Die kurdische Perspektive im Großen Spiel: Ein gefährlicher Grat in Syrien

Die kurdische Perspektive im Großen Spiel: Ein gefährlicher Grat in Syrien
Ein Mitglied der Kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG) in der Nähe der Stadt Ras al-Ain, November 2013.
Im Großen Spiel, dem Krieg um die Kontrolle des Mittleren Ostens, versuchen syrische Kurden, ihr eigenes politisches Projekt zu etablieren. Andere Akteure wollen sie in die eigene Strategie einbinden. Kritisch sehen dabei viele ihre Liaison mit den USA.

von Karin Leukefeld

Die größte Kritikerin der kurdischen Ambitionen ist die Türkei, die in den syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräften einen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sieht. Diese wiederum bekämpft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan so gnadenlos als "terroristische Organisation", dass er auch die legalen kurdischen Strukturen in der Türkei, Berufsvereinigungen, Medien und Parteien verfolgt. Im Südosten des Landes hat die türkische Armee in den vergangenen zwei Jahren (seit 2015) ganze Städte in Schutt und Asche gelegt, das Altstadtviertel von Diyarbakir - das sich um eine Anerkennung als Weltkulturerbe beworben hatte - inklusive. Eine halbe Million Menschen wurden vertrieben.

Zwischen 2013 und 2015 hatte Erdogan durch seine Geheimdienste noch mit der PKK über einen möglichen Frieden verhandelt. Die Gespräche fanden mit dem Vorsitzenden der PKK, Abdullah Öcalan, statt, der bis heute auf der Gefangeneninsel Imrali isoliert und inhaftiert ist. Öcalan ging es damals um die "Demokratisierung in der Türkei", behauptet dessen früherer Anwalt Mahmud Sakar.

Erdogan bot erst auch einen Handel an. Die syrischen Kurden und ihr Projekt "Rojava" sollten nicht angegriffen werden, wenn die syrischen Kurden den Sturz des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad betrieben. Öcalan sollte dazu aufrufen, doch der lehnte ab. Die Kurden in der Türkei und in Syrien wurden nun selbst zur Zielscheibe massiver Angriffe. In der nordsyrischen Stadt Ain al-Arab (Kobani) griff im September 2014 der IS an, konnte aber von den kurdischen Kräften nach verlustreichen mehrmonatigen Kämpfen schließlich zurückgeschlagen werden. Möglich geworden war das mit der Unterstützung vonseiten einer adhoc gebildeten, US-geführten "Anti-IS-Koalition", die Spezialkräfte und Waffen schickte. Einige dieser Spezialkräfte waren US-ausgebildete Peschmerga aus dem kurdischen Nordirak.

US-Sonderbeauftragter geht bei YPG ein und aus

In den folgenden Jahren bauten die syrischen Kurden ihre Positionen im Norden des Landes aus. Die US-geführte Anti-IS-Koalition stuft sie mittlerweile als Partner ein, die US-Armee etablierte zehn Militärbasen in den Provinzen Hasakeh und Rakka, eine elfte Basis wird derzeit in der Stadt Rakka gebaut. Die USA - insbesondere der Sonderbeauftragte des US-Präsidenten, Brett McGurk - machen aus ihrer Unterstützung für die syrischen Kurden kein Hehl. Auch wenn offiziell meist von den "Syrischen Demokratischen Kräften" (SDF) die Rede ist, weiß man, dass tatsächlich die kurdischen Volksverteidigungseinheiten gemeint sind. Diese dominieren mit ihrer Kampferfahrung und ihrem Engagement auch den Kommandorat der SDF. Für die US-Armee haben die Kurden sich als zuverlässiger erwiesen als alle syrischen Oppositionellen zusammen.

