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Afroukrainer? Russen haben Ukrainer wie Schwarze behandelt, sagt Chef der Böll-Stiftung in Kiew

Afroukrainer? Russen haben Ukrainer wie Schwarze behandelt, sagt Chef der Böll-Stiftung in Kiew
Eine ukrainische Bauernfamilie im 19. Jahrhundert. Szene aus dem sowjetischen Film "Najmitschka" (1964) nach dem gleichnamigen Gedicht des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko
Ein Journalist, Politologe und langjähriger Chef der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew vergleicht Ukrainer mit Afroamerikanern. Deshalb hätten diese z.B. das Recht, die russische Sprache abzulehnen. Seine Twitter-Theorie sorgt für Furore.

von Wladislaw Sankin

Ein russisch-deutscher Journalist, der Leiter der Kiewer Vertretung der Heinrich-Böll-Stiftung und Phoenix-Experte Sergei Sumlenny, bemüht sich um eine neue Lesart der russisch-ukrainischen Geschichte. Im Sinne des Zeitgeistes soll sie verständlicher werden. Sumlenny zufolge waren die Ukrainer im Russischen Reich und der Sowjetunion so benachteiligt wie etwa die Schwarzen in den USA zu Zeiten der Rassentrennung. Diese Theorie fasst Sumlenny in zehn Tweets zusammen.

Die Ukrainer im Russischen Reich und in der Sowjetunion waren Schwarze im rassistischen Amerika. Man behauptete, sie seien "schmutzig" und "dumm", ihre Sprache wurde verspottet, man hat sich über ihre Nationaltrachten und ihren Akzent in Komödien lustig gemacht (aka "blackface"). Ihre Karriere hatte klare Grenzen", schreibt er.

Dieser Tweet erntete bereits über 1.400 Likes. Und er führt weiter aus: Die "guten" Ukrainer seien in der sowjetischen Propaganda als "treue Diener" dargestellt worden, so wie Mammy aus "Vom Winde verweht" – bodenständig und ihren Platz kennend. Ein "schlechter Ukrainer" sei stattdessen als rebellisch und – unerhört! – von Unabhängigkeit träumend dargestellt worden.

In der Sowjetarmee durften Ukrainer nur die unteren Dienstgrade bekleiden oder Lagerhäuser verwalten. Was sie nicht durften: Ukrainisch sprechen. Diese Diskriminierung setzt sich auch heute fort, und zwar in ihrer brutalsten Form. Als Beispiel nennt der Experte der Grünen-nahen Stiftung einen Kriminalfall von November 2019, als zwei betrunkene Jugendliche einen freiwilligen Helfer der ukrainischen Armee im Kriegsgebiet im Osten angeblich zu Tode prügelten, weil er Ukrainisch sprach.

Es war eine Jagd auf Ukrainer – genau wie KKK-Mitglieder in den USA.

Es sei deshalb "dumm", die nationalistischen Ukrainer als "rechts" zu bezeichnen. Die Ukraine sei ein postkoloniales Land, dessen Bevölkerung durch "Jahrhunderte der Unterdrückung und des Völkermords zutiefst traumatisiert" ist. Der Kampf für die ukrainische Sprache und Kultur sei ein Befreiungskampf, ein Kampf gegen Imperialismus und Kolonialismus.

Diejenigen, die das Recht der Ukrainer in Frage stellen, nicht nur Ukrainisch zu sprechen, sondern de facto auch Russisch abzulehnen, wiederholen den Slogan "Jedes Leben zählt" und ähnlichen Schwachsinn", schlussfolgert Sumlenny und erntet über 400 Likes.

Dutzende Nutzer versuchten, diese "Theorie" in ihren Tweets zu widerlegen, indem sie die Namen der von drei der letzten vier Generalsekretäre der KPdSU vor Gorbatschow nannten und Fotos posteten – diese waren allesamt Ukrainer. Einer von ihnen, Nikita Chruschtschow, trug sogar zu offiziellen Anlässen sein beliebtes ukrainisches Bauernhemd mit Stickmustern – die Wyschiwanka, die heute in der Ukraine ein Symbol für nationale Gesinnung ist. Oder Fotos von ukrainischen Protagonisten aus dem Sowjetkino, die nicht in Sumlennys Schema passen.

Andere wiesen darauf hin, dass ukrainische Eliten bereits seit der Angliederung der ersten ukrainischen Gebiete an Russland Zugang zu höchsten Ämtern im Staate hatten:

"Und jetzt sind sie frei von Sklaverei", schrieb eine weitere Nutzerin sarkastisch und wies auf das Schicksal von Millionen ukrainischer Gast- und Saisonarbeiter hin, die sich im Ausland verdingen müssen, um ihre Familien zu ernähren:

Einer der Twitterer wurde sogar vom Verfasser gelobt, als er das Bild eines in der Sowjetukraine gebauten Flugzeugträgers postete, der nach dem langjährigen KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew benannt wurde, einem gebürtigen Ukrainer.

