"Säuberung" in Saudi-Arabien: Kronprinz soll prominente Rivalen um die Thronfolge foltern lassen

"Säuberung" in Saudi-Arabien: Kronprinz soll prominente Rivalen um die Thronfolge foltern lassen
Die unter dem Banner der Korruptionsbekämpfung losgetretene Säuberungskampagne des Kronprinzen Mohammed bin Salman soll umfangreicher und brutaler verlaufen, als bisher bekannt ist. Dies berichtet ein Nachrichtenportal unter Berufung auf Quellen vor Ort.

Die Säuberungen im saudi-arabischen Machtapparat, die Kronprinz Mohammed bin Salman Medienberichten zufolge vor einer Woche in Angriff genommen hat, sollen noch wesentlich weiter reichen, als bislang bekannt ist.

Der Herausgeber des Nachrichtenportals Middle East Eye, das der radikal-islamischen Muslimbruderschaft nahesteht, berichtet, dass die so genannte Anti-Korruptions-Kampagne bin Salmans nicht, wie bisher verbreitet, etwa 30 Festnahmen von Ministern, Prinzen und Oligarchen zur Folge hatte. Vielmehr sollen mehr als 500 Personen aus der saudischen Führungsschicht betroffen sein.

Saudischer König entlässt Minister und Prinzen (Symbolbild)

Bei bloßen Entlassungen und Festnahmen sei es, so berichtet Middle East Eye unter Berufung auf zu deren eigenem Schutz anonyme, aber "verlässliche" Quellen, nicht geblieben. Vielmehr seien einige der prominenten Inhaftierten aus der Saudi-Elite sogar geschlagen und gefoltert worden, manche so schwer, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.

Die Folter, die klassische Methoden beinhaltet, aber die Gesichter der Betroffenen verschont haben soll, sei nicht bei allen Verhafteten angewandt worden, vorwiegend aber dort, wo die saudischen Behörden die Herausgabe von Details über Bankkonten erzwingen wollten.

In Riad geht die Panik um

Die Nachrichtenplattform berichtet, dass die nunmehrige Säuberungskampagne unter dem Banner der Korruptionsbekämpfung, der eine Reihe von Verhaftungen von muslimischen Geistlichen, Autoren, Ökonomen und Personen des öffentlichen Lebens vorausgegangen war, eine klare Stoßrichtung erkennen lässt. Sie richtet sich vorwiegend gegen Personen, die in enger Verbindung zum 2015 verstorbenen König Abdullah standen. In Riad soll laut der Kampagne Panik herrschen.

Die vorherrschende Einschätzung unter den Menschen in Saudi-Arabien sei, dass bin Salman alle potenziellen Rivalen innerhalb und außerhalb des Hauses Saud ausschalten möchte, ehe er seinen 81 Jahre alten Vater Salman bin Abdulaziz beerbt.   

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Am Mittwochabend sollen sieben Prinzen aus dem Ritz-Carlton-Hotel in Riad, wo zahlreiche Betroffene der Kampagne festgehalten werden, aus diesem entlassen und in den Königspalast gebracht worden sein.

Donald Trump sprach der Führung in Riad auf Twitter sein Vertrauen aus und erklärte, König Salman und sein Kronprinz würden "genau wissen, was sie tun". Einige der nunmehr harscher Behandlung Unterworfenen hätten ihr Land jahrelang "gemolken".

Auch Bush-Vertrauter unter den Inhaftierten

Die Regierung in Riad ließ mittlerweile alle Vermögenswerte des nach wie vor unter Arrest stehenden Cousins des Prinzen, Mohammed bin Nayef, einfrieren, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Auch mehrere Söhne des früheren Kronprinzen Sultan bin Abdulaziz hat das gleiche Schicksal ereilt. Der Prominenteste unter ihnen ist der frühere saudische Botschafter in Washington und langjährige Vertraute des US-Altpräsidenten George W. Bush, Prinz Bandar bin Sultan.

