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"Ende der USA in unserer Region hat begonnen" – Der Soleimani-Mord und seine Folgen

"Ende der USA in unserer Region hat begonnen" – Der Soleimani-Mord und seine Folgen
Eine iranische Wache hält eine Hisbollah-Flagge während des Trauerzuges bei der Beerdigung von Soleimani in Kerman und steht dabei auf einer US-Flagge. Auf dieser steht: "Abschalten!" (Shut down)
Beim iranischen Raketenangriff am Mittwoch kam kein US-Soldat ums Leben, in der von der iranischen Flugabwehr versehentlich abgeschossenen Boeing 737 starben dagegen 176 Menschen. Langfristig könnten die Folgen des Soleimani-Mords für die USA aber schmerzhafter sein als für den Iran.

von Karin Leukefeld, Damaskus

In der angespannten Lage zwischen den USA und Iran ist es am frühen Mittwochmorgen zu einem tragischen Unfall gekommen. Der Luftwaffenchef der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) erklärte am Samstag vor Journalisten in Teheran, dass der Flugzeugabsturz des zivilen UAI-Fluges PS752 durch eine iranische Flugabwehrrakete verursacht worden sei.

Alle 176 Personen an Bord kamen bei dem Absturz ums Leben. General Amir Ali Hajizadeh übernahm die volle Verantwortung und sprach allen Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. Die Verantwortlichen für den Abschuss würden vor ein Militärgericht gestellt. Weitere juristische Schritte würden von höher gestellten Autoritäten vorgenommen, "wir werden jeder Entscheidung Folge leisten".

Ausführlich schilderte der General die Situation am Morgen des 8. Januar. Nur vier Stunden nach dem Vergeltungsschlag, den die iranischen Revolutionsgarden für den US-Mord an Generalmajor Qassem Soleimani am Flughafen von Bagdad angekündigt und verübt hatten, war eine Maschine der Ukraine Internationale Airlines (UAI) kurz nach 6 Uhr morgens vom Internationalen Flughafen Teheran-Imam Chomeini gestartet.

Die Luftabwehr des iranischen Militärs und der Revolutionsgarden sei zu diesem Zeitpunkt im ganzen Land auf höchster Alarmstufe gewesen, denn US-Präsident Trump hatte zuvor den Angriff auf 52 Ziele im Iran angedroht, und verstärkte US-amerikanische Flugbewegungen um den Iran herum seien registriert worden, sagte Hajizadeh. Es habe Anzeichen gegeben, dass die US-Armee Marschflugkörper gegen den Iran einsetzen werde.

Die betroffene Flugabwehrstellung sei in der Nähe einer iranischen Militärstellung westlich von Teheran gelegen. Wiederholt habe man von dort gefordert, alle Flüge in der Umgebung von Teheran in der Nacht einzustellen. Der Verantwortliche an der Flugabwehrstellung habe dann auf seinem Warnsystem einen Marschflugkörper identifiziert, der sich 19 Kilometer entfernt befand, mit Kurs auf die Militärstellung.

Entsprechend den militärischen Regeln habe der Verantwortliche bei der übergeordneten Stelle angerufen, um zu hören, wie er mit der scheinbaren Bedrohung umgehen solle. Das Kommunikationssystem sei blockiert gewesen. Ihm seien nur 10 Sekunden geblieben, um zu entscheiden, ob er schießen oder das Flugobjekt ignorieren solle. Dann habe er "die falsche Entscheidung getroffen". Eine Kurzstreckenrakete sei gegen den vermeintlichen feindlichen Marschflugkörper gestartet worden, sie sei neben dem Flugzeug explodiert. Der UAI-Pilot habe vermutlich versucht, dem Geschoss auszuweichen und sei abgestürzt.

Zwei Tage vor der ausführlichen Erklärung des iranischen Luftwaffengenerals und nur einen Tag nach dem Absturz des Flugzeugs, am 9. Januar 2020, hatte der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau erklärt, die Boeing 747-800 der ukrainischen Fluggesellschaft UIA sei von einer iranischen Boden-Luft-Rakete "möglicherweise unabsichtlich" abgeschossen worden. Trudeau bezog sich auf namentlich nicht genannte "Geheimdienstquellen" und forderte eine "vollständige Untersuchung". Ähnlich äußerte sich der britische Ministerpräsident Boris Johnson. Der britische Außenminister Dominic Raab, der sich zu dem Zeitpunkt in Kanada aufhielt, erklärte, britische Staatsbürger seien aufgefordert, wegen der "erhöhten Spannungen nicht in den Iran zu reisen".