Im Nordirak bildet Deutschland die kurdischen Peschmerga im Rahmen der Anti-IS-Allianz militärisch aus, rüstet sie aus und unterstützt sie logistisch. Offiziell werden sie für den Anti-IS-Kampf im Irak ausgebildet, was aber geschieht, wenn der IS geschlagen ist? Methoden im Häuser- und Nahkampf sowie das Minenräumen sind auch in Syrien gefragt. Wie die Autorin von Augenzeugen (Aleppo) erfuhr, sollen deutsche Spezialisten auf US-Basen in Syrien kurdische und SDF-Kräfte ausbilden. Die Bundesregierung dementiert. Gleichwohl hat sich das Verhältnis zwischen Ankara und Berlin so sehr verschlechtert, dass Deutschland sein gesamtes Truppenkontingent mit Tornados von der NATO-Basis Incirlik (Adana, Südtürkei) abzog und nach Jordanien verlegte.

Die Türkei besetzte inzwischen die nordsyrische Stadt Dscharabulus und kontrolliert aktuell ein Gebiet zwischen Dscharabulus, Al-Bab und Azaz in der Provinz Aleppo. Die türkische Militärpräsenz soll kurdische Kräfte daran hindern, einen Korridor zwischen den östlichen Gebieten von "Rojava" (Kobani, Kamischli) und der Stadt Afrin westlich von Aleppo zu besetzen. Afrin, das ebenfalls von der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) und den kurdischen Volksverteidigungskräften (YPG/YPJ) kontrolliert wird, gilt diesen als Teil der "Demokratischen Föderation Nordsyrien". Wie in anderen Teilen der selbsternannten Föderation wurde auch in Afrin eine "Selbstverteidigungsarmee" (Hêzên Xweparastinê, HXP) aufgebaut, eine kurdische Wehrpflichtarmee mit tausenden Soldaten.

Im Zuge der bei den Astana-Gesprächen vereinbarten Deeskalationsgebiete in Syrien sind seit September 2017 türkische Truppen im Randgebiet der syrischen Provinzen Idlib und Aleppo stationiert. Das ist nicht weit von der Stadt Afrin entfernt, die regelmäßig von türkischen Militärdrohnen überflogen wird. Die Türkei kooperiert in dem Gebiet mit syrischen oppositionellen Kampfgruppen, die - wie die Türkei selbst - gegenüber den syrischen Kurden feindselig eingestellt sind. Es soll bereits zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen sein.

Erdogan will türkische Truppen auch in Afrin stationieren

Der türkische Präsident Erdogan erklärte am vorangegangenen Freitag in einer Fernsehansprache, dass Afrin "von den Terrorgruppen der YPG gesäubert" werden müsse. Wie in Idlib wolle man auch in Afrin türkische Truppen stationieren, um zu verhindern, "dass andere Terrorgruppen das Gebiet besetzen", so Erdogan. Er warf den USA vor, "viele Dollar […] an Daesh (IS) bezahlt" zu haben, damit diese nicht gegen sie kämpften. Der Vorwurf gleicht dem Ruf "Haltet den Dieb", denn die Türkei war nach Aussagen des früheren katarischen Ministerpräsidenten und Außenministers Scheich Hamad bin Jassim bin Jabbar al Thani selber das Land, durch das - in Absprache mit Saudi-Arabien und den USA - Personal und Waffen für die islamistischen Kampfverbände in Syrien geschleust wurden. Scheich Hamad räumte das jüngst sogar in einem Interview mit dem katarischen Staatsfernsehen ein.

Russland hat sich in dem Chaos des Krieges in Syrien als Ordnungsmacht durchgesetzt. Seit 2015 gibt es durch russische Vermittlung eine militärische Kooperation zwischen Iran, Irak und Syrien. Mit den US-Streitkräften hat Russland vereinbart, wie eine direkte Konfrontation der beiden Atommächte in Syrien vermieden werden kann. Die Türkei wurde - ebenso wie der Iran - durch die Astana-Gespräche in das Konzept der Deeskalationsgebiete in Syrien und in Waffenstillständen eingebunden. Am kommenden Mittwoch wird ein weiteres Syrien-Treffen der Präsidenten Wladimir Putin, Hassan Rohani und Recep Tayyip Erdogan in Sotschi stattfinden.

