Nach israelischem Angriff auf angeblichen Atomreaktor in Syrien: Atomenergiebehörde fälschte Beweise

Nach israelischem Angriff auf angeblichen Atomreaktor in Syrien: Atomenergiebehörde fälschte Beweise
Im September 2007 griff die israelische Luftwaffe eine mutmaßliche Atomanlage in Syrien an. (Symbolbild)
Vor zehn Jahren bombardierte Israel einen angeblichen Atomreaktor in Syrien, der von Nordkorea errichtet worden sein soll. Die USA sowie die Internationale Atomenergie-Organisation lieferten anschließend die vermeintlichen Beweise für diese Behauptung. Doch aktuelle Recherchen zeigen ein anderes Bild.

Im September 2007 bombardierte die israelische Luftwaffe in der „Operation Orchard“ eine Anlage im Osten Syriens, bei der es sich nach Angaben Tel Avivs um einen Nuklearreaktor gehandelt haben soll. Der sogenannte al-Kibar-Reaktor sei demnach baugleich mit einer kerntechnischen Anlage im nordkoreanischen Nyŏngbyŏn gewesen und habe kurz vor seiner Fertigstellung gestanden.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu.

Ein halbes Jahr später legte die US-Regierung unter Präsident George W. Bush der Öffentlichkeit angebliche Beweise vor, die die israelische Version stützten. Darunter ein 11-minütiges Video, das die CIA produziert hatte. Laut Washington habe Nordkorea geheime Nuklearaktivitäten in Syrien unterstützt. Ihr Ziel war es, Plutonium zu erzeugen.

Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) kam in einem im Februar 2009 veröffentlichen Bericht zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie berief sich dabei auf Bodenproben, die im Juni 2008 bei einer Inspektion der Anlage eingesammelt worden waren. Diese enthielten „menschengemachtes“ Uran, das mit „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ nicht von eingesetzten israelischen Raketen stamme, wie die syrische Regierung es behauptete.

Wie eine aktuelle Recherche des renommierten Investigativ-Journalisten und Historikers Gareth Porter aufzeigt, muss dieses von den Massenmedien unkritisch kolportierte Bild jedoch korrigiert werden. Porter beruft sich dabei unter anderem auf Mitarbeiter der IAEO, die an der Untersuchung beteiligt waren.

Der sogenannte al-Kibar-Reaktor in einer von der CIA veröffentlichten undatierten Aufnahme.

Eine zentrale Rolle spielen dabei die Aussagen von Yousry Abushady. Der Ägypter war zum damaligen Zeitpunkt für die Inspektionen sämtlicher Atomanlagen in der Region verantwortlich. Zwischen 1999 und 2003 leitete er das IAEO-Safeguards Department (Abteilung zur Überwachung von Nuklearmaterial), das für Nordkorea zuständig war.

Über ein dutzend Mal reiste er in das asiatische Land, um dort Atomanlagen zu inspizieren. Darunter auch die Anlage in Nyŏngbyŏn, bei der es sich um einen gasgekühlten Reaktor handelt. Diese nutzen Graphit als Neutronen-Moderator und werden daher auch als „gas-cooled graphite-moderated“-Reaktoren bezeichnet.

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Führender IAEO-Experte dementiert CIA-Beweise

Abushady war innerhalb der Atomenergiebehörde der führende Experte für solche Reaktortypen. Als er das CIA-Beweisvideo zum ersten Mal sah, kamen ihm bereits Zweifel auf. Die Anlage in Syrien war seiner Analyse zufolge zu klein, um einen Reaktor zu beherbergen, zudem fehlten jegliche Stützkonstruktionen wie im Fall des nordkoreanischen Reaktors. Noch entscheidender war jedoch das Fehlen eines Kühlturms. „Wie kann man in einer Wüste einen gas-gekühlten Reaktor ohne Kühlturm betreiben?“, lautete seine rhetorische Frage. 

In der US-Regierung gab es in den 1960er Jahren Pläne, sowjetische Kampflugzeugen wie die MiG-17 für Angriffe unter falscher Flagge zu missbrauchen.

Dass die gesammelten Bodenproben keinerlei nukleares Graphit enthielten, war für den Ägypter der endgültige Beweis, dass die Darstellung der Israelis und der Amerikaner nicht stimmen konnte. Das sieht auch der erfahrene Atomwissenschaftler Behrad Nakhai so. Laut ihm hätte das Material tonnenweise präsent sein müssen.

Du hättest Hunderte von Tonnen nuklearen Graphits über der ganzen Anlage verteilt, und es wäre unmöglich gewesen, sie zu säubern.