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Letztgenannter soll sich unter anderem im Zusammenhang mit dem so genannten Al-Yamamah-Waffendeal der Korruption schuldig gemacht haben. Er soll 1990 ein gesamtes Dorf in England und eine Sportanlage aus der Rückgewähr im Zusammenhang mit Verträgen über den Ankauf von Kampffliegern im Wert von 56,5 Milliarden US-Dollar erworben haben. Bandar war bereits in den 2000er Jahren in den USA und Großbritannien im Visier von Korruptionsermittlern. So seien etwa 30 Millionen US-Dollar ohne erkennbare Bewandtnis auf Bandars Konto bei der Washingtoner Riggs-Bank eingegangen. Im Jahr 2006 stellten die Strafverfolgungsbehörden jedoch infolge einer Intervention des damaligen britischen Premierministers Tony Blair die Ermittlungen ein.  

Größter innenpolitischer Bruch seit 1964

Die Zahl der eingefrorenen Bankkonten in Saudi-Arabien übersteigt mittlerweile bei weitem jene der Verhafteten, schreibt Middle East Eye weiter. Da niemand mit einem so breit angelegten Coup gegen langjährige führende Persönlichkeiten des saudischen Staatswesens gerechnet zu haben scheint, sei den hochrangigen Angeklagten keine Zeit mehr zu fliehen geblieben, einige seien auf frischer Tat ertappt worden.

Eine so tiefe Erschütterung des Machtgefüges hat es Experten zufolge in Saudi-Arabien seit dem Putsch von Prinz Faisal gegen König Saud im Jahr 1964 nicht mehr gegeben. Und damals war dieser mit allen Ehren entlassen worden. Heute sind jedoch mit den Söhnen der Könige Fahd und Abdullah und der Prinzen Sultan und Nayef zentrale Figuren der führenden Familien von 40 Jahren ins Visier der Justiz geraten.  

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Middle East Eye warnt nun vor möglichen Konsequenzen eines so radikalen Umbaus innerhalb der Machteliten. Die eigenen Cousins, führende Klans, so prominente Familien und Großunternehmer wie Baulöwe Bakr bin Laden oder Adel Fakeih unter Beschuss zu nehmen, öffentliche Demütigung inklusive, werde in der Kultur der Beduinen nicht vergeben und nicht vergessen.

Dass gar von bin Salman selbst bestellte Minister ins Visier der Säuberung geraten sind, lässt zudem eine Vielzahl derzeitiger Günstlinge des Kronprinzen überlegen, ob und wann vielleicht sie selbst die nächsten Betroffenen sein könnten. Es bleibt abzuwarten, ob es nun nicht zu Ränkespielen oder gar Komplotten der Ausgestoßenen gegen bin Salman kommen wird. Dieser, so kommentiert ein Analyst, den Middle East Eye zitiert, richtet seine Waffen auf die traditionellen Säulen des saudischen Staates. Offenbar rechnet er damit, dass seine innerstaatlichen Feinde vom Gefängnis aus nicht in der Lage sein würden, ihm gefährlich zu werden.

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Hat bin Salman mehr abgebissen, als er kauen kann?

Damit könnte er zu hoch pokern, meint ein Analyst, den Middle East Eye zitiert. Das Chaos, das die Golfmonarchie zuvor in anderen Ländern wie dem Irak, Syrien oder dem Jemen gesät habe, wäre nun nach Saudi-Arabien zurückgekehrt, und niemand könne vorhersehen, wie das enden werde. Der Kronprinz habe in dieser Situation eine denkbar riskante Entscheidung getroffen, meint der Gewährsmann:

Die Stabilität des Königsreiches ruhte auf drei Säulen: der Einheit der Familie al-Saud, dem islamischen Charakter des Staates und der erfolgreichen heimischen Businessgemeinde. Indem nun alle drei davon getroffen wurden, ist das Risiko, dass das Königreich im Wüstensand versinkt, sehr groß."