Dank der russischen Präsenz im Norden Syriens hat die Türkei (bisher) auch keine umfassende Offensive gegen die syrischen Kurden gestartet. Auch in Afrin wird Russland - das dort Militärpolizei stationiert hat - die Türkei vermutlich von einem militärischen Abenteuer abhalten können. Moskau will den Krieg in Syrien beenden und verlangt dazu von allen Seiten Dialog und Verhandlungen. Als Hilfsinstrument dafür wurde das Russische Zentrum für die Versöhnung der verfeindeten Seiten in Syrien in Hmeimim eingerichtet. Seit Anfang 2016 konnte diese Einrichtung als Vermittler mehr als 2.400 lokale Waffenstillstände aushandeln. Den Dialog mit allen Segmenten kurdischer Organisationen hat Russland gehalten und auch Gespräche mit der syrischen Regierung vermittelt. 

Die Kurden im Nordirak

Die Lage der Kurden im Nordirak ist mit jener der Kurden im Norden Syriens nicht vergleichbar. Politik und Gesellschaft sind verschieden. Während in Syrien der Einfluss der PKK sowie der Kurden aus der Türkei und aus Europa sehr groß ist, bestimmen im kurdischen Nordirak die Familienklans Barzani und Talabani das Geschehen. Aus Protest gegen die mit den Klans verbundene Korruption im kurdischen Nordirak war 2009 in Sulaimaniyya die Bewegung Gorran entstanden, die Bewegung für Wandel.

Ihre Gründer waren langjährige und bekannte Peschmergaführer der Patriotischen Partei Kurdistans (PUK). Innerhalb kurzer Zeit wurde Gorran die zweitstärkste Partei im kurdischen Regionalparlament, ihre Vertreter haben die Stimmbürger auch ins irakische Parlament nach Bagdad gewählt. Bei den Regionalwahlen 2013 wurde Gorran zudem stärkste Partei in Sulaimaniyya.  Anders als KDP und PUK ist Gorran eine säkulare Volkspartei, die nicht an Familienstrukturen, sondern an ein fortschrittliches politisches Programm gebunden ist. Der glaubwürdige Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte und der Kampf gegen Korruption haben Gorran stark gemacht. Nach dem Tod ihres charismatischen Führers Nawshirwan Mustapha (Mai 2017) wählte Gorran eine neue Führung. Es bleibt abzuwarten, welche Rolle diese Partei in Zukunft im kurdischen Nordirak spielen wird.

Bis zum Unabhängigkeitsreferendum war die von der KDP (Barzani) geführte Kurdische Regionalregierung (KRG) mit den Nachbarländern Türkei und Iran gut im Geschäft. Deutschland übernahm für die US-geführte Anti-IS-Koalition Ende 2014 die militärische Ausbildung und Ausrüstung der kurdischen Peschmerga im Nordirak. Nach militärischen Auseinandersetzung um Kirkuk Mitte Oktober dieses Jahres hat die Koalition das Training ausgesetzt, aber schon wenige Tage später wieder aufgenommen. Das Auswärtige Amt begrüßte die Entscheidung der KRG, sich im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitsreferendum im September den Anordnungen des Obersten Irakischen Gerichtshofes in Bagdad unterworfen zu haben. Kurdische Peschmerga zogen sich weitgehend aus Kirkuk zurück. Der irakisch-türkische Grenzübergang wird inzwischen gemeinsam von irakischen und kurdischen Truppen kontrolliert.

Russland unterzeichnete im Sommer 2017 mit der KRG ein Abkommen über eine enge Zusammenarbeit im Ölgeschäft. Die russische Firma Rosneft wird demnach im kurdischen Nordirak 1,8 Milliarden US-Dollar in Erschließung, Ausbau und Transport von Öl und Gas investieren. Die von der KRG gebaute Pipeline in den Ölhafen Ceyhan (Türkei) soll eine erweiterte Verbindung zum Schwarzen Meer erhalten. Auch der Iran will in das Öl- und Gasgeschäft in den nordirakischen Kurdengebieten investieren. Nach eigenen Angaben verfügen die kurdischen Autonomiegebiete über eine Reserve von 45 Milliarden Barrel Öl und 5,66 Trillionen Kubikmeter Erdgas.

