Syrien: Giftgas zieht mal wieder durch die deutsche Presse

Syrien: Giftgas zieht mal wieder durch die deutsche Presse
So stellen sie sich gerne selber dar: als neutrale Retter. Laut den syrischen "Weißhelmen" gab es einen "weiteren" Giftgasangriff (Symbolbild).
Viele Medien übernahmen in den letzten Tagen aktuelle Vorwürfe der „Weißhelme“ gegen die syrische Regierung. Das Vertrauen in die umstrittene Hilfsorganisation scheint ungebrochen. Doch es gibt auch Ermüdungserscheinungen in der medialen Front gegen Assad.

„Assad setzt wieder Giftgas ein“ – so viel ist für die „Bild“-Zeitung vom Montag klar. Allerdings nur in der Überschrift, denn im folgenden Artikel ist die faktische Feststellung so nicht zu halten und die Boulevardzeitung muss ihre eigene Behauptung wieder in Zweifel ziehen: „Die Armee von Diktator Baschar al-Assad soll im umkämpften Nordwesten des Landes bei einem Militär-Angriff giftiges Chlorgas eingesetzt haben. Dies berichtete die syrische Rettungsorganisation Weißhelme am Sonntag.“

Auf die umstrittene „syrische Zivilschutzgruppe“ beriefen sich am Montag neben „Bild“ etliche weitere Medien – manche aber immerhin mit dem Zusatz, dass „die Angaben von unabhängiger Seite nicht zu überprüfen“ seien. Dass man nicht überprüfbare Informationen einer dubiosen Organisation trotzdem großflächig verbreitet, scheint aber zum journalistischen Verständnis vieler deutscher Zeitungen zu gehören, darunter der Leitmedien FAZZeit und Spiegel.

An dieser aktuellen Welle von Artikeln zu angeblichen Kriegsverbrechen durch die syrische Armee sind zwei Aspekte bemerkenswert: Zum einen erstaunt, obwohl sie bekannt ist, immer wieder die Ignoranz vieler Medien gegenüber Informationen, die das Vertrauen in die „Weißhelme“ mindestens trüben müssten. Der lange Atem, mit der einige Medien den mutmaßlich diskreditierten Al-Qaida-Sanitätern die publizistische Treue halten, ist beeindruckend.

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Zum anderen, und das ist neu, scheint es aber doch langsam eine Absetzbewegung unter einigen Medien zu geben: Während etwa die Bild und Zeit über die unbelegten Anschuldigungen so schreiben, als würden die „Weißhelme“ immer noch als unabhängig und glaubwürdig gelten, so ist in anderen Medien, etwa beim Deutschlandfunk, endlich so etwas wie Ermüdung gegenüber dem dominanten, aber längst nicht mehr haltbaren westlichen Syrien-Narrativ zu spüren.

So zieht zwar auch der öffentlich-rechtliche Radiosender die „Weißhelme“ nicht prinzipiell in Zweifel, aber er verzichtet in seiner denkbar knappen Meldung immerhin (und erstmals bei dem Thema) auf die sonst üblichen sehr wortreichen und ausschließlich moralisch begründeten Anklagen gegen die syrische Führung und Russland.

Unbefriedigend bleiben aber auch diese eher zurückhaltenden Berichte, weil sie zwei wichtige Aspekte ausblenden: Zum einen hat der syrische Staat kein Motiv, Giftgas einzusetzen, da er mit konventionellen Waffen sehr erfolgreich agiert. Man könnte sogar im Gegenteil sagen, dass nur ein Giftgas-Einsatz den Sieg von Präsident Assad noch gefährden könnte, weil ein offensichtliches Kriegsverbrechen ein willkommener Interventionsgrund für die USA wäre. Kurz: Ein Giftgas-Einsatz durch die syrische Armee erscheint nutzlos und selbstmörderisch – und darum absurd.

Zum anderen wird die zeitliche Nähe der „erneuten Giftgas-Attacken“ zu anderen Vorkommnissen nicht thematisiert. So hatte US-Verteidigungsminister James Mattis erst am Donnerstag Syriens Führung beschuldigt, weiterhin Chemiewaffen zu produzieren und einzusetzen. Und für diesen Montag war eine Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen anberaumt. Die sollte zufällig „Einsatz von Chemiewaffen in Syrien“ zum Thema haben.

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