Erdoğan ruft Bürger zum Verkauf von US-Dollar auf - Trump hebt Zölle gegen Türkei drastisch an

Erdoğan ruft Bürger zum Verkauf von US-Dollar auf - Trump hebt Zölle gegen Türkei drastisch an
Ein Geldwechsler zählt türkische Lira-Banknoten in einer Wechselstube in Diyarbakir, Türkei, 23. Mai 2018.
Der türkische Präsident Erdoğan hat seine Landsleute aufgefordert, US-Devisen zu verkaufen, um die im Sturz befindliche einheimische Währung zu stärken. Indes kündigte US-Präsident Trump eine drastische Anhebung von Zöllen auf Stahlimporte aus der Türkei an.

von Ali Özkök

"Wechseln Sie den Euro, den US-Dollar und das Gold, das Sie unter Ihren Kissen aufbewahren, in Lira bei unseren Banken. Dieses ist ein inländischer und nationaler Kampf," sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan laut Associated Press.

Die türkische Währung fiel am Freitag um mehr als elf Prozent und erreichte mit 6,3 Lira zum US-Dollar einen neuen Tiefstand. Die Währung steuert derzeit auf ihren tiefsten Handelswert seit 2001 zu.

Der Fall der Lira wurde durch einen Bericht in der Financial Times verschärft, wonach die Europäische Zentralbank zunehmend über einige europäische Kreditgeber besorgt ist, insbesondere über die BBVA Spaniens, Italiens UniCredit und die französische BNP Paribas, da sie zu den größten Investoren in der Türkei unter den Banken der Eurozone gehören.

Unterdessen hat US-Präsident Donald Trump beschlossen, die Zölle auf türkischen Stahl und Aluminium zu verdoppeln und verteidigt diesen Schritt mit den "nicht guten" Beziehungen zur Türkei.

"Stahl und Aluminium machen keinen sehr großen Teil des Gesamtexports der Türkei aus, so dass sie an sich wahrscheinlich keinen signifikanten Einfluss auf das BIP haben werden", antwortete der Analyst Morten Lund von Nordea Markets, einem führenden internationalen Kapitalmarktbetreiber und Investmentbanking-Partner, auf Anfrage von RT Deutsch. Er ergänzte:

Die Zölle könnten ein erhöhtes Risiko neuer Wirtschaftssanktionen von Seiten der USA gegen die Türkei signalisieren. Sollten die USA beispielsweise Sanktionen gegen türkische Banken verhängen, wäre das für die Türkei katastrophal, da die Türkei stark von ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig ist.

Die türkische und die US-amerikanische Regierung stehen seit Monaten im Clinch wegen der Verhaftung des US-Pastors Andrew Brunson, der wegen terroristischer Anschuldigungen in der Türkei festgehalten wird.

Eine Delegation aus Ankara besuchte diese Woche Washington, um sich mit Beamten des US-Außenministeriums und des Finanzministeriums zu treffen. Eine Lösung in der Krise wurde nicht gefunden. Offenbar lehnte die türkische Seite die Auslieferung von Brunson ab, was die Krise angesichts der immer deutlicher werdenden Forderungen der Trump-Regierung weiter verschärft.

Ein Kampfflugzeug der U.S. Air Force landet am 10. Dezember 2015 auf dem Flugplatz Incirlik in der südlichen Stadt Adana, Türkei.

Pastor Brunson, amerikanischer Staatsbürger und seit über zwei Jahrzehnten in der Türkei wohnhaft, wurde im Zusammenhang mit dem gescheiterten Militärputsch im Jahr 2016 wegen Terrorismus und Spionage verhaftet. Ihm drohen bis zu 35 Jahre Haft, sollte er für schuldig befunden werden.

Im Gespräch mit RT Deutsch kritisierte der türkische Wirtschaftsprofessor Serkan Dilek, der an der Wirtschaftsuniversität von Kastamonu unterrichtet, die USA:

Den USA ist die Freiheit der Zentralbank oder eines einfachen Pastors wie Brunson, den wir als CIA-Agenten betrachten, nicht wichtig. Heute geht es in der Wirtschaft nur noch um Politik."

Mit Blick auf die Erdoğan-Regierung zitieren westliche Medien die vermeintlichen Interventionen des Präsidenten in die Angelegenheiten der Zentralbank.

"Der Präsident mischt sich in die Geldpolitik ein. Er führt Kämpfe mit Europa, er führt Kämpfe mit den Amerikanern", sagte Paul McNamara, ein Investitionsdirektor bei GAM London Limited, wie von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Bei einer Rede zur wirtschaftlichen Lage der Türkei widersprach Finanzminister Berat Albayrak, der allerdings auch ein Schwiegersohn von Erdoğan ist, vehement Berichten, wonach die türkische Zentralbank zum Kontrollinstrument des Präsidenten degradiert wurde.

Serkan Dilek sagte gegenüber RT Deutsch, er sei davon überzeugt, dass es im Falle der Finanzkonflikte mit der Türkei auch um politische Fragen mit Bezug auf Syrien geht. Die Türkei stellte sich auf Kosten der USA in Syrien quer, "indem sie ein Abkommen mit Russland und China geschlossen hat. Das war nicht im Plan der USA und der Ölgesellschaften", sagte Dilek und fügte hinzu:

Die Türkei muss diese Politik, obwohl es selbstverständlich auch wirtschaftliche Gründe gibt, also nach Angaben der US-Behörden, mit ihrer Wirtschaft bezahlen. Die USA haben einen neuen Finanzkrieg gegen Russland, die Türkei und China begonnen."

Eine Goldschmiedin produziert Armbänder in der Ahlatcı-Metallraffinerie in der zentralanatolischen Stadt Çorum, Türkei, 11. Mai 2017.

Morten Lund fasste die Hintegründe der Lira-Instabilität mit folgenden Worten zusammen:

Der Zusammenbruch der Türkischen Lira ist sowohl auf wirtschaftliche als auch auf politische Gründe zurückzuführen. Die wirtschaftlichen Probleme der Türkei sind jedoch auf eine zu schwache Geld- und Fiskalpolitik zurückzuführen.

Westliche Analysten sagen voraus, dass die Lira weiter fallen wird, es sei denn, die Zentralbank erhöht die Zinsen. Die Anhebung der Zinssätze wurde von Erdoğan heftig abgelehnt, denn das würde die Investitionstätigkeit von Unternehmen abflauen.

Auf die Frage, ob die  Erdoğan-Regierung angesichts des Drucks aus den USA nachgeben wird, antwortete Serkan Dilek:

Ich glaube, dass die Türkei ihre Politik fortsetzen wird. Sie kann es sich nicht mehr leisten, sich aufzugeben. Aufgrund dieser Situation wird die Türkei in die Nähe von Russland und China rücken wollen. In Zukunft wird BRICS-T ein wichtiges Thema sein."

Mit Blick auf das weitere Wirtschaftswachstum der Türkei zeigte sich Morten Lund pessimistisch. RT Deutsch teilte er mit:

Ich sehe, dass sich die türkische Wirtschaft mittelfristig verlangsamt. Die Regierung hat kürzlich einen Plan angekündigt, der für 2019 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von etwa 3-4 Prozent vorsieht. Ich denke, dies ist unwahrscheinlich, wenn man die rückläufigen Vertrauensindikatoren (PMI), die zu hohe Inflation und die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten bedenkt.

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