Archivbild

So sehr sich die kurdischen Parteien im Nordirak von denen im Norden Syriens auch politisch unterscheiden, so sehr stimmt der strategische Vorteil überein, den sie gemeinsam haben: die Kontrolle wichtiger Ressourcen. Im Nordirak sitzen die Kurden auf den zweitgrößten irakischen Öl- und Gasressourcen, sie kontrollieren das Wasser des Tigris, das für die Wasserversorgung und die Landwirtschaft stromabwärts lebensnotwendig ist. Im Norden Syriens sitzen die Kurden auf den syrischen Weizen- und Baumwollfeldern. Sie kontrollieren drei Dämme entlang des Euphrats, der für die Wasserversorgung ganzer Provinzen lebensnotwendig ist. Im Osten Syriens, angetrieben von der US-geführten Anti-IS-Koalition, liefern sich die Kurden (SDF) aktuell einen Wettlauf um die syrischen Öl- und Gasressourcen. Ebenso wenig wie Bagdad die Kontrolle des strategisch wichtigen Nordiraks aufgibt, wird Damaskus den Kurden die Kontrolle über Weizen und Baumwolle, Wasser, Öl und Gas im Norden Syriens überlassen. 

Der Vorsitzende der Industriekammer in Aleppo, Fares Shehabi, machte im Gespräch mit der Autorin in Aleppo deutlich, dass man nicht darauf warten werde, dass die Kurden ihren eigenen Staat ausriefen. In Syrien lebten Kurden über viele kleine Orte verstreut und nicht in einem Gebiet zusammen wie im Nordirak oder auch in der Türkei, so Shehabi. Öl und Gas, 70 Prozent der syrischen Landwirtschaft und 60 Prozent der Wasserressourcen seien heute in den Händen kurdischer Separatisten. Separatismus, egal von welcher ethnischen oder religiösen Gruppe, werde aber nicht akzeptiert. In Rakka, Hasakeh und Deir Ezzor gehe es nicht um Kurden, ist Shehabi überzeugt: "Sie machen sich zum Werkzeug ausländischer Interessen, darum geht es, nicht um die Kurden."

Die Kurden im Norden Syriens

Die Partei der Demokratischen Union (PYD) agiert in Syrien in enger Absprache mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die PYD ist aus der PKK hervorgegangen, die seit Mitte der 1980er Jahre in Syrien politisches Exil genoss und sich unter dem Schutz von Hafez al-Assad politisch und militärisch weiterentwickelt hatte.

Das Projekt der so genannten Demokratischen Föderation Nordsyrien halten PYD und PKK für das Beste, was nicht nur Syrien, sondern den Völkern der Region allgemein geschehen kann. "Zum ersten Mal gibt es freie Gebiete im Mittleren Osten", so die Überschrift eines ausführlichen Interviews, das ANF, die Nachrichtenagentur Firat, mit Riza Altun führte, dem PKK-Gründungsmitglied, der auch Mitglied im Zentralkomitee der Partei sowie Außenpolitischer Sprecher der Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) ist. Ihre Kooperation mit der US-Armee gegen den "Islamischen Staat" verglich Altun mit der Allianz zwischen den USA und der Sowjetunion gegen den Hitlerfaschismus während des Zweiten Weltkrieges. Die Beziehung zwischen den Kurden und den USA sei entstanden, "weil beide Seiten einander brauchen", man habe mit den USA eine "taktische Beziehung" gegen den IS aufgenommen.

Eine Abspaltung oder Unabhängigkeit von Syrien ist demnach nicht gewollt, das Land soll geeint bleiben, politisch aber entsprechend dem Projekt der "Demokratischen Föderation" umgestaltet werden. Die gleichberechtigte Rolle der Frauen und umfassende Selbstbestimmung für die ethnischen und religiösen Gruppen Syriens sind Kernziele.

