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"Seite an Seite": US-gestützte Koalition kooperiert im Jemen mit Al-Kaida

"Seite an Seite": US-gestützte Koalition kooperiert im Jemen mit Al-Kaida
Die Huthi-Rebellen sind die ärgsten Widersacher Al-Kaidas im Jemen (Foto zeigt eine Huthi-Patrouille in der Hauptstadt Sanaa).
Die von den USA unterstützte Kriegskoalition im Jemen und Al-Kaida haben einen gemeinsamen Feind: Die schiitischen Huthis. Zwar schreibt sich die Koalition auch den Kampf gegen Al-Kaida auf ihre Fahne, doch die Realität ist laut einer AP-Recherche eine ganz andere.

Vor Tagen gaben die Huthis die Tötung eines hochrangigen Al-Kaida-Kommandeurs im Jemen bekannt. Die schiitischen Huthis und die sunnitisch-wahhabitisch ausgerichtete Al-Kaida sind Erzfeinde, die sich seit Jahren erbittert bekämpfen.

Auch die von Saudi-Arabien geführte und von den USA unterstützte Koalition, die seit Anfang 2015 im Jemen Krieg gegen die Huthis führt, schreibt sich auf die Fahne, ebenso Al-Kaida zu bekämpfen. Viele Gebiete und Städte seien der im Jemen auch unter dem Label "AQAP" (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula) bekannten Terrorgruppe abgetrotzt worden, die unter anderem für das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris Anfang 2015 verantwortlich gemacht wird. 

Theresa und Philip May in Desenzano del Garda, Italien,  29. Juli 2018

Doch viele dieser vermeintlichen Siege beruhten auf geheimen Abkommen, die es den Terroristen erlaubten, mitsamt Waffen und Ausrüstung die von ihnen zuvor kontrollierten Gebiete unbehelligt zu verlassen. Zu diesem Schluss kommt eine Recherche der Nachrichtenagentur Associated Press (AP).

Der gemeinsame Feind vereint

Laut dieser wurden auch viele Al-Qaida-Kämpfer in die Reihen der Koalition aufgenommen, um fortan Seite an Seite mit den US-gestützten Kräften den gemeinsamen Feind zu bekämpfen: Die Huthis, die in den Augen der Koalition Handlanger des Irans sind. 

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"Diese Kompromisse und Allianzen haben den Al-Qaida-Kämpfern Atempausen für ihre künftigen Kämpfe verschafft – mit dem Risiko, dass der gefährlichste Zweig des Terrornetzwerks gestärkt wird", heißt es in dem Artikel. "Angehörige des US-Militärs sind sich vollkommen bewusst, dass vieles von dem, was die USA im Jemen machen, AQAP nutzt, was zu einer großen Beunruhigung führt", zitiert AP Michael Horton von der Jamestown Foundation, die Terrororganisationen analysiert. Er führt weiter aus:

Die Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate (VEA) und Saudi-Arabiens im Kampf gegen das, was die USA als iranischen Expansionismus betrachten, hat jedoch Vorrang vor dem Kampf gegen Al-Kaida, und sogar Vorrang gegenüber der Stabilisierung des Jemens.

Die auf Seiten der Koalition kämpfenden Milizen rekrutierten aktiv Al-Kaida-Mitglieder, weil diese als außergewöhnliche Kämpfer gelten, so der AP-Bericht. Zuweilen belegten diese auch führende Ränge. So habe ein Kommandeur zur Finanzierung seiner Miliz Gelder von den VAE erhalten, obwohl er auf einer US-Terrorliste stand. Ein anderer Kommandeur habe 12 Millionen US-Dollar erhalten, obwohl eine bekannte Al-Kaida-Persönlichkeit sein engster Mitarbeiter sei.

Saudische Soldaten laufen an  saudischen Öl-Transportern im jementischen Marib vorbei.

"Es ist jetzt fast unmöglich zu erkennen, wer AQAP ist und wer nicht, da so viele Abkommen geschlossen und Allianzen gebildet wurden", erklärt Horton. Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten proklamierte Kampf gegen Al-Kaida sei in Wirklichkeit eine "Farce".

Wie ein namentlich nicht genannter, hochrangiger US-Beamter gegenüber AP bestätigte, seien sich die USA über die Präsenz der Al-Kaida in den Reihen ihrer Koalition durchaus bewusst. Da Mitglieder dieser Koalition bekanntlich Milizen mit islamistischen Hardlinern unterstützten, sei es für Al-Kaida "sehr, sehr einfach, sich in diese Mischung mit einzubringen", so der Beamte.

Freies Geleit für Al-Kaida-Terroristen

Das erste Abzugs-Abkommen habe es im Frühjahr 2016 gegeben, als es tausenden Al-Kaida-Kämpfern gestattet wurde, unter freiem Geleit aus der Hafenstadt Mukalla abzuziehen. Die Terroristen durften demnach ihre Waffen und ein erbeutetes Vermögen von schätzungsweise 100 Millionen US-Dollar mitnehmen.

