Nach Fake-Foto-Blamage: Moskau hält am Vorwurf der Kooperation der USA mit dem IS fest

Nach Fake-Foto-Blamage: Moskau hält am Vorwurf der Kooperation der USA mit dem IS fest
IS-Kämpfer während einer Parade in Rakka. Hunderte von ihnen konnten unbehelligt vom US-Militär aus der syrischen Stadt abziehen.
Das russische Verteidigungsministerium blamierte sich am Dienstag mit der Veröffentlichung eines Fotos, das die Unterstützung der USA für den "Islamischen Staat" belegen soll. Doch es stammt aus einem Computerspiel. Moskau gestand den Fehler ein, aber beharrte auf seiner Aussage - aus gutem Grund.

Es war ein handfester Fauxpas, den sich das russische Verteidigungsministerium am Dienstag leistete. In einem Tweet veröffentlichte es einen angeblich „unwiderlegbaren Beweis“ für eine Kooperation der USA mit dem „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien. Die beigefügten Fotos zeigen demnach, wie Kämpfer der Terrormiliz unter dem Schutz des US-Militärs aus der an der Grenze zum Irak gelegenen Stadt Abu Kamal abziehen konnten.

Stunden später jedoch löschte das Ministerium seine vorgeblichen Beweisfotos. Der Grund: Aufmerksamen Twitter-Nutzern kamen die Bilder bekannt vor. Wie sich tatsächlich herausstellen sollte, handelte es sich bei dreien der Fotos um ältere Aufnahmen aus dem Irak und aus Libyen. Das vierte Foto taugte noch weniger als Beweismaterial, stammt es doch aus einem Trailer zu einem Videospiel.

Screenshot des Original-Tweets des russischen Verteidigungsministeriums. Das rechte Bild aus der Mitte stammt aus einem Videospie "AC-130 Gunship Simulator".

Natürlich sorgte dieses PR-Eigentor international für Schlagzeilen. Und wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Das Adjektiv „peinlich“ erfuhr in diesem Zusammenhang eine Hochkonjunktur. Von einem „peinlichen Fehler“ schrieb Die Welt, von einer „peinlichen Fälschung“ die Huffington Post, währen die taz ihren Artikel dazu gleich mit den Worten „peinlich, peinlich“ einleitete.

Symbolbild: IS-Konvoi in Rakka im Juni 2014

Ein externer Mitarbeiter habe diesen „Fehler“ begangen, so die anschließende schmallippige Erklärung des russischen Ministeriums zu den selbst verbreiteten Fake-Fotos. Die taz höhnte daraufhin: 

Womöglich bewahrt der externe Mitarbeiter ja Beweismittel in der gleichen Schublade auf, wie Screenshots von seinen Lieblingscomputerspielen. Da kommt man schon mal durcheinander. Vielleicht postet das Ministerium ja künftig auch Bilder aus dem gewalttätigen Computerspiel Grand Theft Auto, um auf die zunehmende Kriminalität in US-amerikanischen Großstädten hinzuweisen."

Dabei kann es sich kaum lediglich um eine Verwechslung gehandelt haben. Denn der Verantwortliche hat nicht einfach nur einen Screenshot aus einem Computerspiel übernommen, sondern einen Ausschnitt daraus – wohl in der Absicht, Hinweise auf das Original unkenntlich zu machen. Allerdings leistete er dabei keine saubere Arbeit, denn – peinlicherweise – war in dem vom Ministerium veröffentlichten Bild am oberen rechten Rand noch ein Teil des Disclaimers zu sehen, den der Teaser enthielt.

Der ehemalige Kreml-Berater Wladimir Frolow machte gegenüber dem britischen Independent einen „Mangel an Aufsicht“ innerhalb des russischen Verteidigungsministeriums für den Fauxpas verantwortlich. Laut ihm hätte es so etwas zu Sowjetzeiten nicht gegeben. Mit bissigem Sarkasmus merkte er an:

Russland steht nur einer einzigen großen militärischen Bedrohung gegenüber - und das ist sein verrückter Pressedienst."

USA: Anschuldigungen Moskaus sind absurd und lächerlich

Trotz des eingestandenen „Fehlers“ ruderte das russische Verteidigungsministerium hinsichtlich seiner Aussage jedoch nicht zurück. Es ersetzte die Fotos durch vier neue Aufnahmen, deren Authentizität bislang nicht angezweifelt wurden, und blieb bei seinen Anschuldigungen, das US-Militär habe am 9. November den Abzug der IS-Kämpfer aus Abu Kamal gedeckt.

Mit diesen „lächerlichen Anschuldigungen“, für die Moskau „Bilder aus Videospielen und alte Fotos von Militäreinsätzen in anderen Ländern“ verwendet habe, würden sich die USA nicht beschäftigen, konterte die US-Botschaft in Russland auf Twitter. „Wir müssen uns darauf konzentrieren, unseren gemeinsamen Feind zu zerstören“, heißt es in dem Tweet.

Das US-Außenministerium nannte die Behauptung „absurd“. „Es ist für Moskau an der Zeit, die Propaganda und Desinformation zu unterlassen und sich auf die Zerstörung unseres gemeinsamen Feindes zu konzentrieren“, sagte die Sprecherin des Ministeriums, Heather Nauert, gegenüber dem Independent.