Die Journalistin Karin Leukefeld im Interview mit RT-Deutsch.

Aus Sicht von PYD und PKK ist das Projekt der Demokratischen Föderation ein Erfolgsmodell. Die Schwächung der syrischer Zentralregierung und deren Kontrollverlust über Teile des Landes nach Kriegsbeginn haben die Kurdenorganisationen genutzt, um ihr eigenes politisches Selbstverwaltungsmodell mit Volks- und Provinzräten zu etablieren. Sie organisieren die Strom- und Wasserversorgung und tragen - trotz Grenzembargos der Türkei und teilweise auch des Nordiraks - zur Versorgung der Bevölkerung bei. Dabei helfen internationale Hilfsorganisationen, die eigene Zugangswege in den Norden Syriens erhalten.

Um sich international Gehör zu verschaffen, haben die Kurdenorganisationen eine Art Regierung gebildet, deren Repräsentanten bereits in europäischen Hauptstädten und Washington empfangen wurden. In einem Gesellschaftsvertrag verpflichtet sich die Regierung auf grundlegende Menschenrechte, sie erhebt Steuern, betreibt Schulen. Eine Wehrpflichtarmee (HXP) hat die Kurdenföderation auch eingeführt.

Weil man regionale und internationale Aufmerksamkeit erfährt, versuchen die führenden syrischen Kurdenorganisationen, die großen Akteure gegeneinander auszuspielen. Das Bündnis mit den USA versorgt sie mit Waffen und einer ausländischen Militärpräsenz, die sie sowohl gegen den IS als auch gegen die syrische Armee als und gegen die Türkei schützt. Kontakte nach Europa nutzen der medialen Aufmerksamkeit, der humanitären Versorgung und dem Wiederaufbau. Das Bündnis mit der syrischen Regierung soll die Tür für zukünftige Verhandlungen offen halten. Das Bündnis mit Russland verspricht den Kurden eine politische Bühne. Moskau setzt sich für die Einbeziehung der syrischen Kurden in den Genfer Verhandlungsprozess ein, in Moskau konnte die PYD auch ein Verbindungsbüro eröffnen. Der russische Schutz ist - ebenso wie der militärische Schutz durch die USA - zudem wichtig, um die Türkei auf Abstand zu halten.

Allerdings sind die Kurden auch in den Gebieten, die aktuell unter ihrer Kontrolle stehen, in der Minderheit. Sie kontrollieren diese, weil sie politisch und militärisch ein Machtvakuum genutzt haben und - aus taktischen Gründen - von den USA und deren Anti-IS-Koalition unterstützt werden. Arabische Stämme und andere Volks- und Religionsgruppen beklagen eine zunehmende "kurdische Dominanz". Maßnahmen wie Grenzkontrollen, das Erteilen von Visa, Zugangsrestriktionen, Wehrpflicht oder Unterricht in kurdischer Sprache stoßen dort auf Ablehnung.

Was wird getan, um mit den arabischen Syrern, der Bevölkerung des Landes, ob Opposition oder regierungstreu, ins Gespräch zu kommen? Kurdische Medien sind landesweit empfangbar, doch eine direkte Zusammenarbeit, Diskussion und Dialog "auf Augenhöhe" mit den Syrern gibt es jenseits der Gebiete unter kurdischer Kontrolle nicht. Die Mobilisierung für die Demokratische Föderation kommt bei der syrischen Bevölkerung - ob Kurden oder nicht - als Mobilisierung für eine kurdische Autonomie an. Im Gespräch mit der einfachen kurdischen Bevölkerung in Damaskus und Aleppo hört man neuerdings eine Einteilung in "Wir" und "Sie", in "Kurden" und "Araber". Die kurdische Bevölkerung übersetzt das, was ihre Führung als "freie Gebiete" bezeichnet, in ihren lange genährten Traum von einem "kurdischen Staat".