Doch lässt man all den Spaß beiseite, bleibt sein Rassismusvergleich ein kalkulierter Propagandavorstoß eines gewieften PR-Profis, der zu einem günstigen Zeitpunkt der Rassenunruhen in der westlichen Welt erschien. Sumlenny, der in Moskau eine ausgezeichnete Ausbildung erhielt und an der Russischen Akademie der Wissenschaften promovierte, Bücher über Deutschland schrieb und für viele namhafte russische und deutsche Medien als Korrespondent arbeitete, weiß, was er tut.

Sein politisches Ziel als Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung formulierte er in einem Interview mit dem US-Staatssender Radio Liberty. Es sei zu befürchten, dass der Westen wegen des "Chaos in diesem Land" das Interesse an der Ukraine verliert. Eine Hinwendung zu Russland sei dann die Folge. Deswegen müsse man die Zusammenarbeit zwischen dem Westen und der Ukraine auf emotionaler und humanitärer Ebene intensivieren.

In dieser Hinsicht ist die Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und Deutschland auf intellektueller und humanitärer Ebene sehr wichtig. Zum Beispiel jede gemeinsame Kommission von Historikern, Veranstaltungen, Kulturarbeit und so weiter, denn sie ist der Schlüssel zur emotionalen menschlichen Wahrnehmung des Landes. Denn bisher verstehen viele Menschen in Deutschland nicht, was die Ukraine ist, sie verstehen die ukrainische Geschichte nicht, wissen nichts über den Holodomor, über die langfristige Politik zur Zerstörung der ukrainischen Kultur und Sprache. Dies ist sehr zum Vorteil der russischen Propaganda, die sagt, die Ukraine sei "dasselbe Russland, nur zufällig getrennt".

Afroukrainer? Russen haben Ukrainer wie Schwarze behandelt, sagt Chef der Böll-Stiftung in Kiew
Ihr wissenschaftliches Potenzial erbte die Ukraine von der UdSSR. Auf dem Bild: ein Mitarbeiter des Charkower Instituts für Physik und Technologie (dem heutigen Charkow-Institut für Physik und Technologie) am größten linearen Elektronenbeschleuniger Europas, 1964

Ukrainisches Lobby der Grünen

Die beratende Tätigkeit derartiger Spezialisten aus Deutschland lässt sich zum Beispiel an der Intensivierung der Lobbyarbeit für die Etablierung einer national gesinnten ukrainischen Erinnerungskultur in Deutschland messen. Seit Ende 2018 gibt es eine Petition der Grünen an den Bundestag, die Hungerkrise in der Sowjetunion in den Jahren 1932/1933 als Genozid (den sogenannten "Holodomor") der Sowjetführung an den Ukrainern als Ethnie anzuerkennen. Damit werden eins zu eins die Thesen der ukrainischen Staatspropaganda zu diesem Thema wiederholt. Nächste Woche findet ein hochkarätig besetztes Webinar mit dem Titel "Deutschland und der Holodomor" statt, das Debatte um die Anerkennung in Schwung bringen soll. Anfang Juni teilte der ukrainische Außenminister Dmitri Kuleba mit, dass ein separates Denkmal für die "ukrainischen Opfer" des Zweiten Weltkrieges mit der Bundesregierung besprochen wird. Dieses schlug die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission vor. Der Berliner Senat findet derartige Hierarchisierung der 27 Millionen sowjetischen Toten offensichtlich in Ordnung.

Am Tag des Sieges steht jedem frei, an den Feierlichkeiten teilzunehmen: Die Teilnehmer des Volkszuges

Ein schützenswertes, ewiges Opfer – das ist das Image, das die Ukraine derzeit verstärkt anbietet, solange die trostlose Gegenwart nicht mehr der Rede wert ist. Dem dient auch der Rassismusvergleich, da er ganz klare, buchstäblich schwarz-weiße Narrative anbietet. Beim Fehlen jegliches differenzierten Wissens über die Region bei der Zielgruppe kann auch die kleine Twitter-Lehrstunde zu Geistesblitzen wie etwa diesem führen:

Sie haben Türken und Kurden beschrieben. Das ist die gleiche Politik. Es lebe die Ukraine!

Es sei für Englischsprachige wichtig, die Geschichte der Ukraine zu verstehen, aber dieser Vergleich erscheine angemessen, schreibt eine andere Nutzerin.

Der Hobbyhistoriker der um politische Korrektheit so bemühten Heinrich-Böll-Stiftung ließ nur eines außer Acht: Sumlenny fragte die Afroamerikaner nicht, ob sie mit diesem Vergleich einverstanden sind. Man weiß ja, wie schnell man sich bei einem Holocaust-Vergleich der "Verharmlosung" schuldig machen kann. Wir erinnern uns: Den Angriff zweier betrunkener Jugendlicher auf einen Aktivisten beschrieb der Vertreter einer deutschen NGO als Jagd im Stil der Lynchmorde des berüchtigten Ku-Klux-Klans. Allein im 19. Jahrhundert fielen diesem mehrere Tausend Afroamerikaner zum Opfer. 

Sumlenny hält die heutigen Afroamerikaner anscheinend nicht für fähig und mündig, ihre eigene Geschichte einzuordnen, wenn er über ihre Köpfe hinweg entscheidet, womit man die Erlebnisse ihrer Vorfahren am besten vergleichen kann. Ist nicht zufällig gerade das ein Fall von Rassismus?

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