Sowohl von der New York Times (NYT) als auch von dem britischen Magazin Newsweek war verbreitet worden, dass die Maschine vom Iran abgeschossen worden sei. Newsweek zitierte bereits am Tag des Absturzes anonyme militärische Quellen aus den USA und aus dem Irak, wonach man davon ausgehe, dass das Flugzeug von einer russischen Tor-M-1-Boden-Luft-Rakete versehentlich getroffen worden sei. Ihre detaillierten Informationen teilten die westlichen Staaten der iranischen Untersuchungskommission in Teheran allerdings nicht mit.

In Toronto trauerten am 9. Januar Menschen um die Opfer der Flugzeugunglücks im Iran.

Der Sprecher des iranischen Außenministeriums Abbas Musawi forderte vergeblich "den kanadischen Ministerpräsidenten und jede Regierung auf, ggf. deren Informationen über den Absturz vorzulegen und dem Komitee zu übergeben, das den Absturz im Iran untersucht".

Salz in die Wunden

Der Sprecher der Iranischen Luftfahrtbehörde Ali Rabiei erklärte am Freitagmorgen, dass "alle Länder, die Staatsangehörige in dem Unglück verloren haben", eingeladen seien, sich an der Untersuchung der Absturzursache zu beteiligen. "Gemäß den internationalen Regeln können Vertreter der zivilen Luftfahrtbehörde des Landes an der Untersuchung teilnehmen, in der das Unglück sich ereignet hat (Iran), weiterhin die zivile Luftfahrtbehörde des Landes, in der das Flugzeug registriert ist (Ukraine), der Betreiber des Flugzeugs (Ukraine International Airlines), der Hersteller des Flugzeugs (Boeing Company) und der Hersteller der Triebwerke (CFM International)." Ein Vertreter der Ukraine sei bereits im Iran, so Rabiei weiter. "Wir fordern Boeing auf, einen eigenen Vertreter zu entsenden, um an der Auswertung der Black-Box-Daten teilzunehmen."

Die westliche Behauptung, wonach die Maschine vom Iran abgeschossen worden sei, wies Rabiei zurück. Es sei "bedauerlich, dass psychologische Kriegsoperationen der US-Regierung und derer, die sie wissend oder unwissend unterstützen, Salz in die Wunden der Familien streuen, die Angehörige verloren haben". Westliche Medien, Kommentatoren und Politiker übernahmen die westlichen Angaben und warfen dem Iran vor, die wahren Umstände des Flugzeugabsturzes zu vertuschen.

Der verantwortliche Luftwaffengeneral Hajizadeh erklärte nun, "weder die Revolutionsgarden noch die Streitkräfte hatten die Absicht, den Vorgang zu vertuschen". Die verzögerte Information sei den strengen Regeln nach dem Flugzeugabsturz geschuldet. Manche Personen seien abgeschottet gewesen und konnten nicht erreicht werden. Die Auskunft der zivilen Luftfahrtbehörde sei korrekt gewesen, da sie nicht über alle Einzelheiten der militärischen Sicherheitslage informiert gewesen sei. Auch die Crew des Flugzeugs treffe keine Schuld. Er bedauere den Fehler zutiefst. Als ihm die Umstände klar geworden seien, habe er sich gewünscht, "nicht mehr zu leben".

Präsident Hassan Rohani erklärte, die Islamische Republik Iran "bedauere diesen schrecklichen Fehler sehr". Seine Gedanken und Gebeten seien bei allen trauernden Familien, denen er sein aufrichtiges Mitgefühl entgegenbringe. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif erklärte per Twitter sein tiefstes Bedauern und erklärte, er entschuldige sich und kondoliere dem iranischen Volk, allen Opferfamilien und allen Nationen, die betroffen seien. "Ein trauriger Tag", so Sarif weiter, "ein menschlicher Fehler hat in einer Krisensituation, die durch die abenteuerliche US-Politik ausgelöst wurde, zu einer Katastrophe geführt."