Dieser Krieg, das ist unsere Chance! Wir werden die Türkei […] vertreiben und über Aleppo einen Korridor bis zum Mittelmeer sichern. Im Osten werden wir mit den irakischen Kurden zusammenarbeiten, die ihre Unabhängigkeit durchsetzen. Garantiert wird unser Kurdistan von den Amerikanern und von Masud Barsani, unser Präsident wird Abdullah Öcalan sein.

So beschrieb ein kurdischer Arbeiter im Herbst 2017 gegenüber der Autorin in Damaskus, wie er sich seine neue Heimat vorstellt. "Wir werden Öl und Gas haben, Weizen und Wasser und einen Hafen am Mittelmeer!" Und wenn jemand aus Damaskus, ein "Araber", nach Afrin oder Kamischli reisen wolle, "kein Problem", er könne als Kurde für dessen Visum garantieren und dann könne er auch dorthin reisen.

Fazit: Teile und Herrsche oder Dialog

Die Kooperation mit den kurdischen Kräften im Norden Syriens wird auch vonseiten der USA als "taktische Beziehung" gesehen. Washington hat – wie alle NATO-Staaten - die PKK als Terrororganisation gelistet. Aktuell aber nutzen die Kurden den Plänen, den "Iran in Syrien zu erdrosseln, wie es kürzlich die libanesische Tageszeitung Al-Akhbar beschrieben hat.

Das US-Konzept der Nach-IS-Ära sieht einen anhaltenden Krieg im Osten Syriens vor. Dort liegen die Öl- und Gasfelder des Landes, dort verlaufen die strategischen Landrouten, die Teheran, Bagdad, Damaskus und Beirut miteinander verbinden. Dort will man die syrischen Truppen mit ihren Verbündeten weiter in einen Abnutzungskrieg verwickeln, der Syrien und dessen Verbündete binden und schwächen soll.

Die Kooperation mit erklärten Gegnern der syrischen Regierung, wie den kurdischen Organisationen, ist ein elementarer Baustein für die "Nach-IS-Ära". Was die USA militärisch nicht durchsetzen können - den Sturz der syrischen Regierung und von Präsident Baschar al-Assad - wollen sie mithilfe einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spaltung Syriens erreichen. Ob die Kurden wollen oder nicht, sie sollen zu diesem Plan beitragen.

Das "Große Spiel", das sich aktuell um die Kontrolle des Mittleren Ostens zwischen verschiedenen internationalen und regionalen Akteuren abspielt, könnte jedoch - wie schon so oft in der Geschichte - die Kurden letztlich ihrem Schicksal überlassen. Noch werden sie gebraucht, doch wo die Ära des selbst ernannten "Islamischen Staates im Irak und in der Levante" ihrem Ende zugeht, müssen die Kurden ihre Kräfte neu einschätzen und sich neue, zuverlässige Bündnispartner suchen.

Deutsche Botschaft in Ankara, Türkei, 17. Juni 2005.

Die angestrebte Unabhängigkeit im Nordirak ist gescheitert. Die Türkei droht und auch wenn der amtierende US-Präsident Donald Trump - wie auch US-Verteidigungsminister James Mattis - davon überzeugt ist, dass nur eine weitere Militärpräsenz in Syrien US-amerikanischen Einfluss in der Region und auf die politische Gestaltung Syriens sichern kann, sind auch aus Washington andere Töne zu hören.

