Interview: "Endziel der türkischen Offensive im Nordirak ist endgültige Zerschlagung von PKK"

Interview: "Endziel der türkischen Offensive im Nordirak ist endgültige Zerschlagung von PKK"
Bildquelle: TSK
Der türkische Militärwissenschaftler Furkan Halit Yolcu hat mit RT Deutsch über die neue türkische Militäroperation im Nordirak, die Rolle der USA sowie des Iran und Operationen in Syrien gesprochen. Ziel der Türkei sei die komplette Zerschlagung der PKK.

von Ali Özkök

Furkan Halit Yolcu ist Militärwissenschaftler und Sicherheitsanalyst am Nahost-Institut der Universität Sakarya in der Westtürkei. Er hat sich auf die türkische Einflussprojektion in Syrien und Irak fokussiert.

Was ist das große strategische Ziel der Türkei, das militärisch in das nordirakische Kandil-Gebirge vorrückt, während die syrische Kurdenmiliz YPG hauptsächlich in der Lage bleibt, auch ohne Manbidsch zu überleben?

Das Endziel der türkischen Intervention im Nordirak ist die endgültige Zerschlagung der terroristischen Bedrohungen. Diese Frage ist in der türkischen Politik hochgradig abgesichert. Es kommt auch einem großen Erfolg für die Regierung gleich, überhaupt militärische Operationen im Kandil-Gebirge durchführen zu können.

Derzeit versuchen etwa 1.500 türkische Truppen einer Kommandobrigade und einer leichten Infanteriebrigade, die für die Grenzsicherung in Semdinli zuständig sind, sowie Gendarmerie- und Armeebataillone, einen Korridor von Sidekan nach Kandil, dem "Hauptquartier" der PKK, zu öffnen. In den letzten zwei Wochen sind etwa 1.500 weitere Kommando-Einheiten als Verstärkung eingetroffen, was die Entschlossenheit Ankaras signalisiert, diese Operation fortzusetzen.

Und ja, vielleicht können YPG/PKK ohne Manbidsch überleben, aber sie werden ohne eine funktionierende und florierende Region auskommen müssen.

Die Türkei will die YPG seit langem hinter den Euphrat-Fluss drücken. Diese Pläne wurden bereits beschlossen, als die YPG begann vor Jahren mit US-Hilfe östlich vom Osten des Euphrat-Flusses auf den Westen überzusetzen. Das Manbidsch-Abkommen ist keine nachhaltige Lösung. Die YPG wird mit dem Manbidsch-Abkommen, das mit den USA geschlossen wurde, der Türkei noch viel Kopfzerbrechen bereiten. Manbidsch ändert nichts am Umstand, dass sie immer noch als strategische Bedrohung für die Integrität der Türkei betrachtet wird, da sie sich immer noch an den Grenzen befinden werden.

Die türkische Opposition behauptet, dass Erdoğan die Kandil-Offensive zur Einflussnahme auf die vorgezogenen Wahlen begonnen habe. Was ist Ihre Meinung?

Meiner Meinung nach kann jeder Schritt auf Regierungsseite durchaus im Zusammenhang mit den anstehenden Wahlen gesehen werden. Der rückblickend wichtigste Teil, den die türkische Opposition missverstanden hat, ist jedoch die Tatsache, dass diese Operationen bereits seit langem durchgeführt werden. Um genau zu sein, seit dem Ausscheiden von Masud Barzani aus dem nordirakischen Ratsvorsitz.

Deshalb, ja, die Operation wird im Rahmen einer Wahlkampfkonjunktur durchgeführt, aber es gibt einen taktischen Fahrplan, der eingehalten wird. Und die realistische Sichtweise sollte sicherstellen, dass ein Staat angreifen muss, wenn der Feind eine terroristische Organisation ist, egal was im Land passiert.  Andernfalls ergibt sich ein Staat. Die entstehende Atmosphäre, die von Terroranschlägen und Hinterhalten geprägt ist, schadet der Nation und der Moral von Soldaten.