"Unsere Raketen sind groß"

Der Flugzeugabsturz bei Teheran ereignete sich am Mittwochmorgen, wenige Stunden nachdem die Iranischen Revolutionsgarden 22 ballistische Raketen auf zwei US-Militärbasen im Irak abgefeuert hatten. Der iranische Angriff, der dem Irak und den US-Streitkräften zuvor angekündigt worden war, fand um 1.50 Uhr am frühen Mittwochmorgen statt. Er erfolgte zu derselben Uhrzeit, zu der der iranische Generalmajor Qassem Soleimani in der Woche zuvor (am 3. Januar 2020) mit seinen Begleitern von einer US-Drohne ermordet worden war, als sein Konvoi den Flughafen von Bagdad verließ.

Die vom Satellitenbetreiber Planet Labs zur Verfügung gestellten Bilder des US-Militärflugplatzes Ain al-Asad im Irak zeigen Treffer an isoliert stehenden technischen Gebäuden wie Lagerhäusern – nicht aber an Militärbaracken.

Den Befehl zur Ermordung des populären und einflussreichen iranischen Militärs hatte US-Präsident Donald Trump persönlich erteilt. Verschiedenen Quellen zufolge soll er zuvor von Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo erheblich unter Druck gesetzt worden sein. Beide Politiker gelten als Israel besonders nahe stehend und sehen im Iran den Erzfeind nicht nur der USA, sondern vor allem Israels, mit dem sie eng verbündet sind. Auch Trump hat engste Kontakte zum umstrittenen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Gleichzeitig ist eines seiner wichtigsten Wahlversprechen, die US-Truppen von den Kriegs- und Krisenschauplätzen des Nahen und Mittleren Ostens zurückzuziehen.

Seit Amtsantritt hat Trump sich dafür eingesetzt, dass sowohl lokale Verbündete wie Israel, die Golfstaaten und die Türkei als auch Europa mehr militärische Verantwortung in der Region übernehmen. Für die US-amerikanischen Militärdienstleistungen zum Schutz der Golfmonarchien fordert Trump von diesen, dafür zu bezahlen.

Das Generalkommando der Iranischen Revolutionsgarde (IRGC) hatte ebenso wie die politische Führung des Iran Vergeltung für die Ermordung Soleimanis angekündigt. Ziele seien in Zukunft alle "US-amerikanischen Militäreinrichtungen" in der Region. Als ultimative Vergeltung müssten die US-Truppen und ihre Verbündeten die Region und den Irak verlassen.

Nach dem Angriff durch den Iran, bei dem nach offiziellen US-Angaben keine US-Soldaten getötet worden waren, äußerte sich US-Präsident Trump in einer Erklärung zunächst zu möglichen US-Gegenschlägen, forderte aber die anderen NATO-Staaten zu mehr Engagement im Irak und in der Region auf, um den Iran zurückzudrängen. Gleichzeitig drohte er dem Iran, das US-Militär sei unschlagbar: "Unsere Raketen sind groß, mächtig, genau, tödlich und schnell", so Trump am Mittwochmorgen (Ortszeit Washington). Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit würden gebaut.

Schon vor dem iranischen Vergeltungsschlag hatte Trump gedroht, die USA haben zwei Billionen US-Dollar für Waffen ausgegeben:

Wir haben die größte und bei Weitem beste (Armee) der Welt! Sollte der Iran amerikanische Basen angreifen oder nur einen Amerikaner, werden wir einiges von unserer brandneuen schönen Ausrüstung in ihre Richtung schicken – ohne zu zögern!

Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif reagierte:

Nicht schöne militärische Ausrüstung, sondern Menschen regieren die Welt. Und die Menschen hier wollen, dass die USA abziehen.

Die Welt wird sich ändern

"11. September 2001 = 3. Januar 2020. So wie die Welt sich seitdem geändert hat, so wird sich die Welt von nun an ändern. Für Deine Seele, Märtyrer Qassem Soleimani."

