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Interview zum mutmaßlichen Mord an Saudi-Journalist: "Chaschukdschi forderte Stop des Jemen-Krieges"

Interview zum mutmaßlichen Mord an Saudi-Journalist: "Chaschukdschi forderte Stop des Jemen-Krieges"
Saudischer Beamter schaut aus dem Haupteingang des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul.
Hilal Kaplan ist eine bekannte Investigativ-Journalistin in der Türkei. Sie lebt in Istanbul, gilt als exzellent vernetzte Insiderin mit guten Kontakten zu Sicherheitsbehörden. Im Gespräch mit RT spricht sie über Motive und geopolitische Folgen der Causa Chaschukdschi.

Was könnte das politische Motiv sein, warum die saudische Staatsführung den Journalisten Chaschukdschi in Istanbul getötet haben soll?

Zunächst einmal müssen wir das Interview in der Annahme führen, dass Herr Chaschukdschi tatsächlich nicht mehr am Leben ist. Wenn wir über die politischen Gründe seiner wahrscheinlichen Ermordung sprechen, muss eingeräumt werden, dass er kein Gegner der Monarchie war. Im Gegenteil, er arbeitete zwei Mal als Berater für die saudische Königsfamilie, insbesondere für den ehemaligen Geheimdienstchef.

Fakt ist jedoch auch: er steht in fundamentaler Opposition zur Politik der gegenwärtigen Führung. Der Kronprinz Mohammed bin Salman lässt massenhaft kritische Eliten verhaften, die nicht zu hundert Prozent auf (seiner) Linie sind. Dazu zählt auch Chaschukdschi. Zweitens: Chaschukdschi hat in seinen letzten journalistischen Beiträgen den Stopp des Jemen-Krieges gefordert, was Wellen schlug. Ein dritter Grund ist seine Gegnerschaft in Bezug auf das Embargo Riads und seiner Alliierten gegen Katar. Der vierte und damit letzte Streitpunkt ist die Ablehnung einer zu engen Kooperation mit der Trump-Administration, was regional insbesondere zum Vorteil Israels wirkt. Diese Politik wird von Kronprinz Mohammed bin Salman gefördert. Das führte zu Spannungen, da schließlich Chaschukdschi ein weltweit gehörter und in Saudi-Arabien verwurzelter Meinungsführer ist.

Der saudische Exil-Journalist  Dschamal Chaschukdschi sprach am 29. September 2018 auf einer Veranstaltung von Middle East Monitor in London. Seit Dienstag vergangener Woche ist er spurlos verschwunden.

Trotzdem muss betont werden, dass Chaschukdschi nicht als Hardliner bekannt ist. Weithin galt er im Vergleich als moderater Kritiker.

Was suchte Chaschukdschi gerade in einem saudischen Konsulat in der türkischen Stadt Istanbul?

Der Grund, warum Chaschukdschi das saudische Generalkonsulat in Istanbul besuchen musste, war, dass der Journalist der Familie seiner türkischen Verlobten Hatice Cengiz mit einem Scheidungspapier nachweisen musste, dass er auch tatsächlich von seiner Ehefrau in Saudi-Arabien getrennt lebt. Beide wollten heiraten.

Für dieses Dokument reiste Chaschukdschi eigens nach Istanbul. Beantragt wurde das Dokument vier Tage vor seinem Verschwinden. Die Zwischenzeit verbrachte das Paar als Touristen in der Großstadt. Die saudischen Behörden im Konsulat gaben ihm nach Antragstellung ein festes Abholdatum für seine Dokumente. In der Sorge, falls etwas mit ihm geschehen sollte, vereinbarte er mit seiner Verlobten am Tag der Abholung, dass sie draußen auf ihn warten solle. Wenn er nach einer bestimmten Zeit nicht aus dem Konsulat herauskäme, solle seine Verlobte den Berater des Vorsitzenden der türkischen Regierungspartei AKP Yasin Aktay kontaktieren, mit dem er einen freundschaftlichen Kontakt pflegte. Der würde Bescheid wissen, wenn etwas nicht wie erwartet läuft. Außerdem wurden hochrangige Polizei-Vertreter und Verwaltungsbeamte informiert.

Was gibt es für Hinweise, die eine Ermordung nahelegen könnten?

