Türkei: Spekulationen rund um Test-Wahlergebnisse der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu

Türkei: Spekulationen rund um Test-Wahlergebnisse der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu
Noch bis Sonntag tobt der Wahlkampf in der Türkei.
Ein regierungsnaher TV-Sender hat mit vermeintlichen Wahlergebnissen der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu für den Wahlabend geprobt. Die Opposition wirft ihr nun vor, am kommenden Sonntag die Resultate manipulieren zu wollen.

Wenige Tage vor den Wahlen in der Türkei ist die Regierung in Ankara Vorwürfen entgegengetreten, die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu würde einer möglichen Manipulation der Stimmenauszählung Vorschub leisten. Die Agentur "manipuliert niemals Wahlergebnisse", erklärte der stellvertretende Premierminister Bekir Bozdağ gegenüber Reportern am Freitag in der zentralanatolischen Provinz Yozgat. Am Sonntag wählen die Türken ihren Präsidenten und ihr Parlament in einer vorgezogenen Neuwahl.

Für Wirbel hatte zuvor eine Sendung des regierungsfreundlichen Privatsenders TVNET gesorgt. Dort wurden in einer Aufmachung, wie sie den üblichen Fernsehsendungen am Wahlabend entspricht, vermeintliche Endresultate der Agentur Anadolu präsentiert, denen zufolge Amtsinhaber Recep Tayyip Erdoğan auf 53 Prozent der abgegebenen Stimmen gekommen wäre und sich dadurch deutlich vor der Opposition die Wiederwahl bereits im ersten Wahlgang gesichert hätte.

Ein Mann hält eine Fahne, die den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zeigt, während der Rede des türkischen Premierministers Binali Yildirim in Oberhausen zur Unterstützung des türkischen Verfassungsreferendums am 16. April 2017, Deutschland am 18. Februar 2017.

Anadolu spricht von Tests mit fiktiven Dateneinheiten

Die Opposition argwöhnt seither, die Einblendungen seien "versehentlich" erfolgt und wiesen auf einen Plan der staatlichen Nachrichtenagentur hin, am Wahltag die Ergebnisse zu manipulieren. Bozdağ wies die Anschuldigungen vehement zurück und erklärte:

Sie [die Oppositionsparteien] gießen Schmutzkübel über Anadolu aus, und sie werden sich für ihre Diffamierungen vor einem Gericht verantworten müssen.

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Anadolu selbst erklärte in einer Stellungnahme am Donnerstag, man sei zum Ziel "haltloser Vorwürfe" geworden, und bei TVNET habe es sich um eine "Testsendung" gehandelt. So heißt es weiter:

Diese und ähnliche Anwendungen, die man in der heutigen Medienwelt als 'Test mit fiktiven Dateneinheiten' kennt, werden vor jeder wichtigen Sendung mehrfach getestet. (…) Während des Tests am gestrigen Tag haben wir mit Daten gearbeitet, die mehrere Medienorganisationen erhalten haben und die auf den Resultaten der letzten Wahl beruhten. Dazu wurden Zufallswahlergebnisse für Parteien und Kandidaten verwendet, die an der Wahl nicht teilnahmen.

Die Nachrichtenagentur wolle nun gerichtlich "gegen Personen und Institutionen, die absichtliche Falschbehauptungen gegen unsere Einrichtung verbreitet haben", vorgehen.

Flüchtlinge an der Grenze zu Griechenland, 30. April 2018.

Prognosen am Wahlabend liegen bei Anadolu meist günstiger für die AKP

Erfahrungen vergangener Wahlabende ließen erkennen, dass Anadolu während der laufenden Auszählung in der Tendenz mit höheren Prognoseprozenten zugunsten der regierenden AKP operierte, als es am Ende den amtlichen Endergebnissen entsprach. Der Anteil der AKP wurde im weiteren Laufe des Abends bei Anadolu regelmäßig geringer. Bei oppositionsnahen Medien war meist ein gegenteiliger Effekt zu beobachten.

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Als eine der präzisesten Einrichtungen, deren Prognosen den tatsächlichen Endergebnissen mehrfach sehr nahekamen, galt die Nachrichtenagentur Cihan, die der Gülen-Bewegung zuzuordnen war. Im Zuge der Geldwäscheermittlungen gegen Gülen-nahe Unternehmen wurde diese jedoch erst unter Zwangsverwaltung gestellt und nach dem Putschversuch von 2016 behördlich geschlossen.

Ähnliche Fälle mit irrtümlich veröffentlichten Testresultaten hatten in den letzten Jahren auch in anderen Ländern kurzzeitig für Aufregung gesorgt. So waren wenige Tage vor den baden-württembergischen Landtagswahlen im März 2016 auf der Webseite der Stadt Freiburg wenige Tage Testergebnisse für einzelne Wahlkreise zu sehen, nachdem die Stadt unter Verwendung fiktiver Ergebnisse ausprobieren wollte, wie die Darstellung der Ergebnisse auf dem Smartphone aussehe.

In Österreich waren am Abend der ersten Stichwahl zum Amt des Bundespräsidenten im gleichen Jahr auf der Webseite des Innenministeriums in einer Tabelle kurzzeitig vermeintliche Briefwahlergebnisse sichtbar, obwohl diese erst tags darauf ausgezählt werden sollten. Die Daten stammten allerdings von einer alten Wahl, hieß es aus der Behörde.

Ob am Abend der türkischen Wahlen wie vor fünf Jahren bei den Kommunalwahlen auch wieder Stromausfälle durch die berüchtigten "Trafokatzen" ein Thema sein werden, ist derweil noch nicht bekannt.

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