Bagdad, Erbil und der Iran sprechen nicht über die Schritte der Türkei. Warum schweigen sie?

Dies ist direkt auf das plötzliche Ausscheiden Masud Barzanis aus seinem Amt im Nordirak zurückzuführen. Das schlecht geplante Unabhängigkeitsreferendum und sein falsches zeitliches Timing und Verhalten schwächten Barzanis Herrschaft im Norden des Irak. Und dabei haben sich die Türkei, der Iran und der Irak wiederholt entschieden gegen ein Referendum ausgesprochen. Sie kündigten quasi sein politisches Ende an. Das Trio Türkei-Iran-Irak hatte vorher eine Übereinkunft darüber getroffen, was im Nordirak geschehen wird, sollte Barzani an der Unabhängigkeit festhalten. Und die gegenwärtige Konjunktur scheint den Irak in zwei politische Lager zu spalten. Diese Lager werden vom Iran und der Türkei dominiert. Daher bildeten die Türkei, der Iran und der Irak ein auf einem Thema, der kurdischen Unabhängigkeit, beruhendes Zweckbündnis und halten sich gegenseitig an diese Politik.

Welche Rolle spielen die USA bei der türkischen Offensive im Irak?

Die USA haben ihre Position zu Syrien, dem Irak und den Kurden mit Donald Trump im Amt des US-Präsidenten eindeutig geklärt. Die Vereinigten Staaten befanden sich in einer turbulenten Position, als es zur Unterstützung der YPG kam. Die YPG wird von der Türkei als syrischer Arm der PKK betrachtet. Beide Organisationen werden von Ankara als terroristisch eingestuft. Außerdem listen auch die USA die PKK als terroristische Organisation, was bedeutet, dass beide Staaten mehr oder weniger die gleiche Politik gegenüber PKK und YPG verfolgen sollten.

Meiner Meinung nach beschäftigen sich die Vereinigten Staaten nur passiv mit den türkischen Operationen im Irak. Die USA unterstützen die türkische Offensive, indem sie keinen Druck auf der internationalen Bühne aufbauen. Es wäre ziemlich ermüdend für die Türkei, militärische Operationen im Nordirak gegen den Willen der USA durchzuführen. Es mag also keine direkte Unterstützung geben, aber in solchen Fällen kann es schon indirekte Unterstützung bedeuten, wenn sich die USA nicht einmischen.

US-amerikanische Analysten argumentieren, dass die Türkei mit ihrer Offensive den Iran vom Nordirak isolieren würde. Andere sagen, dass die Türkei das US-Bündnis mit kurdischen Milizen schwäche, indem sie die jüngste US-Truppenverlegung in den Sindschar zitiere. Was ist Ihre Meinung?

Fakt ist, dass die Türkei lange Zeit einen größeren Einfluss im Nordirak hatte als heute. Das Engagement der Türkei im Norden wird nicht kategorisch zur Schwächung des US-Bündnisses mit den Kurden führen. Auf der anderen Seite haben der Iran und die Türkei eine klare regionale Vereinbarung. Sie koordinieren ihre Schritte im Nordirak, und auch im Hinblick auf die durchgeführten Operationen herrscht Einigkeit. Das ist sicher.

Türkische Truppen rücken immer tiefer in den Nordirak. Gibt es Hinweise darauf, dass sie bereits in das Kandil-Gebirge eingedrungen sind?

Nun, das ist wirklich eine Frage, die selbst Geheimdienstmitarbeiter nicht beantworten würden. Aber ich kann sagen, dass ich ein Video mit heftigen Zusammenstößen zwischen PKK-Kämpfern und türkischen Soldaten im Nordirak gesehen habe. Das Video bestätigt, dass drei Soldaten getötet wurden. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Hauptoperation auf dem Weg ist. Die Kämpfe werden künftig noch härter.

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