Blick auf die syrische Seite Golan-Höhen

BBC enthüllt: USA ließen IS-Kämpfer abziehen

Dabei hätte sie allen Grund, sich in dieser Hinsicht in Zurückhaltung zu üben. Denn wie die Hufftington Post zurecht bemerkte, gibt es im Zusammenhang mit den falschen Fotos einen Punkt, der für Russland „noch unangenehmer“ ist:

Am Dienstag [es war am Montag, Anm. d. R.] wurde tatsächlich bekannt, dass die US-Regierung dem IS in Syrien Hilfestellung geleistet hat. Aufgedeckt hat das allerdings der britische Sender BBC."

Über die Recherche der Sendeanstalt hatte RT Deutsch am Dienstag berichtet. Das US-Militär hat inzwischen eingestanden, dass es hunderte Terroristen in einem kilometerlangen Konvoi aus der einstigen „Hauptstadt“ des vom IS ausgerufenen Kalifats abziehen ließ. Unter den insgesamt rund 4.000 evakuierten IS-Mitgliedern - einschließlich Familienangehöriger - sollen sich auch Führungsköpfe der Terrormiliz und ausländische Kämpfer befunden haben. Den Terroristen wurde gar gestattet, mitsamt Waffen und Munition abzurücken.

Mehr zum Thema: Der US-Kampf gegen den Islamischen Staat - alles nur Simulation?

Nach Darstellung des US-Militärs ging dem Abzug eine Vereinbarung zwischen den von Washington unterstützten „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF), die die Stadt im Oktober eingenommen hatten, und dem IS voraus. Die USA seien aber in die Verhandlungen nicht eingebunden gewesen, hätten die Vereinbarung jedoch mitgetragen – um die Verluste unter den SDF-Kämpfern zu minimieren.

Laut der BBC-Recherche befinden sich aus Rakka entkommene ausländische IS-Kämpfer auf dem Weg in ihre europäischen Heimatländer, um sich einer „neuen Mission“ zu widmen. Noch im Mai hatte US-Verteidigungsminister James Mattis die neue strategische Vorgabe von Präsident Donald Trump im Kampf gegen die IS-Terroristen folgendermaßen zusammengefasst:

Wie nehmen uns jetzt die Zeit, sie zu umzingeln. Wir führen eine Vernichtungskampagne durch, damit ausländische Kämpfer nicht entkommen können."

Syrien, Chan Scheichun, 4. April 2017: Ein Mann trägt ein Kind in seinen Armen, das Opfer des Giftgaseinsatzes wurde.

US-Militär misst mit zweierlei Maß

Als die Hisbollah im August einen Abzugsdeal mit 300 IS-Kämpfern mitsamt Angehörigen aus dem Kalamun-Gebirge in der Grenzregion zum Libanon vereinbarte, spuckten US-Vertreter noch Gift und Galle: „Die gegen den IS ausgesprochenen Worte Russlands und des syrischen Regimes klingen hohl, wenn sie mit Terroristen einen Handel eingehen und es diesen erlauben, das eigene Gebiet zu passieren“, hieß es in einer Stellungnahme der von den USA geführten Anti-II-Koalition.

Vergeblich hatte das US-Militär versucht, den Abzug des Konvois durch Luftangriffe zu verhindern. Dabei gab es damals einen gewaltigen Unterschied zu dem Abzug der IS-Kämpfer aus Rakka: Sie wurden zuvor entwaffnet und anschließend in die Provinz Deir Ez-Zor gebracht, wo sie fortan weiter gegen die syrische Armee kämpften. Diese hatte aus militärtaktischen Erwägungen dem Abzug zugestimmt, um dadurch eine Begradigung beziehungsweise Verkürzung der Front zu erreichen.

USA kanalisieren Bewegung der IS-Terroristen: Praxis mit Tradition

Im Unterschied dazu hat das US-Militär bei zahlreichen Gelegenheiten IS-Kämpfer abziehen lassen, und zwar nicht aus Rücksicht auf die Verluste seiner Stellvertreterkräfte, sondern um die Terroristen an Frontabschnitte umzulenken, wo sie dann den Kampf gegen die syrische Armee fortsetzen können. Das auf US-Außenpolitik spezialisierte Blog Moon of Alabama führte in diesem Zusammenhang einige Beispiele an: 

Sowohl US-Präsident Obama als auch sein damaliger Außenminister John Kerry hatten erklärt, dass sie absichtlich den IS wachsen ließen, um den irakischen Premierminister Maliki und den syrischen Präsidenten Assad aus dem Amt zu befördern. Die USA ließen den IS aus Falludschah entkommen und protestierten, als die irakische Regierung den Konvoi der flüchtenden Terroristen bombardierte. Bei der Offensive auf Mossul hielt das US-Militär einen Korridor für die IS-Kämpfer Richtung Syrien offen. Als die von den USA unterstützten Kurden die Stadt Rakka angriffen, wurde der Frontabschnitt Richtung Palmyra für den IS offengehalten – Russland protestierte. Jüngst flüchteten 1.800 der 2.000 IS-Kämpfer aus dem irakischen Tal Afar nach Syrien, bevor die irakische Armee die Stadt stürmte. Aus diesem Grund dauerte die Eroberung der Stadt nur zehn Tage. Die Aktionen der USA zielten darauf ab, dem IS die Eroberung der Stadt Deir Ez-Zor zu ermöglichen.

Mehr zum Thema: Tal Afar: Ließ irakische Armee den IS nach Syrien abziehen?

Sprecher der Bundesregierung wollten sich am Mittwoch auf Nachfrage von RT Deutsch nicht zu den Enthüllungen der BBC äußern. Diese sei an ihnen vorbeigegangen. 

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