Hamas-Vertreter: 50 der getöteten Palästinenser waren unsere Mitglieder

Hamas-Vertreter: 50 der getöteten Palästinenser waren unsere Mitglieder
Palästinensische Sicherheitskräfte der Hamas bei einem Begräbnis im südlichen Gazastreifen
Ein Großteil der jüngst bei den Gaza-Protesten getöteten Palästinenser waren Hamas-Mitglieder. Dies behauptet zumindest ein Vertreter der Organisation. Israel wertet diese Aussagen als Bestätigung der These, es handele sich um eine gezielte Provokation.

50 der 62 Todesopfer hätten der radikalen islamistischen Palästinenserorganisation angehört, teilte der Hamas-Vertreter Salah al-Bardawil am Mittwoch mit.

50 der Märtyrer des letzten Kampfes waren Mitglieder der Hamas", erklärte Bardawil.

Rund die Hälfte der insgesamt 117 seit Ende März von israelischen Soldaten getöteten Palästinenser hätten demnach ebenfalls der Hamas angehört. Unmittelbar nach Ausstrahlung der Behauptungen Bardawils griff unter anderem das israelische Verteidigungsministerium die Meldung auf. Demnach seien die Aussagen des Hamas-Vertreters der Beweis für den gewalttätigen Charakter des Protests.

Bardawil machte jedoch keine Angaben darüber, ob es sich um Mitglieder des bewaffneten oder politischen Hamas-Flügels handelte.

Schätzungen gehen davon aus, dass die Hamas insgesamt über etwa 80.000 Mitglieder verfügt, von denen etwa 300 bis 3.000 Mitglieder dem harten Kern und somit auch dem bewaffneten Flügel der radikalen Organisation zugerechnet werden. Dass es sich bei den getöteten Palästinensern daher zwangsläufig um "Hamas-Terroristen" gehandelt habe, lassen Kritiker des israelischen Vorgehens daher nicht als Argument gelten.

Der hochrangige IDF-Sprecher Jonathan Conricus sprach unterdessen davon, dass es der israelischen Armee nicht gelungen sei, die Zahl der getöteten Palästinenser zu minimieren:

[…] Andererseits versuchen wir, so akkurat und zielgerichtet wie möglich zu sein, wobei wir nur auf Scharfschützengewehre und Standard-NATO-Munition zurückgreifen. Wir haben also viel dafür getan, die Zahl der Opfer zu minimieren. Waren wir dabei erfolgreich? Leider nicht. Gab es Fehler? Gab es Kugeln, die ihr Ziel verfehlten und Leute trafen, die nicht das Ziel waren? Selbstverständlich", sagte er mit Verweis auf Ereignisse entlang der Grenze.

Am Montag waren nach Angaben der israelischen Armee rund 40.000 Palästinenser an den Grenzzaun zu Israel im Gazastreifen gekommen. Nach Ansicht der israelischen Armee (IDF) habe es sich jedoch nicht um größtenteils zornige, aber friedliche Demonstranten gehandelt. Vielmehr hätten gewalttätige Protestler explosive Gegenstände und Brandbomben auf Soldaten und den Sicherheitszaun geworfen. Soldaten hätten entsprechend reagiert und das Feuer eröffnet. Sie töteten nach palästinensischen Angaben 60 Menschen, mehr als 2.800 wurden verletzt.

Es war damit der blutigste Tag seit dem Gaza-Krieg 2014. Das Vorgehen der israelischen Armee löste weltweit Kritik aus.

Israel wirft der im Gazastreifen herrschenden Hamas vor, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Armeesprecher Jonathan Conricus schrieb als Reaktion auf die Hamas-Mitteilung auf Twitter:

Das war kein friedlicher Protest.

Im Gazastreifen protestierten die Menschen nicht nur gegen die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem am Montag, sondern auch gegen die mehr als zehnjährige Blockade des Küstenstreifens durch Israel und Ägypten. Die Palästinenser erinnerten zudem während des "großen Marschs der Rückkehr" an die Vertreibung und die Flucht Hunderttausender im Zuge der israelischen Staatsgründung vor 70 Jahren.

Beim "Marsch der Rückkehr" forderten seit Ende März Zehntausende ein Recht auf Rückkehr in das heute israelische Staatsgebiet. Israel lehnt dies ab. Bei den Protesten töteten israelische Soldaten insgesamt 117 Palästinenser.

Während einige Beobachter nach der Aussage Bardawils von einem PR-Gau für die Sache der Palästinenser sprechen, verweisen andere unter anderem auf Aussagen und Berichte, wonach die Hamas durch Israel selbst aufgebaut und gestärkt worden sei – als willkommenes Gegengewicht zur säkularen Fatah.

Dies behauptete unter anderem im Jahr 2009 Avi Shlaim, ein aus Israel stammender Oxford-Professor für Internationale Beziehungen und ehemaliger Soldat der israelischen Armee in den 1960er-Jahren. Grundlage, so Shlaim im Guardian, sei dabei das Prinzip "Teile und Herrsche" gewesen.

Nimrata „Nikki“ Haley, die derzeitige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen

In den späten 1980er-Jahren unterstützte Israel die entstehende Hamas, um die Fatah, die säkulare nationalistische Bewegung unter Führung von Jassir Arafat, zu schwächen. Nun begann Israel, die korrupten und nachgiebigen Fatah-Führer zu ermutigen, ihre religiösen politischen Rivalen zu stürzen und die Macht zurückzuerobern. Aggressive amerikanische Neokonservative beteiligten sich an dem finsteren Plan, einen palästinensischen Bürgerkrieg anzuzetteln. Ihre Einmischung war ein wichtiger Faktor für den Zusammenbruch der Regierung der nationalen Einheit […].

Aus den Wahlen im Jahr 2006 ging die Hamas als Sieger hervor und stellt seitdem die Regierung im Gazastreifen. Israel weigerte sich, den demokratischen Wahlerfolg anzuerkennen. In Kooperation mit den Vereinigen Staaten und der EU wurden die Auszahlung von Steuereinahmen und Hilfsgeldern verweigert.

Juristisch wird die radikal-islamische Hamas von der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, Israel und anderen – auch arabisch-muslimischen – Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft.

Mit Verweis auf die immer wieder aufflammende Gewalt auch seitens der Hamas zeigte sich Avi Shlaim überzeugt:

Israel stellt sich gerne als Insel der Demokratie im Meer des Autoritarismus dar. Dennoch hat Israel in seiner gesamten Geschichte nie etwas getan, um die Demokratie auf der arabischen Seite zu fördern, und hat viel getan, um sie zu untergraben.

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