Wenn Worte zur Gefahr für die nationale Sicherheit werden

Wenn Worte zur Gefahr für die nationale Sicherheit werden
Porträt von Ahed Tamimi, einer jungen Ikone des palästinensischen Widerstandes gegen die israelische Besatzung, auf dem israelischen Grenzwall zum Westjordanland
Manchmal können Worte gefährlicher als Waffen sein. Eine Waffe kann Menschen verletzen und Leben zerstören. Auch Worte können verletzend sein, auch sie können manchmal Schaden anrichten. Aber sie können auch richtig mächtig werden, unverwundbar und nicht zu stoppen.

Dareen Tatour ist eine 36-jährige Frau aus Reina, einer Ortschaft in der Nähe von Nazareth. Sie wurde in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2015 gegen drei Uhr unsanft aus dem Schlaf gerissen. Israelische Polizisten und die für ihre Gewalt berüchtigte "Grenzwache" drangen in das Haus ihrer Familie ein und verschleppten Dareen. Einen Durchsuchungs- oder Haftbefehl, um wenigstens den Anschein eines ordentlichen Verfahrens zu wahren, hatten sie nicht. Erst später kam heraus, was der Grund für die Verhaftung Dareens war: zwei Facebook-Einträge und ein Gedicht.

Der eine Eintrag bei Facebook bestand aus einem Bild von Israa Abed, einer jungen Frau, die nur wenige Tage zuvor von israelischen Sicherheitskräften mit sechs Schüssen an einem Busbahnhof niedergesteckt wurde, und dem Satz: "Ich werde die nächste Märtyrerin sein." Wie sich dann herausstellte, stellte Abed keine Gefahr dar, sondern war psychisch krank und wollte auf diese Weise Suizid begehen. Und der andere Facebook-Eintrag war ein geteilter Newsbeitrag, in welchem "die Bewegung des Islamischen Dschihad für die Aufrechterhaltung der Intifada im ganzen Westjordanland" aufrief.

Ein Ausschnitt aus der Karikatur, die in Israel die Gemüter erhitzt.

Für die israelische Staatsanwaltschaft aber war klar, dass sie es bei Dareen Tatour mit einer potenziellen Selbstmordattentäterin zu tun hatten, was das brutale Eingreifen der Polizei wohl rechtfertigen sollte. Ihr wurde "Unterstützung einer Terrororganisation" und "Anstiftung zur Gewalt" vorgeworfen. Der Vorwurf "Anstiftung zur Gewalt" erfolgte aufgrund eines Gedichts von ihr auf YouTube, das sie am 3. Oktober 2015 hochgeladen hatte.

Freilich wurde das Gedicht nicht etwa von einem professionellen oder akkreditierten Übersetzer übersetzt, sondern von Nissim Bishara, einem einfachen Polizisten. Er sagte aus, dass seine Qualifikation zur Übersetzung eines arabischen Textes ins Hebräische auf seiner "Liebe zur arabischen Sprache" und Schulkenntnissen der Sprache beruhe. Weitere Diskrepanzen ergaben sich im Laufe der Verhandlungen, als herauskam, dass der Vernehmungsbeamte Dareen Tatour zur Unterschrift des Vernehmungsprotokolls zwang, ohne ihr die Möglichkeit gelassen zu haben, dieses auch durchzulesen. Außerdem wurde das Protokoll auf Hebräisch verfasst, während die Vernehmung selbst auf Arabisch geführt wurde.

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Dennoch steht die palästinensische Frau seit Ende Januar 2016 unter Hausarrest, wo ihr seitdem der Zugang zum Internet verwehrt bleibt. Die Urteilsverkündung wurde immer wieder verschoben, wird jetzt allerdings für den 31. Juli erwartet. Dareen Tatour droht eine achtjährige Haftstrafe wegen des Gedichts, das sie im Oktober 2015 auf YouTube veröffentlicht hat.

Die israelischen Behörden möchten offensichtlich eine Frau zum Schweigen bringen, die sich für den Widerstand gegen die Besatzung und Unterdrückung der Palästinenser einsetzt. Sie ist nicht nur eine Poetin, sondern eben auch Aktivistin und Fotografin, die über die brutale Gewalt der Armee berichtet. Diesen Gerechtigkeitssinn hat sie wohl von ihrer Großmutter geerbt, die die Eroberung des Dorfes Safsaf durch israelische Truppen am 29. Oktober und das anschließende Massaker selbst miterlebt hat. Siebzig Männer wurden nach Augenzeugenberichten von Überlebenden in einer Reihe aufgestellt und nacheinander erschossen. Vier Frauen, darunter ein 14-jähriges Mädchen, wurden von israelischen Soldaten vergewaltigt.

Diese persönliche Familiengeschichte und natürlich die gesamte Tragödie der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat sorgt auch siebzig Jahre später für aktiven, aber eben auch passiven Widerstand in Form von Gedichten und Geschichten.

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