Das war am vergangenen Freitag in einem syrischen Facebook-Beitrag zu lesen. Der 3. Januar ist der Tag der Ermordung des iranischen Generalmajors Qassem Soleimani, des Kommandeurs der al-Quds-Einheit der Iranischen Revolutionsgarde. US-Außenminister Pompeo behauptete, Soleimani hätte neue Angriffe gegen die US-Interessen in der Region, gegen zivile und militärische US-Bürger geplant. Die Welt sei jetzt ein sichererer Ort, wo Soleimani nicht mehr lebe, bekräftigte US-Außenminister Mike Pompeo gegenüber Journalisten in Washington.

Nachdem sich die Nachricht vom Tod von Qassem Soleimani und Abu Mahdi al-Muhandis wie ein Lauffeuer verbreitet hat, wurde in Bagdad eine US-Flagge auf die Straße gelegt, über die Autos fahren sollen.

Die Amerikaner seien "absolut" sicherer. Ähnlich äußerte sich der amtierende israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Europäische Außenpolitiker zeigten Verständnis für den staatlich autorisierten US-Mordanschlag und forderten nun aber alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Die NATO rief eine Dringlichkeitssitzung des NATO-Rates ein, des obersten politischen Gremiums dieser Organisation.

Das russische Außenministerium verurteilte den Angriff auf General Soleimani als "abenteuerlichen Schritt", der die Spannungen in der Region verschärfen werde. "Soleimani hat sich dem Schutz der nationalen Interessen des Iran mit Hingabe gewidmet", hieß es in Moskau. Außenminister Sergei Lawrow warf den USA vor, mit dem Raketenangriff auf Soleimani das Völkerrecht gebrochen zu haben. Der Außenpolitiker Leonid E. Sluzki und andere forderten, gegen den Angriff im UN-Sicherheitsrat zu protestieren.

China forderte alle Seiten und "insbesondere die USA" zur Zurückhaltung auf. China sei "immer gegen die Anwendung von Gewalt in internationalen Beziehungen" gewesen, erklärte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Geng Shuang. 

Ein neues Vietnam für die USA

Der Iran reagiert deutlich angesichts der von Washington angeordneten Ermordung eines Mannes, der nicht nur militärisch, sondern auch politisch für den Iran und die Region des Nahen Ostens außerordentliche Bedeutung hatte. Die politische Führung in Teheran warf Washington den Bruch des Völkerrechts vor, die Ermordung Soleimanis sei ein großer Fehler gewesen. Die Region werde ein "neues Vietnam für die USA werden", sollten sie die Region nicht verlassen, erklärte Ali Akbar Velayati, Berater des obersten Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei.

Die Erfahrung habe gezeigt, dass "sie angesichts der Pläne des Iran und der Achse des Widerstandes immer unterlegen waren", so Velayati. Die Antworten des Iran auf die Ermordung General Soleimanis würden nur "militärische Einrichtungen" der USA treffen, erklärte der militärische Berater Chameneis, der frühere Verteidigungsminister Hossein Dehghan, dem US-Sender CNN: "Mit Sicherheit wird die Antwort militärisch und gegen militärische Ziele sein." Keine amerikanischen Militärangehörigen, keine amerikanischen politischen (Entscheidungs-)Zentren, keine amerikanische Militärbasis, kein amerikanisches Schiff werden sicher sein, so Dehghan. "Wir können alle erreichen." 

Diplomatischer Protest

Das iranische Außenministerium bestellte zweimal den schweizerischen Gesandten ein, um gegen das Vorgehen der USA zu protestieren. Die Schweiz vertritt diplomatisch die US-Interessen im Iran.

Auch der deutsche Gesandte in Teheran wurde ins Außenministerium einbestellt, berichtete der Sender Press TV. Man habe scharf gegen die "unrealistischen, unklugen und schädlichen" Bemerkungen protestiert, mit denen die Bundesregierung den Terroranschlag Washingtons unterstützt habe. Der ermordete General habe eine "bestimmende Rolle für Stabilität und Sicherheit in Westasien gespielt", so das iranische Außenministerium. Er sei "ein Held im Kampf gegen den Terror und gegen die Terroristen von Daesh", den sogenannten "Islamischen Staat".

