Europa

Was für ein peinlicher Fehler: Das Europäische Parlament ehrt den falschen Nawalny

Das Europäische Parlament hat den diesjährigen Sacharow-Preis dem russischen Oppositionellen Alexei Nawalny zugesprochen. Am Mittwoch fand die Preisverleihung statt und endete mit einem Eklat: In der offiziellen Preisurkunde ist der Name des Preisträgers falsch geschrieben. Unser Autor meint, dass, auch von diesem Fehler abgesehen, der Preis einem Nawalny verliehen wurde, den es nicht gibt.
Was für ein peinlicher Fehler: Das Europäische Parlament ehrt den falschen Nawalny© Ruptly

Kennen Sie einen Aleskei Nawalny? Nein? Sollten Sie, denn ihm hat das Europäische Parlament heute den Sacharow-Preis verliehen. 

Dabei fing alles so feierlich und getragen an: Zu Beginn der Preisverleihung wird ein pathetisches Video eingespielt, in dem Nawalnys Mitarbeiter, jung und modisch gestylt, zielstrebig und glatt, ihren Arbeitgeber als Messias und Märtyrer des Antikorruptionskampfes in einer Person darstellen. Kein Wort, natürlich, über seine Abneigung gegen Migranten, die in dem offiziellen Wahlversprechen seiner Bewerbung um das Amt des Moskauer Oberbürgermeisters 2013 gipfelte, "die Asiaten" aus der Stadt zu vertreiben. Auch fehlt jede Sequenz aus seinem Werbevideo für die Freigabe von Schusswaffen aus dem Jahr 2007, in dem der Liebling des Westens Moslems mit Kakerlaken gleichsetzt und gleich mal eine erschießt. Keine Aufnahmen der "Russischen Märsche", in die sich Alexei so gerne Schulter an Schulter mit ausgewiesenen Nazis und Faschisten einreiht. Und sich übrigens nie davon distanziert hat. Von nichts davon. 

Immer noch in seinem Namen auf YouTube: Nawalnys skandalöses Video: 

Als kampfbereiter Revolutionär für "Europäische Werte", als heroische Lichtgestalt wird Nawalny porträtiert. Schattenseiten würden da nur stören.  

Die Laudatio hält der Präsident des EU-Parlaments David Sassoli. Hier keine Überraschungen, das Übliche. Tausendmal gehört.  

Und dann tritt sie ans Podium: Darja, Nawalnys Tochter, mit einem großen Foto ihres Vaters in den Händen. Sie stellt es auf ein Tischchen neben das Podium, sodass es während ihrer Dankesrede, die sie im Namen ihres Vaters hält, wiederholt in den Fokus der Kamera gerät. Nawalny trägt darauf ein blaues T-Shirt, das Gesicht entschlossen in einer Vorwärtsbewegung, hinter ihm ein russischer Polizist. Ein visuelles Bedrohungsszenario, obschon das Gesicht des Polizisten eher Abwesenheit und Gleichgültigkeit signalisiert. 

Darja spricht in einwandfreiem, fast schon zu glattem Englisch: Ja, der "Saubermann" Nawalny, der dies so gern bei anderen kritisiert, hat mit seinen Videos genug Spenden eingesammelt, um seinen zwei Kindern die besten und teuersten britischen Colleges und Universitäten finanzieren zu können.

Darja beginnt die Rede mit einer Entschuldigung: Sie, die zwanzigjährige College-Studentin, kenne sich noch nicht so gut mit der Politik aus und könne auch was verwechseln. Gleichwohl vergehen nur wenige Minuten und schon belehrt uns die College-Studentin, wir alle mögen doch unsere Lehrbücher für Geschichte aufschlagen und daraus lernen, Pragmatismus hätte in der internationalen Politik niemals funktioniert. Der Illustration dient (was sonst?) die Appeasement-Politik vor dem 2. Weltkrieg Hitler gegenüber.

Mit Putin wollen einige in Europa "flirten"? "Das wird dich vieles kosten, Europa", warnt das junge Politiktalent, und rät, man solle den Taschenrechner ziehen und nachrechnen. Dann folgt eine Aufzählung aller Anschuldigungen, bewiesen und unbewiesen, die in den letzten 20 Jahren der Westen gegen Putin und Russland erhoben hat. Schuld an all dem, wir hörten es schon: der Pragmatismus. 

Zwischendurch dürfen wir aufatmen: Einen Atomkrieg, um ihren Vater zu befreien, will auch Darja nicht. Aber: Der Krieg läuft ja schon, sagt sie ohne zwischendurch Luft zu holen, also müsse man ihn führen. Einen Krieg des Idealismus gegen den Pragmatismus. 

Die Rede gipfelt in einer Lobeshymne auf die EU: Ein Wunder sei sie. Ein Wunder, das die Völker, die sich Jahrhunderte lang bekriegten, in Frieden vereinigen konnte. Kein Wort fällt dazu, dass dieselbe EU dasselbe Recht, sich in Frieden und Wohlstand zu vereinigen, den eurasischen Völkern versagt, die sich seit Jahrhunderten nicht mehr bekriegt haben – den Völkern der ehemaligen Sowjetunion. Da will man EU-Außengrenzen und Grenzzäune dort ziehen, wo nie zuvor in der Weltgeschichte eine Grenze die Menschen getrennt hat. Aber die Europäerin Darja scheint dies nicht zu stören. Hauptsache, Europa geht es gut.  

Ihr Vater spricht da übrigens eine etwas andere Sprache: Die Krim wird auch er der Ukraine niemals zurückgeben, sagt er, und seine Einstellung Georgien gegenüber zeigte bislang immer eine leicht chauvinistische Färbung.  

Darja lobt die EU und schmeichelt den Europäern. Das hören die Versammelten gern, die Stimmung ist entspannt. Dann kommt der Schlussakkord: "Irgendwann wird auch mein Land der EU angehören. Freiheit für Alexei Nawalny!" Nun gibt es kein Halten mehr: minutenlanger ekstatischer Applaus, alle Parlamentarier hat es von ihren Sitzen gerissen. Darja sonnt sich darin mit sichtlichem Selbststolz. Das ist ihre Stunde. 

Als der Applaus endlich verstummt, nimmt Darja die Urkunde des Sacharow-Preises entgegen. Weiß eingerahmt, weiße kyrillische Lettern auf europäisch-blauem Grund. Die Kamera schwenkt darauf, nimmt die Urkunde ins Visier, Nahaufnahme… Und nun liest der Sprachkundige: 

"Das Europäische Parlament verleiht den Sacharow-Preis für die Freiheit des Denkens..."

Trommelwirbel, die Stimme bitte so, als würde gleich ein Weltmeister in die Arena stürmen, schön die Vokale ziehen…

"Aleskei Nawalny".

Als wäre die Preisverleihung an einen, wenn nicht schon Nationalisten, so zumindest hemmungslosen Rechtspopulisten, im Namen europäischer Werte und des Internationalisten Sacharow nicht bereits ein Witz in sich: Nun verkommt das ganze vollends zur Farce und zum Treppenwitz. Wer immer sich da – absichtlich oder unbeabsichtigt – verschrieben hat, irgendeinen russischen Orden hat er oder sie sich redlich verdient. 

Doch auch ohne dieses peinliche Missgeschick, bliebe das Fazit: Das Europäische Parlament hat einen Nawalny geehrt, den es nicht gibt. Einen "russischen Oppositionsführer", der so nur in der Fantasie grüner, gelber und schwarzer Abgeordneter und den Kolumnen der deutschen Journaille existiert. 

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