Genaueres wird von den Sicherheitskräften noch zurückgehalten. Medien in der Türkei berichten über ein 15-köpfiges Team, das am gleichen Tag nach Istanbul gekommen ist und am gleichen Tag des Verschwindens von Chaschukdschi wieder abgereist ist. Es wird vermutet, dass es sich um ein Geheimdienst-Team handele, das den Journalisten tötete. Aber das werden die Kamera-Aufnahmen des Konsulats erst noch zeigen, sofern diese an die türkischen Behörden weitergegeben werden.

Ein weiterer Hinweis, der die Theorie der Ermordung von Chaschukdschi unterstreichen könnte, ist die Tatsache, dass sechs Autos mit getönten Scheiben beim Konsulat vorgefahren sind, die allesamt ein diplomatisches Kfz-Kennzeichen hatten. Um konkret zu werden: es ist unter anderem die Rede von schwarzen Vito-Minibussen, die vielleicht zum Abtransport der Leiche genutzt wurden. Aber das muss von den Sicherheitskräften noch ermittelt und verifiziert werden.

Sollte sich bestätigen, dass Chaschukdschi getötet wurde: was hätte das für geopolitische Folgen?

Über die geopolitischen Beziehungen der Türkei und Saudi-Arabien kann man durchaus sagen, dass sie in der Vergangenheit noch eng und vertraulich waren. Das ging so weit, dass die Türkei den Todestag des letzten saudischen Königs zum nationalen Trauertag ausrief. Aber seitdem der neue Kronprinz Mohammed bin Salman zunehmend an Einfluss gewinnt, hat sich im Nahen Osten eine räuberische Achse gemeinsam mit Ägypten und der US-amerikanischen Trump-Regierung breitgemacht. Diese Achse unterhält eine besonders wohlwollende Haltung gegenüber Israel. Und mit dieser Achse gibt es eine Vielzahl an politische Unstimmigkeiten aus Sicht der Türkei. Dazu zähle ich die massive Unterstützung für das faktische Putsch-Regime unter dem ehemaligen General Abd al-Fattah as-Sisi in Ägypten, wo Menschenrechte überhaupt keine Rolle spielen, oder die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem und damit die Anerkennung Jerusalems als Teil Israels. Saudi-Arabien legitimiert diese Politik, auch die teilweise Rücksichtslosigkeit von Israel.

Die Beziehungen zwischen beiden Staaten sind nicht zuletzt auch wegen der Katar-Blockade schlecht. Während Saudi-Arabien die Halbinsel komplett isolieren möchte, gilt Doha als Top-Verbündeter der Türkei, was Riad aufregt.

Tatort? Das saudische Konsulat in Istanbul

Ein letzter wichtiger Streitpunkt ist die Philosophie beider Staaten für die weitere Region. Es ist schon skurril, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman zwar als moderater Reformist angepriesen wird, der den Frauen Saudi-Arabiens das Autofahren erlaubt, aber die harte Realität zeichnet ein anderes Bild von ihm. Denn Saudi-Arabien und seine verbündete Achse fördern im Nahen Osten und in der muslimischen Welt massiv autoritäre Regime. Anders ist die Türkei, die auch im Arabischen Frühling die Position einnahm, die Öffnung weg von autoritären Regimen zu unterstützen, die ähnlich wie Saudi-Arabien funktionieren.

Ich bin mir sicher, dass dieser Zwischenfall nicht ohne Konsequenzen für Saudi-Arabien sein wird. So, wie das die Saudis darstellen, dass die ganze Sache nie passiert sei, erscheint es in letzter Instanz fragwürdig. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein international renommierter Journalist in das Konsulat hineinging und nicht mehr herauskam. Das muss Riad erklären. Einmal sagen sie, dass er nie im Konsulat war, dann aber wieder, dass er hinausgegangen ist und plötzlich heißt es, dass die Aufnahmen der Überwachungskameras nicht da sind. Es weist alles darauf hin, dass die Saudis Lücken in ihrer Darstellung haben. Die Art und Weise, wie Saudi-Arabien weiterhin auf diesen Zwischenfall reagieren wird, wird entscheidend sein für die bilateralen Beziehungen mit der Türkei.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Nahost-Redakteur Ali Özkök 

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