Trauermarsch zu Ehren des getöteten Generalmajors Qassem Soleimani in Teheran am 6. Januar. Millionen Menschen in verschiedenen iranischen Städten begleiteten seit gestern die Prozession.

Press TV zitierte aus einem Bericht der Bild am Sonntag die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer mit den Worten, die USA hätten die Ermordung allein durchgeführt, allerdings sei General Soleimani verantwortlich "für den Export von Terror und Gewalt, was zu vielen Toten geführt hat". Der iranische Außenamtssprecher Musawi verurteilte auch Äußerungen der Regierungssprecherin Ulrike Demmer, wonach das Handeln der USA "eine Reaktion auf eine Reihe von militärischen Provokationen" gewesen sei, für die der Iran die Verantwortung trage. Berlin sei "weit von der Realität in dieser Region entfernt", kommentierte Musawi. Mit solchen Erklärungen stelle sich Deutschland – ob es wolle oder nicht – hinter den "US-amerikanischen Staatsterrorismus".

Anfang vom Ende der USA und des Westens in der Region Westasien

Das irakische Parlament verabschiedete mehrheitlich eine Resolution, wonach die irakische Regierung beauftragt und ermächtigt wird, alle ausländischen Truppen außer Landes zu weisen, die der US-geführten "Anti-IS-Allianz" angehören. Ausländische Truppen sollen den irakischen Luftraum nicht mehr nutzen dürfen. Damit ist auch der Einsatz von rund 400 Bundeswehrsoldaten und Ausbildern im Irak gemeint, deutsche Tornado-Kampfjets dürften demnach keine weiteren Aufklärungsflüge mehr über dem Irak ausführen.

Zu Beginn der Sitzung des irakischen Parlaments in Bagdad hatte der amtierende Ministerpräsident Adil Abd al-Mahdi für die sofortige Ausweisung der US- und aller ausländischen Truppen geworben. "Wir haben zwei Möglichkeiten", erklärte Abd al-Mahdi: "Die ausländische Präsenz umgehend zu beenden oder einen Zeitplan für dieses Ende festzulegen", sagte Abd al-Mahdi. Er sei für die sofortige Ausweisung der ausländischen Truppen. Dabei berichte Abd al-Mahdi, General Soleimani sei mit ihm zu einem Gespräch verabredet gewesen, bei dem es um das iranisch-saudische Verhältnis gehen sollte. Bagdad hatte einen Brief des saudischen Königshauses an Teheran übermittelt, Soleimani sei Überbringer des iranischen Antwortschreibens gewesen.

Der Iran hatte im Frühsommer 2019 eine umfassende diplomatische Initiative in der Golfregion, Europa und Asien gestartet und für einen Dialog der Golfanrainerstaaten geworben, die sich vom US-amerikanischen Einfluss nicht spalten lassen sollten. Wiederholt waren Briefe zwischen Teheran und Riad ausgetauscht worden, bei denen der Irak jeweils den Überbringer gespielt hatte. Seit Jahren allerdings versuchen die USA und Israel, eine Verständigung der arabischen Staaten mit dem Iran zu verhindern.

Fast zeitgleich mit der Abstimmung in Bagdad am vergangenen Sonntag (5.1.2020) erklärte die von den USA angeführte internationale Militärkoalition im Irak, die Unterstützung beim Kampf gegen den IS auszusetzen. Auch die Ausbildung der Partner bei der irakischen Armee und den nordirakisch-kurdischen Peschmerga werde wegen wiederholter Raketenangriffe auf die Stützpunkte der Truppen im Irak gestoppt. Man werde die Iraker weiter unterstützen und sei bereit, sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder ganz dem Kampf gegen den IS zu widmen, hieß es. Aktuelle Priorität sei aber, "das Personal des Bündnisses zu schützen". Die Mission konzentriere sich nun auf den Schutz der Stützpunkte, auf denen Koalitionstruppen untergebracht seien. Die Bundeswehr setzte die Ausbildung von Sicherheitskräften der Kurden und der Zentralregierung im Irak aus.

Der iranische Außenminister Sarif erklärte in einer Stellungnahme:

Schlagen und Schreien nutzt nichts, das Ende der bösartigen Präsenz der USA in Westasien hat begonnen.

