ort gefilmt. Das kann man anhand von Google Street View für diesen Ort erkennen. 

Der russische Militärexperte Wladislaw Schurygin weist auch auf weitere Unstimmigkeiten hin. Die russische Patrouille soll laut CNN in einem weißen Transporter mit einem aufgemalten Erkennungszeichen "V" für die russische Militäroperation gekommen sein, der noch die Aufschrift "Panzer-Speznas" und die lateinische (!) Abkürzung "RUS" getragen habe.

"Erstens haben wir in der Armee keine solchen Kleinbusse, die angeblich Militärangehörige zu einem Autosalon bringen. Wir verwenden ausschließlich Fahrzeuge des Kampfstabs und gepanzerte Fahrzeuge. Niemand kann mit anderen Fahrzeugen fahren – vor allem nicht in der Kampfzone", erklärte er gegenüber der Zeitung Wsgljad.  

Außerdem sei der Kleinbus aus irgendeinem Grund mit der Aufschrift "Panzerspezialkräfte" (Rus. "танковый спецназ") versehen gewesen, doch gebe es bei den russischen Panzertruppen keine Spezialkräfte. "Ein Panzersoldat ist ein Panzersoldat. Die Behauptung, wir hätten Panzerspezialkräfte, wäre dasselbe wie die Behauptung, wir hätten auch Panzersoldaten für die Luft- und Raumfahrt. Und ich würde gerne sehen, wie dieser zivile Kleinbus in die Kontrollzone einer Panzerkompanie oder eines Panzerbataillons hineinfährt. Wer würde ihn hereinlassen? Das Erscheinen von einem solchen Fahrzeug in einer Panzereinheit ist unmöglich", betonte der Experte.

Der Analyst wies außerdem darauf hin, dass die Art von Schutzwesten, die das angeblich russische Militär in dem Video trägt, in der russischen Armee seit Langem nicht mehr verwendet wird. "Das ist nicht unsere Uniform, und Schutzwesten mit einer solchen Färbung, eine solche Komplettausstattung haben wir schon lange nicht mehr getragen. Außerdem trugen drei Soldaten Helme und zwei der Angreifer nur schwarze Strickmützen, was sehr merkwürdig ist", sagte Schurygin. 

Zahlreiche russische Blogger und das Internetportal waronfakes.com haben ebenso darauf hingewiesen, dass Soldaten aus den letzten Sequenzen des Berichts ein veraltetes Modell 6B23 der Schutzweste tragen. Dieses Modell werde seit 2014 nicht mehr an die russischen Streitkräfte geliefert und sei als Auslaufmodell weitgehend aus dem Verkehr gezogen worden. An seine Stelle sei die modernere Schutzweste 6B45 getreten, die insbesondere von den russischen Streitkräften bei Sondereinsätzen in der Ukraine verwendet wird. Das veraltete Modell 6B23 wird von den Streitkräften der Donezker und Lugansker Volksrepublik verwendet, die sich jedoch niemals in der Nähe von Kiew aufhielten.

"Gleichzeitig ist es wichtig festzustellen, dass die Uniformen der Militärangehörigen keine Abzeichen oder Insignien tragen, an denen sie identifiziert werden könnten. Dies widerspricht völlig dem Statut der Streitkräfte der Russischen Föderation. Bei Übungen und militärischen Einsätzen werden durchgehende grüne Chevrons verwendet", schließt waronfakes.com

CNN blieb nicht das einzige westliche Medium, das diese Geschichte der angeblichen Erschießung der Zivilisten durch russische Soldaten aufgegriffen hat und dabei Überwachungsvideos sichtete. Auch die BBC brachte am gleichen Tag einen vierminütigen Videobeitrag und zeigte noch ein paar andere Sequenzen aus den Überwachungsvideos. Auch konnte die BBC-Reporterin mit einem Zeugen – dem Freund von Leonid Pljatz sprechen. Er habe nach dessen Hilferuf die Kiewer Territorialverteidigung alarmiert. Laut BBC sei der weiße Transporter zuvor von den russischen Soldaten gestohlen worden. Zahlreiche deutsche Medien dagegen griffen vor allem den CNN-Bericht ohne Nachprüfung auf und berichteten – wie etwa Der Spiegel –, er würde "Videos zeigen, wie Russen Zivilisten erschießen". 

Dennoch bleiben weitere Fragen offen. Sowohl CNN als auch BBC sagen kein Wort darüber, wie sie in den Besitz von diesen Videoaufnahmen gekommen sind und berichteten fast auf Stunde genau gleichzeitig darüber. Steckt also eine gezielte PR-Kampagne dahinter? Warum wurden die Videos erst knapp zwei Monate nach dem Vorfall veröffentlicht und damit ins mediale Spiel gebracht? Ein wichtiger Termin auf internationaler Bühne gibt Anlass zu dieser Vermutung: die Informationen wurden pünktlich am Tag der Abstimmung im UN-Menschenrechtsrat über die Einleitung einer Untersuchung angeblicher russischer Kriegsverbrechen veröffentlicht. Der Rat stimmte mit 33 Stimmen dafür. 

Auch ist über das zweite Opfer bislang nichts bekannt. Der beschädigte Autosalon "Camper Group" ist großes Fachgeschäft für Wohnwagen und sonstige Urlaubs-Fahrzeuge. Sein Besitzer müsste also ein zumindest auf lokaler Ebene bekannter Geschäftsmann sein. Doch die ukrainischen Medien haben bisher nichts über dessen Ermordung berichtet. Zu seiner Person hieß es im Bericht nur – "seine Verwandten wollen, dass sein Name nicht genannt wird".

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