"Wir machen sie platt" - Israelische Reaktionen auf Lieferung von S-300 nach Syrien

"Wir machen sie platt" - Israelische Reaktionen auf Lieferung von S-300 nach Syrien
Eine israelische F-15 im Manövereinsatz.
Während die einen die Lieferung der S-300 nach Syrien bejubeln, betrachten andere sie mit Skepsis als "signifikante Eskalation". Insbesondere Israel fühlt sich in seiner Freiheit eingeschränkt, Ziele in Syrien und dem Libanon nach Belieben zu bombardieren.

Noch bevor der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Dienstag nach New York zur UN-Vollversammlung fliegt, findet in Jerusalem ein Treffen des Sicherheitskabinetts statt. Es wird über die von Russland angekündigte Lieferung des S-300-Luftabwehrsystems an Syrien und deren Implikationen für Israel debattiert. Und was noch viel wichtiger ist: Wie soll sich Israel künftig verhalten, um nicht noch größeren Ärger mit Moskau heraufzubeschwören?

Das S-300 Flugabwehrsystem im Einsatz

Für die meisten israelischen Kommentatoren steht fest, dass Russland nur einen Sündenbock für das eigene Fehlverhalten gebraucht hat. Immerhin sei es ja nicht Israels Schuld, dass die Syrer nicht über modernere Radaranlagen oder über ein Freund-/Feind-Erkennungssystem verfügen. Das ist so aber nicht ganz richtig. Denn die Syrer wollten das Luftabwehrsystem S-300 schon seit 2009, und 2013 hätten sie es fast bekommen, wenn nicht Israel und die USA Druck auf Moskau ausgeübt hätten. Jetzt sollen aber sechs bis acht Batterien des Systems kommen, "und das ist nicht unsere Schuld", wie der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu betonte.

Noch am Montagabend telefonierte Netanjahu mit Wladimir Putin und meinte, dass die Auslieferung die gesamte Region gefährden werde:

Der Transfer von fortschrittlichen Waffensystemen in unverantwortliche Hände wird die Gefahren in der Region erhöhen. Israel wird weiterhin seine Sicherheit und seine Interessen verteidigen.

Verbale Unterstützung erhielt der israelische Ministerpräsident von John Bolton, dem nationalen Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump:

Es sollte hier kein Missverständnis geben. Die Seite, die für die [israelischen] Angriffe in Syrien und Libanon verantwortlich ist und tatsächlich für den Abschuss der russischen Maschine verantwortlich ist, ist der Iran.

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Dass Israels hundertfache Verletzung der Souveränität von und völkerrechtliche Verbrechen an Ländern wie dem Libanon und Syrien erst die Grundlagen für die aktuelle Debatte geschaffen haben, wollen einflussreiche Journalisten im von Theodor Herzl erträumten "Judenstaat" nicht gelten lassen. Herb Keinon von der Jerusalem Post impliziert in seinem Artikel, dass die Schuldzuweisungen an die Adresse Israels einen antisemitischen Hintergrund hätten. Diesen Vorwurf lässt Keinon in folgendem Kommentar erkennen:

In einer Wende der Ereignisse, die nur im Nahen Osten passieren kann, wo die syrische Armee nach einem israelischen Angriff auf eine iranische Einrichtung, die zur Herstellung von Präzisionswaffen für die Hisbollah im Libanon gedacht war, ein russisches Spionageflugzeug abschießt und Israel deswegen beschuldigt wird. Diese Kette von Ereignissen erinnert an die berühmte Aussage von Menachem Begin nach den Massakern von Sabra und Schatila von 1982: 'Nichtjuden bringen Nichtjuden um, und sie kommen sofort, um Juden zu hängen.' (…) Das russische Militär musste jemanden für einen Vorfall beschuldigen, der seine Fähigkeiten und die Fähigkeiten seiner syrischen Alliierten in einem schlechten Licht dastehen lässt, deshalb schoben sie die Schuld Israel zu. Zumindest öffentlich.

Nach dem Abschuss des russischen Überwachungsflugzeugs kam es zu Spannungen zwischen Präsident Putin und dem Verteidigungsministerium (hier im Bild) in Moskau.

