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Interview: Turkish-Stream-Pipeline ist Grundstein für russisch-türkische Partnerschaft ohne Westen

Interview: Turkish-Stream-Pipeline ist Grundstein für russisch-türkische Partnerschaft ohne Westen
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan (r.) und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin geben sich bei einem Treffen in Istanbul am 19. November 2018 die Hand.
Russland und die Türkei haben sich auf eine langfristige Kooperation engestellt, die eine regionale Kooperation vom Balkan bis nach Zentralasien umfassen könnte. Die Zukunft liege im Osten. Der große Verlierer könnten die USA und die EU werden.

von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit dem Generalleutnant a. D. Talat Enwerowitsch Tschetin gesprochen, der an der Nationalen Sicherheitsakademie in Russland tätig ist. Als russischer Staatsbürger türkischer Herkunft gehört er zu den Mitgründern der Asiatischen Polizei-Organisation für Kooperation, kurz ASIAPOL.

Der russische Präsident Wladimir Putin ist vor einigen Tagen in die Türkei gekommen, um die Turkish-Stream-Pipeline einzuweihen. Welche Bedeutung spielt das bilaterale Projekt mit Russland für die türkische Seite?

Putin gab bereits am 10. November beim Treffen in Paris bekannt, dass er zur Feier anlässlich der Fertigstellung des maritimen Teils des Pipeline-Projekts nach Istanbul kommen werde. Dieses aktuelle Energieprojekt ist der Grundstein für zwei Entwicklungen, die für die Türkei von großer Tragweite sind:

Erstens, über die regelmäßigen Kontakte der alltäglichen politischen Themen und Entwicklungen hinaus haben die strategischen Projekte wie TurkStream und das Atomkraftwerk im türkischen Akkuyu die zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Russland endgültig konsolidiert und garantieren sie wie Nietstahl. Das stärkt den Glauben an eine Schicksalsgemeinschaft. Diese beiden strategischen Projekte könnten die türkisch-russischen Beziehungen unzerstörbar machen wie zwei Betonblöcke, die sich gegenseitig stützen.

Der russische Premierminister Dmitri Medwedew (L) und der chinesische Premierminister Li Keqiang am 7. November 2018 bei einer feierlichen Unterzeichnung im Großen Saal des Volkes in Peking.

Zweitens hört die Türkei mit diesem Projekt auf, im Grunde ein energieabhängiges Land zu sein. Künftig wird es am Profit Russlands auch als Partner beteiligt werden.

Wie könnte das Energieprojekt Turkish Stream die russisch-türkischen Beziehungen langfristig verändern?

Turkish Stream ist ein Win-Win-Projekt für beide Staaten. Es ist gewissermaßen eine Sicherheitsgarantie für Moskau und Ankara, dass die Beziehungen nicht mehr zusammenbrechen, wie wir das noch vor ein paar Jahren beobachten konnten, als sich beide Staaten beinahe militärisch gegenüberstanden.

Turkish Stream soll auch dem Balkan zugute kommen. Gibt es schon eine genaue Route?

Als man die South-Stream-Pipeline nach Bulgarien bauen wollte, wurde sehr schnell deutlich, dass Bulgarien dem Druck der EU und USA nicht standhält. Das sollte Bulgarien schnell bereuen und wollte schließlich Teil von Turkish Stream werden. Auch von Präsident Erdoğan gab es eine positive Botschaft bezüglich einer Erweiterung, die über den Balkan nach Europa führen soll. Das Projekt wird der Türkei zweifelsohne mehr Gewicht gegenüber Europa verleihen.

Ist anzunehmen, dass die Energiekooperation auch zu einer geopolitischen Annäherung auf dem Balkan führen könnte?

Absolut, nicht nur auf dem Balkan, sondern ebenso im Nahen Osten und in Zentralasien. Das muss bei jeder Überlegung bedacht werden.

Zentral dabei ist, dass eine gleichberechtigte Partnerschaft möglich ist. Beide Nationen befinden sich in ähnlichen Lagen. Sie könnten gleichermaßen voneinander profitieren, aber auch verlieren.

Kann Russland angesichts angespannter Beziehungen zum Westen und angeprangerter Doppelstandards dieser Staaten gegenüber Ankara für die Türkei eine Alternative zum Westen sein?

Russland ist keine Alternative für die Türkei. Um eine umfassende Alternative zu kreieren, bedarf es einer türkischen Zusammenarbeit mit dem gesamten "Osten". Eine aufrichtige Beziehung zwischen Russland, Indien, China, dem Iran und der Türkei wäre eine echte Alternative zum Westen.

Insbesondere die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, aber auch die Asiatische Polizei-Organisation für Kooperation, kurz ASIAPOL, die ich mitbegründet habe, könnten zum Gegengewicht zur NATO werden, die seit Jahrzehnten heuchlerisch gegenüber Ankara agiert.

Die USA haben noch immer nicht ihren Wunsch aufgegeben, die Türkei vom Kauf des russischen Raketensystems S-400 abzubringen. Wird die Türkei dem Druck widerstehen können?

Der russische Präsident Vladimir Putin schüttelt dem indischen Premierminister Narendra Modi die Hand, während er am 5. Oktober 2018 an einem russisch-indischen Wirtschaftsgipfel in Neu-Delhi teilnimmt.

Ankara hat mit größter Aufrichtigkeit einen Kaufvertrag für das S-400 unterschrieben. Es hat bereits Vorauszahlungen getätigt. Außerdem verspricht sich die Türkei nach Auslieferung den Beginn von einer gemeinsamen Produktion mit Russland. Eine Abkehr ist kein Thema mehr.

Es ist klar, dass sich dieses System gegen den Westen richten wird. Es wird eine Regenschirm-Funktion gegen alle feindlichen Gefahren einnehmen.

Erdoğan möchte das Handelsvolumen mit Russland auf 100 Milliarden US-Dollar steigern. Glauben Sie, dass das möglich ist?

Die Türkei und Russland diskutieren diese Entwicklung bereits seit 2013. Bis 2023, also dem hundertjährigem Bestehen der Türkei, soll dieses Volumen erreicht werden. Das ist das Ziel. Im Weg stehen die USA und Europa. Trotz dieser Gefahr ist eine solch hohe Zahl nicht unrealistisch. Dabei müssen aber neue Wege gegangen werden. Insbesondere müssen beide Nationen auf den Handel in Rubel und Lira umsatteln und damit den US-Dollar umgehen. Nur so kann Sanktionen und Provokationen aus dem Westen effektiv begegnet werden.

In türkischen Schulen soll künftig auch Russisch unterrichtet werden. Wie wichtig könnte diese Basisförderung für die Beziehungen zu Russland und im Allgemeinen für die eurasische Welt werden?

Das ist ein absolut entscheidender Schritt. Die Türkei muss dringend umsatteln und in den Schulen vermehrt Russisch und Chinesisch unterrichten. Das Licht geht im Osten auf, und das muss auch die Türkei beherzigen, wenn sie nicht hinterherhinken will.

Vielen Dank für das Gespräch!

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