Die Kampfjets der Koalition und die US-Drohnen waren untätig. Ich habe mich gewundert, warum sie [den Konvoi] nicht angegriffen haben", sagte ein Stammesführer gegenüber der Nachrichtenagentur.

Die Koalitionskräfte zogen zwei Tage später in Mukalla ein und verkündeten, dort hunderte Al-Kaida-Kämpfer "als Teil der internationalen Bemühungen zur Zerschlagung der Terrororganisationen im Jemen" getötet zu haben. Doch AP konnte keine Bewohner ausmachen, die Gefechte mit Al-Kaida in Mukalla bezeugen konnten. "Wir wachten eines Tages auf und Al-Kaida war kampflos verschwunden", sagte ein lokaler Journalist.

Jungen inspizieren die Gräber für die Kinder, die bei der Bombardierung eines Schulbusses ums Leben gekommen sind, Saada Provinz, Jemen, 10. August 2018.

Im Rahmen eines anderen Abkommens soll den Terroristen nicht nur freies Geleit zugesichert worden sein. Darüber hinaus seien 250 Al-Kaida-Mitglieder in einem von den VEA kontrollierten Gebiet in die Reihen der Anti-Huthi-Kräfte aufgenommen worden.

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Als ein Vermittler solcher Abkommen fungiert Tarek al-Fadhli, ein ehemaliger Dschihadist, der bei Osama bin Laden ausgebildet wurde. Laut eigener Aussage habe er in Kontakt mit der US-Botschaft gestanden, um die Amerikaner über den Stand des Abzugs seiner einstigen Kampfgefährten zu unterrichten. "Als der Letzte ging, riefen wir die Koalition an, um zu sagen, dass sie weg sind."

Das Stelldichein mit Al-Kaida in Taizz

Mitglieder des Terrornetzwerks sind laut dem AP-Bericht an allen wichtigen Frontabschnitten auf Seiten der Koalition aktiv. Am deutlichsten habe sich dies im Kampf um die Großstadt Taizz gezeigt, die von den Huthis belagert wurde.

"Die Einwohner von Taizz erhoben sich, um sich zu wehren, und Gelder und Waffen der Koalition strömten ebenso herein wie Al-Kaida und der Islamische Staat, die alle auf denselben Feind zielten", schildert AP die Situation. Ein als "liberaler Aktivist" bezeichneter Mann habe – wie auch viele andere aus seiner Nachbarschaft – zu den Waffen gegriffen, um dann feststellen zu müssen, dass sie "Seite an Seite mit Al-Kaida-Mitgliedern" kämpfen.

"Es gibt keine Filterung in diesem Krieg. Wir sind alle zusammen", sagte der Aktivist. Laut ihm erhielten die Kommandeure Waffen und Ausrüstung von der Koalition, die sie dann an alle Kämpfer verteilten, auch an jene von Al-Kaida.

Ein ehemaliger Sicherheitsoffizier aus Taizz berichtete, wie Milizen unter dem Kommando von Abu al-Abbas (alias Adil Abduh Fari) Al-Kaida-Kämpfer aus dem örtlichen Gefängnis befreiten. Nachdem er das der Koalition gemeldet habe, habe diese Abu al-Abbas 40 weitere Pickup Trucks zur Verfügung gestellt.

Mitglieder der von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Kämpfer, die

Je mehr wir warnen, desto mehr werden sie belohnt. Al-Kaida-Führer haben gepanzerte Fahrzeuge, die ihnen von der Koalition zur Verfügung gestellt wurden, während Sicherheitskommandeure solche Fahrzeuge nicht haben", sagte der Offizier.

Ende Oktober 2017 setzten die USA Abu al-Abbas wegen Unterstützung Al-Kaidas und des "Islamischen Staates" (IS) auf eine Terrorliste.  "Wenn unser Anführer zu Al-Kaida oder dem IS gehört, dann heißt das, dass die von den Saudis geführte Koalition Al-Kaida und den IS unterstützt", kommentierte seinerzeit ein Angehöriger der von al-Abbas geführten Miliz die US-Maßnahme.   

Altbekannte Vorwürfe

Die AP-Enthüllungsstory wirft ein bezeichnendes Licht auf den Anti-Terror-Kampf der USA und ihrer Verbündeten. Dabei sind die darin erhobenen Vorwürfe nicht neu. So berichtete die BBC bereits im September 2015 über die Kooperation mit den Dschihadisten von Al-Kaida und dem IS:

Ironischerweise werden sie von Luftschlägen derselben Länder unterstützt – Saudi-Arabien und die VAE – die ihnen normalerweise feindlich gegenüber stehen.

Monate zuvor hatte bereits die Washington Post über Al-Kaidas wachsenden Einfluss im Jemen im Schatten der Kriegsführung der Koalition berichtet. "Warum sollten die Saudis AQAP angreifen, wenn sie in diesem Krieg doch tatsächlich auf derselben Seite kämpfen?", zitierte die US-Zeitung einen Geheimdienstler. 

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