Zuständiger IAEO-Direktor kehrt Widersprüche unter den Teppich

Abushady fasste seine technische Analyse in einem Memo zusammen, das er an Olli Heinonen sandte. Der stellvertretende Generaldirektor des Safeguard-Apartments der Atomenergiebehörde war für die Untersuchung in Syrien zuständig. Doch der Finne unterdrückte die kritischen Einwände seiner Mitarbeiter. Zudem wird ihm vorgeworfen, Beweismaterial manipuliert zu haben. 

Noch im September 2008 und damit Monate vor der Veröffentlichung des IAEO-Berichts erklärte der damalige Generaldirektor der Organisation, Mohammed el-Baradei, dass die Bodenproben „keinerlei Hinweise auf irgendein nukleares Material“ enthielten. Doch das Beweismaterial wurde daraufhin an ein weiteres Labor geschickt. Bei der neuen Untersuchung wurde dann in einer der Proben Spuren von Uran entdeckt. Dieses positive Testresultat diente als Beweis, es habe sich tatsächlich um eine Nuklearanlage gehandelt.

Die Probe stammte jedoch aus einer Toilette eines Nebengebäudes. Dabei hätte uranhaltiges Material in der Anlage selbst und nach dem Luftangriff auch in dem umgebenden Außengelände gefunden werden müssen. Doch alle entsprechenden Proben waren negativ.

Beweisführung nach Art der CIA.

Heinonen sorgte jedoch dafür, dass solche Widersprüche zu den offiziellen Schlussfolgerungen der IAEO in deren Berichten keinen Widerhall fanden. Nachdem er die Atomenergiebehörde im August 2010 verlassen hatte, übernahm der Finne eine Stelle beim Belfer Center for Science and International Affairs der Harvard-Universität. In Folge torpedierte er mit Falschbehauptungen das Atomabkommen mit dem Iran, wobei seine Positionen kaum von denen der israelischen Regierung unterscheidbar sind.

Inzwischen engagiert er sich für die Foundation for the Defense of Democracies (FDD). Die US-Denkfabrik sorgte jüngst mit der Verbreitung anti-iranischer Fake News für Schlagzeilen. Sie behauptet, das persische Land stecke mit seinem Erzfeind Al-Kaida unter einer Decke.

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Zwei Fliegen mit einer Klappe

In seiner Recherche beleuchtet Gareth Porter auch die politischen Hintergründe, die dazu geführt haben, dass die Amerikaner den völkerrechtswidrigen Angriff der Israelis auf Syrien mit ihren angeblichen Beweismitteln öffentlichkeitswirksam legitimierten.

US-Außenminister Colin Powell präsentiert am 5.2.2003 vor dem Weltsicherheitsrat in New York ein Röhrchen mit weißem Pulver, das angeblich Antrax-Erreger enthält.

Eine treibende Rolle spielte dabei der Vizepräsident Dick Cheney. Wie sich der damalige Verteidigungsminister Robert Gates in seinen Memoiren erinnert, habe Cheney nach einer Gelegenheit gesucht, um einen Krieg mit dem mit Damaskus verbündeten Iran zu provozieren. Der Vize wollte auch dem ursprünglichen Wunsch der Israelis nachgeben, die die USA aufgefordert hatten, den „al-Kibar-Reaktor“ selbst zu bombardieren. Darüber hinaus plädierte Cheney für US-Luftangriffe auf Waffendepots der Hisbollah in Syrien.

Der Hardliner wollte im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Atomreaktor aber nicht nur die Feinde Israels in der Region – Syrien, Iran und die Hisbollah – treffen, sondern sozusagen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Hintergrund war ein Disput innerhalb der Bush-Regierung zum Umgang mit Nordkoreas Atomprogramm. Außenministerin Condoleezza Rice war der Überzeugung, dass Fortschritte in dieser Frage nur auf dem Verhandlungsweg zu erreichen seien.

Dem widersetzten sich jedoch Cheney sowie andere Mitglieder der Bush-Regierung. Auch der damalige CIA-Chef Michael Hayden vertrat in der Nordkorea-Frage die Position des Vizepräsidenten und brachte seinen Geheimdienst entsprechend auf Linie.

Hayden sagte später, die Entscheidung, das CIA-„Beweisvideo“ zu veröffentlichen, sei erfolgt „um zu vermeiden, dass der Kongress einem Nuklearabkommen mit Nordkorea zustimmt“. Mit dem Angriff der Israelis auf den vermeintlichen Atomreaktor – bei dem es sich laut Porters Recherchen wahrscheinlich um einen nicht fertig errichtenden Raketensilo handelte – und der dabei gezogenen Verbindung zu Nordkorea wurde der Machtkampf innerhalb der Bush-Regierung zugunsten Cheneys und gegen Rice entschieden. 

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