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Showdown im syrischen Idlib: Wie wahrscheinlich ist eine türkische Invasion?

Showdown im syrischen Idlib: Wie wahrscheinlich ist eine türkische Invasion?
Die syrische Armee befreit immer mehr Gebiete in der Provinz Idlib von radikalislamistischen Elementen.
Die Spannungen um die syrische Provinz Idlib steigen weiter an. Dort drängen syrische Regierungstruppen von der Türkei aus unterstützte Sunni-Fanatiker immer weiter zurück. Die Türkei beabsichtigt deswegen womöglich einen weiteren Einmarsch im Nachbarland.

Idlib, eine Provinz im Nordwesten des Bürgerkriegslandes Syrien, ist die letzte verbleibende große Hochburg islamistischer Aufständischer. Am Donnerstag kam es zu einer weiteren Runde der Gewalteskalation. Islamistische Milizen unternahmen einen Versuch, die syrische Armee aus den Gebieten entlang der von ihr vor Kurzem eingenommenen strategischen Autobahn M5, die die Hauptstadt Damaskus mit Aleppo verbindet, zurückzudrängen. Dabei wurden sie von türkischen Artillerieeinheiten unterstützt, wie verschiedene Videos belegen. Nachdem russische Luftstreitkräfte eingriffen, kam die Rebellenoffensive zum Halt.

Dicke Rauchschwaden hängen in der Luft nach einem Luftangriff in der syrischen Provinz Idlib am 20. Februar.

Ankara plant jedoch offenbar keinen Rückzug aus dem syrischen Gebiet. Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte kürzlich, dass eine türkische Offensive in Idlib "nur eine Frage der Zeit" sei. Unterdessen hat Moskau jede direkte türkische militärische Beteiligung in Syrien als das schlimmste denkbare Szenario bezeichnet.

Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Katastrophenszenario tatsächlich eintritt?

Erdoğans Aussagen nach zu urteilen, scheinen die Türken ziemlich entschlossen zu sein, ihre Drohung wahrzumachen", sagte der Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs, Fjodor Lukjanow, gegenüber RT und fügte hinzu, dass Idlib zu einer Arena eines geopolitischen Kampfes zwischen Ankara und Damaskus und damit auch den Verbündeten Syrien und Moskau geworden sei.

Russland hat versucht, in dem Konflikt zu vermitteln, bisher haben die Gespräche mit der Türkei jedoch keine praktischen Ergebnisse erzielt. Derweil spitzte sich die Situation vor Ort weiter zu. Lukjanow stellte fest, dass Ankara einen größeren Krieg nur deshalb vermeiden konnte, weil die in Idlib kämpfenden Milizen mit Al-Qaida verbündete Verbände sind, die Ankara unterstützt.

Die Türkei – die in der NATO das zweitgrößte Militär stellt – sei in der Lage, die syrische Armee zu besiegen, so Michail Chodarenok, ein pensionierter Oberst der russischen Luftstreitkräfte und ehemaliger Generalstabsoffizier.

Erdoğan verfügt über genügend Kampf- und Einsatzfähigkeiten sowie militärische Ausrüstung und Personal, um Assads Streitkräfte innerhalb weniger Tage zu überrennen", sagte er gegenüber RT.

So kampferprobt sie auch sei, sei die syrische Armee durch fast ein Jahrzehnt Krieg geschwächt worden. Sie müsse derzeit an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen.

Die Frage sei jedoch weitgehend hypothetisch, da die syrische Armee nicht allein kämpfe. Russland – ein wichtiger Partner der Türkei – steht im Syrien-Konflikt auf der Seite der legitimen Regierung in Damaskus. Eine Niederlage seiner syrischen Verbündeten wäre eine Katastrophe für Moskaus Bemühungen im Kampf gegen den Terrorismus sowie für seine Nahost-Politik im Allgemeinen, warnte Chodarenok. Es sei höchst unwahrscheinlich, dass Russland eine Niederlage der syrischen Regierung einfach hinnimmt und zusieht, wie durch einen derartigen Konflikt die Autorität Moskaus in der Region untergraben wird.

Jede größere türkische Operation gegen die syrische Armee würde höchstwahrscheinlich Auswirkungen auf russische Militärberater und Bodentruppen haben, wie etwa die Militärpolizei, die in einigen Gebieten Syriens Patrouillen fährt, erklärte Aleksei Chlebnikow, Nahostexperte des Moskauer Carnegie-Zentrums, gegenüber RT.