Ob und inwiefern die S-300 in syrischen Händen etwas gegen die auch von Russland geduldete "Bewegungsfreiheit" Israels ausrichten wird, bleibt fraglich. Als bereits im April die ersten Anzeichen einer bevorstehenden Lieferung des Luftabwehrsystems die Runde machten, erklärte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, dass es "wichtig ist, dass die von Russland gelieferten Verteidigungssysteme nicht gegen uns verwendet werden".   

Eine Sache sollte klar sein: Wenn jemand auf unsere Flugzeuge schießt, werden wir sie zerstören. Es spielt keine Rolle, ob es eine S-300 oder eine S-700 ist", sagte Lieberman.

Caroline Glick ist stellvertretende Chefredakteurin der Jerusalem Post, Vorsitzende des Israel Security Project im David Horowitz Freedom Center und Senior Fellow des Center for Security Policy in Washington. Für sie ist klar, dass die Lieferung des russischen Luftabwehrsystems nur ein weiteres Ziel für die israelische Air Force darstellen wird.

Diese Meinung teilte auch Amod Yadlin, der ehemalige Direktor des militärischen Geheimdienstes von Israel und ein Pilot, der an der Bombardierung der irakischen Atomanlage Osirak 1981 teilgenommen hatte. Yadlin leitet heute den höchst einflussreichen Thinktank "Institute for National Security Studies" in Tel Aviv. Er ist sich sicher, dass die israelische Air Force bereits Pläne hat, um mit dieser "Bedrohung" umzugehen. Es wäre vermutlich fahrlässig anzunehmen, dass es solche Pläne nicht gebe. Die von Syrien gewünschte SA10-Version der S-300 hat Russland auch an Zypern und Griechenland geliefert. Und beides sind Länder, die gute Beziehungen zu Israel pflegen und an gemeinsamen Militärübungen teilnehmen.

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Bereits vor drei Jahren sind Berichte aufgetaucht, wonach sich die IAF (Israel Air Force) auf diesen Moment vorbereitet hat. Griechenland soll auf Anfrage der USA hin die S-300 auf der Insel Kreta stationiert haben, um bei gemeinsamen Übungen die Wirkung des Systems zu testen und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen. Außerdem haben sowohl der Kreml als auch das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigt, dass die angekündigten Maßnahmen (Lieferung der S-300 und die elektronische Störung von Sattelitennavigation und Kommunikation von Kampfflugzeugen) nicht gegen einen Drittstaat gerichtet seien, sondern ausschließlich der Sicherheit von russischen Zielen dienten.

So ist denn auch der Tenor in israelischen Medien, dass die S-300 nicht wirklich eine Gefahr für die Air Force bedeuteten. Zwar müsse die Planung israelischer Angriffe nun genauer und besser gestaltet werden, aber bei einer bis jetzt angekündigten Lieferung von zwei bis vier S-300-Batterien hätten die Kampfjets immer noch genügend Möglichkeiten, um an ihre Ziele zu kommen. Man sei auch "stolzer Besitzer einer wachsenden Flotte" von F-35 Kampfjets, die bereits an Kampfeinsätzen teilgenommen hätten, wie die IAF Anfang des Jahres bestätigt hatte. So ergibt sich auch ein Kampf der Systeme: die als gigantischer Flopp verschriene F-35 der USA gegen die bis jetzt noch nie im Kampfeinsatz erprobte S-300 der Russen.

"Wir machen sie platt" - Israelische Reaktionen auf Lieferung von S-300 nach Syrien
S-300 im Einsatz...

Während das israelische Militär das russische Luftabwehrsystem also offensichtlich nicht fürchtet, befürchtet die politische Elite aber eine geopolitische Verschlechterung der Beziehungen zu Russland. Deshalb müsse alles getan werden, um die "Paralyse" in Washington zu durchbrechen, wenn es um die US-Politik in Syrien geht. Netanyahu und Liberman müssten "alles in ihrer Macht stehende tun, um Präsident Trump und das Pentagon zu rekrutieren", heißt es in einem Beitrag von Ynet. Denn diese vermeintliche Paralyse lässt Israel allein gegen Russland und den Iran dastehen, weshalb es "an der Zeit ist, dass die USA sich vom Gartenzaun lösen" und mit ihren militärischen Mitteln den Druck auf den Kreml erhöhen, um die " wütenden russischen Generäle zu besänftigen".

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