Konflikt zwischen Nuklearmächten ist nicht kontrollierbar: Mögliche Kriegsszenarien für Syrien

Konflikt zwischen Nuklearmächten ist nicht kontrollierbar: Mögliche Kriegsszenarien für Syrien
Der US-Flugzeugträger Harry Truman ist unterwegs zur syrischen Küste.
Die Welt hält den Atem an: Ein US-geführtes Bündnis kann jederzeit in Syrien zuschlagen und dort russische Militärinfrastruktur treffen - Russland könnte Vergeltung üben. Alle Szenarien weisen auf eine unkontrollierbare Eskalation bis zu einem Atomkrieg hin.

von Wladislaw Sankin 

Die internationale Anti-Chemiewaffen-Institution OPCW hat zugesagt, den Ort des angeblichen Giftgaseinsatzes im syrischen Duma zu untersuchen: Die syrische Regierung und Russland haben die internationale Organisation offiziell dazu eingeladen. Doch werden ihre Mitarbeiter den Ort des angeblichen Geschehens überhaupt erreichen können, ehe infolge US-amerikanischer Luftschläge neues Chaos in Syrien ausbricht? US-Präsident Donald Trump hat am Mittwoch offiziell einen massiven Raketenangriff ins Spiel gebracht.

In Syrien halten sich mehrere tausend russische Militärberater und Mitarbeiter des Versöhnungszentrums auf, viele sind in die Strukturen der syrischen Armee auf Bataillonsebene integriert und in allen bedeutenden Militärobjekten anwesend. Der russische Generalstabchef Waleri Gerassimow warnte bereits am 13. März, als er über Pläne für eine fabrizierte Giftgasattacke vonseiten radikal-islamischer Terroristen im eingeschlossenen Ost-Ghuta sprach, um diese dann "Assad-Regime" in die Schuhe schieben zu können: Russland werde auch auf die Raketen-Trägerplattformen selbst einwirken, sollten diese die syrische Hauptstadt auf der Grundlage dieser Beschuldigung unter Beschuss nehmen.

Das russische Luftverteidigungssystem S-400 in Syrien ist aktiviert...

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Das bedeutet: Im Grunde könnte jeder massive Angriff auf die Infrastruktur der syrischen Regierung einen russischen Gegenschlag gegen die US-Amerikaner oder deren Verbündete nach sich ziehen. Zumal die "Favoriten" unter den Objekten, die als erste beschossen werden könnten, alle militärischen Flugbasen sind, die es in Syrien gibt, darunter auch die russische Basis in Hmeimim. Das ergab die Expertenbefragung einer US-amerikanischen Zeitschrift. Eine solche Attacke könnte der Öffentlichkeit als Vernichtung jener Militärflotte verkauft werden, die vermeintlich Chemiewaffen über syrischen Orte abwirft.

In einer Illusion verfangen 

Viele russische Militärexperten sind sich darin einig: Bereits ein erster Beschuss dieser Art kann eine Kette militärischer Handlungen nach sich ziehen, die sehr wahrscheinlich in einen unkontrollierbaren nuklearen Konflikt abgleiten werden. Diese Meinung vertrat im Gespräch mit dem US-Magazin The National Interest (NI) auch Generalleutnant Jewgeni Buschinski, ehemals Chef der Verwaltung für internationale Verhandlungen im russischen Verteidigungsministerium. Der Militär, der jetzt an einer Militärakademie unterrichtet, vermutet, dass

eine beliebige militärische Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Russland mit dem Einsatz von Kernwaffen enden wird. 

"Die nukleare Konfrontation kontrollieren zu können, ist eine Illusion aufseiten der Vereinigten Staaten", sagte Buschinski ebenso dem US-Magazin. Dabei spiele die ökonomische Kluft zwischen den Kriegsparteien keine Rolle, denn wenn alles mit einem Krieg enden sollte, wird es ein sehr kurzer Krieg sein, erklärte der Generalleutnant.

Meiner Ansicht nach ist es ein sehr gefährliches Spiel, Russland in die Enge zu treiben und zu isolieren", sagte Buschinski.

Die westliche Koalition ballte bereits 2013 ihre Kräfte im östlichen Mittelmeer, im Persischen Golf und auf syrischem Boden östlich und nordöstlich der Hauptstadtregion zusammen. Offensichtlich waren mehrere aufeinanderfolgende Offensiven geplant – in mehreren Etappen, von der Ausschaltung der syrischen Luftabwehr und anschließend der Luftwaffe bis zu Bodenoffensiven mit den Kräften der zahlreichen "aufständischen" Gruppen unter US-Obhut. Russland durchkreuzte diesen Plan. Aufgegeben ist er aber nicht.

Die Motivation für einen massiveren Kriegseinsatz könnte nun eine Änderung erfahren haben: Es soll offenbar getestet werden, wie weit Russland bei seiner aktiven Außenpolitik zu gehen bereit ist. Auch eine False-Flag-Aktion als Begründung für ein Eingreifen soll für die USA und ihre Verbündeten zu einer Machtdemonstration werden - der Macht, sich über die objektive Realität hinwegzusetzen: Real ist das, was wir als real verkaufen können, soll die Botschaft dahinter sein.