Der frühere Botschafter in Syrien, Robert Ford, rät der US-Regierung, sich möglichst nicht weiter in kostspieligen militärischen Operationen in Syrien zu engagieren. "Wenn die syrische Regierung und kurdische Kräfte zwangsläufig um die kurdische Selbstverwaltung in Rojava kämpfen, oder wenn die syrische Regierung SDF-Kräfte im Osten von Deir Ez-Zor angreifen, könnten die USA versucht sein, alten Verbündeten zu helfen. Das wäre ein Fehler", so Ford. Weder Jordanien noch die nordirakischen Kurden oder die Regierung in Bagdad würden den syrischen Kurden oder den SDF-Kämpfern zu Hilfe eilen. Die Türkei würde sich freuen und vermutlich US-Hilfe, die über die Türkei zu den Kurden gelangen sollte, blockieren. Der Iran würde die syrische Armee unterstützen und auch Russland würde sich zurückhalten. "Außerdem gibt es in den USA keinen politischen Willen, für syrische Kurden oder arabische Stammeskrieger im Osten Syriens in den Krieg zu ziehen", so Robert Ford.

Kurden könnten am Ende einmal mehr alleine dastehen

Die Kurden in Syrien sind zerstritten. Die Partei der demokratischen Union (PYD) gibt als militärischer Partner der US-geführten Anti-IS-Allianz aktuell die militärische Linie vor, politisch und sozial ist sie mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), deren Präsenz in Syrien ein offenes Geheimnis ist, die am besten organisierte Gruppe. Die Kurdische Demokratische Partei Syriens (KDP), die eng mit ihrer Schwesterpartei im Nordirak verbunden ist, hat durch die Niederlage von Masud Barzani in Sachen Unabhängigkeit an Einfluss eingebüßt. Der Kurdische Nationalkongress (KNC oder EKNS) arbeitet eng mit der syrischen oppositionellen Nationalen Koalition (Etilaf) mit Sitz in Istanbul zusammen. Das Gremium gilt als scharfer Gegner von PYD und PKK und wirft diesen vor, mit der syrischen Regierung zu kooperieren. Vor Ort in Syrien hat der KNC jedoch wenig Einfluss.

Infolge russischer Vermittlung gab es seit 2016 immer wieder Gespräche zwischen der PYD und der syrischen Regierung. PKK-Gründer Riza Altun sagt, "das syrische Regime und die so genannte syrische Opposition haben alles in ihrer Macht Stehende getan, um den (kurdischen) Widerstand zu unterdrücken". Für ihn stehe fest, dass  "ISIS, Al-Nusra, Ahrar Al-Sham die kurdischen Gebiete mit Unterstützung des Assad-Regimes angegriffen" hätten und dass "Türkei, Iran, Syrien und andere […] die Salafisten unterstützten, als sie die Kurden in Syrien angriffen".

US-Soldaten auf einer Patrouille in der Provinz Aleppo. Gemäß internationalem Recht ist die Präsenz des US-Militärs in Syrien illegal.

Doch Altun dürfte wissen, dass die Realität 2011/2012 noch anders aussah. Die syrische Armee verteilte damals Waffen und Munition an die Kurden, damit diese sich - und damit auch Syrien - verteidigen konnten. Man machte klar, dass Damaskus mit den Kurden keinen Krieg wollte. Präsident Baschar al-Assad lud kurdische Organisationen wiederholt zu Gesprächen ein und bot staatenlosen Kurden syrische Pässe an, was diese schon lange gefordert hatten. Fährt man heute durch die Randgebiete von Aleppo, sieht man kurdische, syrische und/oder russische Fahnen friedlich am gleichen Mast im Wind wehen.

"Sie wissen, dass sie keinen besseren und zuverlässigeren Partner finden können als die syrische Regierung", heißt es bei Gesprächen mit Spitzenbeamten in Aleppo. Im Rahmen des Gesetzes über die lokale Regierung bietet Damaskus im Gesetz 107 Selbstverwaltung an, bislang lehnen kurdische Vertreter dies als nicht weitgehend genug ab. Die Führung der syrischen Kurden beharrt auf dem Projekt der "Demokratischen Föderation", ihre Verhandlungsmasse sind wichtige syrische Ressourcen. Möglicherweise gibt es hinter verschlossenen Türen weitergehende Gespräche. Zwei Mal wurde im Oktober 2017 berichtet, dass es Treffen zwischen Russland, Syrien und der PKK-Führung gegeben haben soll. Offiziell bestätigt wurden diese Treffen nicht.

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