Der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah Hassan Nasrallah erklärte am Sonntag, niemand sei General Soleimani ebenbürtig, für den Vergeltung verübt werden könne. "Die Antwort auf sein Blut muss der Abzug der US-Truppen aus der Region sein", sagte Nasrallah. Das Mindeste, das als Vergeltung getan werden müsse, sei, "den Irak von den US-Truppen zu befreien". Die Befreiung Palästinas und die Jerusalems müssten folgen. Als gerechte Bestrafung der Mörder von Soleimani werde es US-Truppen, Kriegsschiffe und Militärbasen treffen.

Wir sind nicht zornig, wir haben keine Angst. Aber jetzt ist die Möglichkeit, die US-Besatzung und den US-Herrschaftsanspruch aus der Region zu vertreiben.

"Das Ende der USA in unserer Region hat begonnen", sagte ein Feldoffizier in der syrischen Provinz ar-Raqqa im Gespräch mit der Autorin. "Soleimani war unser bester Freund, wir konnten uns auf ihn verlassen, nie hat er sich aufgedrängt, immer war er da", so der Offizier, der anonym bleiben wollte. Soleimani habe der Region Stolz und Selbstvertrauen gegen die Angriffe der USA und Israels zurückgegeben. "Heute sind wir stärker als zuvor. Jeder ist bereit, für den Tod Soleimanis sein Leben zu geben. Für die Freiheit unserer Region."

Eine besonders überwältigende Respekterweisung für den ermordeten iranischen General zeigte die Bevölkerung in Ahvaz im Südwesten des Iran. Jahrzehntelang hatten westliche Geheimdienste versucht, die mehrheitlich arabische Bevölkerung der Stadt gegen die Führung in Teheran aufzubringen. Als nun die sterblichen Überreste von Soleimani nach Trauerfeiern für ihn, Abu Mahdi al-Muhandis und die ermordeten Begleiter von Bagdad, Kerbela und Nadschaf nach Ahvaz gebracht wurden, waren die Straßen der Stadt dicht gefüllt mit der trauernden Bevölkerung.

Millionen Iraner nahmen in den letzten Tagen an Trauerfeiern für den ermordeten General Soleimani und seine langjährigen Kampfgefährten teil. Der Ruf "Tod für Amerika" hallte durch die Straßen und muss auch von den Verbündeten der USA ernst genommen werden. Der Westen habe versucht, die Region und die "Achse des Widerstands" zu spalten, so politische Kommentatoren. Der Mord an Soleimani habe das Gegenteil bewirkt. 

Leben gegen westliche Bevormundung

Mit Qassem Soleimani, dem Kommandeur der Al-Quds-Einheit der Iranischen Revolutionsgarde, starben der stellvertretende Kommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte, al-Haschd asch-Schaʿbī, Abu Mahdi al-Muhandis (geboren als Dschamal Dschafar Mohammed Ali Āl Ebrahim) und acht weitere Personen.

Beide Männer haben wesentlich zur Niederschlagung des "Islamischen Staates im Irak und in der Levante" beigetragen. Beide führten disziplinierte, kampferfahrene militärische Organisationen. Das russische Verteidigungsministerium würdigte Soleimani für seinen Einsatz gegen den IS, gegen al-Qaida im Irak und in Syrien, der unmittelbar mit Beginn des Krieges in Syrien 2011, 2012 begann – also lange vor der US-geführten "Anti-IS-Allianz".

In der Region gilt Soleimani als Architekt der "Achse des Widerstands" gegen westliche, US-amerikanische und israelische Besatzung, Einmischung und Bevormundung. Dieses effektive militärische und politische Netzwerk zwischen dem Iran, dem Irak, Syrien und dem Libanon entstand nach der völkerrechtswidrigen US-Invasion im Irak 2003. Im Westen spricht man von einem "Schiitischen Machtbogen", der vom Persischen Golf bis ans östliche Mittelmeer reiche und die westlichen Interessen in der Region und die Interessen seiner Bündnispartner am Golf gefährde. Tatsächlich will die "Achse des Widerstands" vor allem die militärische Präsenz der USA und ihrer Partner aus der Region verdrängen und der damit verbundenen anhaltenden Zerstörung souveräner Staaten, ihrer Politik, Kultur, Wirtschaft und ihrer Gesellschaften Einhalt gebieten.