Russland: Stabilität als Exportgut

Knickt Russland ein - wovon die US-Amerikaner ausgehen -, und von Russland ist gefordert, sein "Verhalten" grundsätzlich zu ändern, ist sein Ansehen beschädigt und die USA können der "revisionistischen Macht" demonstrieren, wer "Herr im Hause" ist. Dabei geht es für Russland um viel – die Einsätze sind kontinuierlich erhöht worden. Der Wunsch, seinen eigenen Weg zu gehen und die Welt nach eigenen Prinzipien mitgestalten zu dürfen, das ist der Ansporn hinter Moskaus Außenpolitik. In den letzten Jahren haben sich daraus neue russische Exportgüter herausgebildet – Sicherheit und Stabilität. Das zeigte erst jüngst die VII. Moskauer Sicherheitskonferenz, an der Verteidigungsminister aus 30 Ländern teilnahmen. Daher ist Syrien ein Testfall: Nirgendwo sonst in der Welt können mit solcher Klarheit zwei Exportnationen ihre jeweilige "Ware" abladen. Die eine Sicherheit und Frieden - wenn auch durch Luftschläge und Militärhilfe. Die andere: völkerrechtswidrige Einmischung zwecks Destabilisierung und Fragmentierung. Scheitert Syrien, geht auch das russische "Geschäft" verloren.

General Joseph Votel, Leiter des US Central Command (CENTCOM)

Dieses Szenario ist aber von einem möglichen anderen schwer zu trennen - einer Eskalation, an deren Ende die gegenseitige Vernichtung steht. Diese Vision hat die kriegstreibenden Kräfte bislang zurückgehalten, aber nur in begrenztem Maße. Die neuen außenpolitischen Gestalter von Donald Trump - Mike Pompeo und John Bolton - sind ein Zeichen dafür, dass die Zeiten vorbei sind, da die USA zugesehen haben, wie Russland ein für eine weitere "humanitäre Intervention" vorgesehenes Land stabilisiert. Die innenpolitischen Zwänge eines Donald Trump, dessen Anwälte letzte Woche Bürodurchsuchungen durch die Mueller-Komission erlebt hatten, könnten seine Entscheidung zugunsten eines kleinen Ablenkungskrieges zusätzlich beeinflussen.  

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Solange aber der Schrecken in der Ferne schwebt, belauern die beiden Kriegsparteien einander - und das schon seit Monaten. Die Schaffung eigener bzw. die Störung gegnerischer Infrastruktur in den Bereichen der Nichtnavigatorischen Ortungsfunkdienste und der Geo-Orientierung zählen zu den ersten Voraussetzungen für weitere Militärziele. In einer möglichen Auseinandersetzung wird die Fähigkeit, die gegnerischen Raketen vor ihrem Eintreffen am Ziel zu vernichten, von entscheidender Bedeutung sein.

Von Blockaden und Beschüssen zur nuklearen Eskalation 

Das Portal Sputniknews hat in einem Artikel im März ausgerechnet, wieviel Prozent der US-amerikanischen Marschflugkörper die russische Luftabwehr abfangen könnte, wenn diese in Hunderterschwärmen beispielsweise aus dem Persischen Golf abgefeuert würden: Bis zu 40 Prozent könnten am Ziel ankommen, sollten die Raketen im Bereich ihrer Flugbahn die Vorzüge der Gebirgslandschaft westlich von Syrien nutzen. Im Artikel wird auch aufgezählt, wie viele russische Kriegsschiffe und U-Boote als Träger diverser Raketensysteme – vom schon in Syrien erprobten Typ Kaliber bis zu den neuesten Ultraschallraketen - im Mittelmeer einsatzbereit sein können.

Die US-amerikanische Führung geht allerdings nicht davon aus, dass Russland ihre Kriegsschiffe als Abschussrampe versenken würde – der Pearl-Harbor-Effekt sollte den Gegner abschrecken, denn die Rache dürfte in diesem Fall grausam sein. Sie sei auch der Meinung, dass das russische Flugabwehrsystem C-400 nichts gegen die Militärjets der Typen B-2 Spirit und F-22 Raptor ausrichten könne, schreibt das russische Portal vz.ru. Die Gewissheit der eigenen Überlegenheit wecke aggressive Begehrlichkeiten und könne einen Gegenschlag nicht hemmen, sondern den Übermut nur noch weiter anfachen.

Denkbar sei auch - als eine Zusatzmaßnahme - die Blockade der russischen Militärbasis Tartus an der syrischen Küste sowie der russischen Handelsflotte. Als russische Antwort seien asymmetrische Maßnahmen wie die Störung der Ortungsfunkdienste für US-Flugzeuge im Mittelmeerraum oder Handlungen gegen die hunderten US-Militärangehörigen im Südosten Syriens denkbar – diese sind laut vz.ru beispielsweise nicht mit Raketenabwehrsystemen ausgestattet. Aber auch all das würde den Konflikt schnell auf eine überregionale Ebene heben. 

Das politische und militäranalytische Brainstorming in russischen Medien zeigt, dass die Hemmschwellen hinsichtlich tödlicher Gegenschläge auf aggressive Akte der US-Amerikaner in Russland immer niedriger werden: Es solle das umgesetzt werden, was bereits als Warnung angekündigt wurde, am besten sogar mit einem "Überraschungs-Effekt". Verwiesen wird auf die Kriege in Korea und Vietnam - es sei nicht das erste Mal, dass die US-Amerikaner und Russen direkt oder indirekt aufeinander schießen müssten. Dennoch – und das ist auch vielen Experten klar - ist die Vorstellung, ein militärischer Konflikt zwischen zwei vor Kraft strotzenden Atommächten könnte begrenzt werden, um den Generalleutnant Buschinski erneut zu zitieren, nur eine gefährliche Illusion. 

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