Russland unterstützt bereits die Offensive der syrischen Armee mit seinen Luftstreitkräften und spielt eine Rolle der Abschreckung gegen jede türkische Offensive auf die syrischen Stellungen, indem es im Grunde die Kontrolle der syrischen Armee über die neu eingenommenen Gebiete sicherstellt", sagte Chlebnikow.

Diese Beteiligung Moskaus macht eine offene Intervention für die Türkei zu einer heiklen Angelegenheit, nicht zuletzt, weil sie einen Konflikt mit einem nuklear bewaffneten Mitglied des UN-Sicherheitsrates riskieren würde. Zudem bestünde die Gefahr einer allgemeinen Konfrontation zwischen der NATO und Russland.

Ankara hat viel zu verlieren, selbst eine leichte Verschlechterung der Beziehungen zu Moskau. Das konnte man beobachten, als es das letzte Mal zu einer Konfrontation zwischen der Türkei und Russland kam, nachdem die Türkei im November 2015 eine russische Su-24 abgeschossen hatte. Nach diesem Vorfall verhängte Russland eine Reihe von Sanktionen gegen türkische Exporte und Unternehmen, die insbesondere die türkische  Landwirtschaft und den Tourismussektor lahmlegten.

Der Einsatz wäre für die Türkei dieses Mal sogar noch höher. Die Türkei hat seither ihre Rüstungskooperation mit Russland durch den Kauf von S-400-Luftabwehrsystemen verstärkt – ein Handel, den Ankara für so wichtig hielt, dass es bereit war, dem Druck der USA zu widerstehen und sogar seine Rolle im amerikanischen F-35-Tarnkappenjägerprogramm zu opfern. Russland wird wahrscheinlich keine ähnliche Ausrüstung mehr mit der Türkei teilen, sollte es zu einem ernsten Konflikt in Idlib kommen.

Ein weiteres öffentlichkeitswirksames gemeinsames Projekt ist die TurkStream-Pipeline, die russisches Erdgas zur Versorgung der größten türkischen Stadt Istanbul und der umliegenden Industriegebiete liefert. Şakir Arıkan, Geschäftsführer von TürkAkım Gaz, bezeichnete das massive Infrastrukturprojekt im vergangenen Monat als eine "Angelegenheit der nationalen Sicherheit". Dennoch zögerte Russland nicht, die Bauarbeiten an dem Projekt als Teil des Sanktionspakets bereits im Jahr 2015 einzustellen.

Türkei vor strategischer Niederlage in Idlib wegen Nichterfüllung des Sotschi-Abkommens
(Archivbild: Soldaten der Syrischen Arabischen Armee mit ihrem Panzer samt Minenrolle in al-Deir al-Scharkij im Südosten der Provinz Idlib. 25.01.2020)

Die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Ankara geht auch über wirtschaftliche und verteidigungspolitische Fragen hinaus. Neben der Partnerschaft im syrischen Friedensprozess haben sich die Türkei und Russland kürzlich als wichtige Partner in den festgefahrenen Gesprächen zur Beendigung des Chaos in Libyen erwiesen.

Niemand ist daran interessiert, dass ein großer Krieg ausbricht, der zu einem Konflikt zwischen der Türkei und Russland führen würde", sagte Vitali Naumkin, Präsident des Instituts für Orientalistik an der Russischen Akademie der Wissenschaften, gegenüber RT. "Der Einsatz, den beide Seiten für die gegenseitige Zusammenarbeit haben, ist einfach zu hoch. Das bedeutet, dass sie wahrscheinlich eine Vereinbarung treffen werden."

Auch Chlebnikow hält es für "höchst unwahrscheinlich, dass die Türkei einen Weg des direkten Zusammenstoßes und der Eskalation der Spannungen mit Moskau wählt".

Das bedeutet jedoch nicht, dass Moskau sich einfach nur passiv darauf verlassen kann. Lukjanow sagte, dass viel von den russischen diplomatischen Bemühungen abhängen wird, der Türkei einzureden, dass ein militärischer Weg nirgendwohin führen wird.

Alle Versuche, diese Frage mit militärischen Mitteln zu lösen, sind einfach sinnlos.

Wenn sich Russland und die Türkei nicht über die eine Lösung in Idlib verständigen, werden die Feindseligkeiten weitergehen, warnte Lukjanow. Das mag für die Syrer, die ihr Land nach fast einem Jahrzehnt des Konflikts befreien wollen, unangenehm klingen.

Alle Experten schienen sich einig zu sein, dass ein Einfrieren der Feindseligkeiten in Idlib eine Eskalation vorerst vermeiden helfen könnte, bis eine längerfristige Lösung gefunden ist.

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