Hunderttausende Menschen nehmen am 5. Januar 2020 in der Stadt Ahvaz im Iran am Trauerzug für den ermordeten General Qassem Soleimani teil.

Soleimani und al-Muhandis wurden in ihren Heimatländern Irak und Iran hoch geachtet, in den USA und Israel, Europa und in den Golfstaaten aber als "Terroristen" diffamiert. Beide wurden in den 1950er-Jahren geboren und gehören damit einer Generation an, die im Irak und im Iran Armut, Unterdrückung, politische Umstürze und Krieg erlebt hat.

Im Iran, wo Soleimani 1957 geboren wurde, war 1953 der frei gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh durch einen von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens – CIA und MI6 – organisierten Putsch gestürzt und Schah Reza Pahlavi wieder auf den Thron gehoben worden. Zu seiner Absicherung entstand – mit Unterstützung der CIA und des israelischen Geheimdienstes Mossad – der Geheimdienst SAVAK, der vor allem gegen marxistische, kommunistische und islamistische Organisationen vorging. Mit dem Sieg der Islamischen Revolution 1979 kehrte Ajatollah Ruhollah Chomeini aus dem französischen Exil in den Iran zurück, der SAVAK wurde aufgelöst.

Soleimani war damals 22 Jahre alt und wurde kurz darauf, im Jahre 1980, in den Krieg gegen den Irak eingezogen. Als der Krieg acht Jahre später endete, war Soleimani ein geachteter Kommandeur. Sein wichtigstes Ziel war die Verteidigung iranischer und regionaler Unabhängigkeit gegen westliche Interventionspläne, die in der Region von Israel und den westlichen Verbündeten in den Golfstaaten vorangetrieben wurden.

Al-Muhandis, der 1954 in der südirakischen Stadt Basra geboren wurde, war noch ein Kind, als 1958 in einem Putsch junge Offiziere den von den Briten eingesetzten König ermordeten. Fünf Jahre später, also 1963, wurden die jungen Offiziere und ihre Anhänger durch einen noch blutigeren Umsturz der Baath-Partei beseitigt. Als Student schloss er sich 1977 der Islamischen Dawa-Partei an, die von der Baath-Partei unter Saddam Hussein blutig unterdrückt und verfolgt wurde. Al-Muhandis floh 1979 – wie viele andere Dawa-Anhänger – in den Iran, wo er militärisch in den Revolutionsgarden ausgebildet wurde. Auch er kämpfte im Iran-Irak-Krieg (1980–1988), auf der Seite des Iran.

In den letzten acht Jahren waren beide Militärs führend im Widerstand gegen den sogenannten Islamischen Staat. Al-Muhandis als Kommandeur der Kata'ib Hisbollah und stellvertretender Kommandeur der Volksmobilisierungskräfte. Soleimani als Kommandeur der al-Quds-Einheit in der Iranischen Revolutionsgarde. Er stellte die enge Verbindung und Unterstützung zur libanesischen Hisbollah her und unterstützte diese im Auftrag der iranischen Führung persönlich, materiell und logistisch im Krieg 2006 gegen Israel. 

"Wir werden den Krieg beenden"

Im Sommer 2018 reagierte General Soleimani auf wiederholte militärische Drohungen von US-Präsident Donald Trump gegen den Iran. Als Soldat sei es seine Pflicht, auf die Drohungen Trumps zu antworten, so Soleimani. "Wenn Sie drohen wollen, sprechen Sie mit mir, nicht mit dem Präsidenten (Hassan Rohani)", sagte er. Es sei unter der Würde des Präsidenten, ihm zu antworten. "Wir sind in Ihrer Nähe, so nah, dass Sie es sich gar nicht vorstellen können. Wir sind bereit, (…) und wenn Sie den Krieg beginnen, werden wir den Krieg beenden", so Soleimani. "Sie wissen, dieser Krieg wird alles zerstören, was Sie Ihr Eigentum  nennen."

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