Alles für den Regime Change: Wie US-Denkfabriken dem Iran eine Al-Kaida-Verbindung unterschieben

Alles für den Regime Change: Wie US-Denkfabriken dem Iran eine Al-Kaida-Verbindung unterschieben
Symbolbild: Ein Besucher posiert vor einer Wachsfigur des ehemaligen Al-Kaida Führers Ossama Bin Laden in Bukarest, Rumänien.
Die US-Denkfabrik FDD macht derzeit Furore mit veröffentlichten Dokumenten, die angeblich aus dem Pakistan-Versteck von Osama bin Laden stammen, und eine Verbindung der Terrororganisation Al-Kaida zum Iran belegen sollen. Doch selbst CIA-Veteranen halten diese für gefälscht.

von Ali Özkök

Am 1. November veröffentlichte der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA fast 470.000 Akten, die angeblich aus der digitalen Bibliothek des internationalen Topterroristen Osama bin Laden stammen sollen. Die US-Spezialeinheit Seal Team Six soll die Dokumente aus dem al-Kaida-Versteck im pakistanischen Abbottabad mitgenommen haben, als sie den al-Kaida-Führer tötete.

Zahlreiche Mainstream-Medien stürzten sich auf vermutliche Verbindungen zwischen dem Iran und al-Kaida. Sie beriefen sich allesamt auf einen Bericht des Analyseportals „Long War Journal“. Das Portal ist das Onlinemagazin der US-amerikanischen Denkfabrik „Foundation for the Defense of Democracries“, kurz FDD.

Die bin-Laden-Dokumente sollen beweisen, wie Iran „saudischen Brüdern“ innerhalb des salafistischen al-Kaida-Netzwerks „alles angeboten hat, was sie benötigen“. Das schließt finanzielle Unterstützung, Waffen und Kampfausbildung in Lagern der schiitischen Hisbollah im Libanon ein. Im Gegenzug soll der Iran mit Hilfe der wiederum sunnitischen Dschihadisten die Möglichkeit bekommen haben, US-Interessen in Saudi-Arabien und am Persischen Golf zu unterlaufen.

Die Autoren des „Long War Journal“-Artikels Thomas Joscelyn und Bill Roggio mussten im Bericht allerdings einräumen, dass „es Jahre dauern wird, bis Experten und Forscher diese Schatzkiste an Informationen durchkämmen“ können. Bemerkenswert ist, dass die FDD-Analysten ihren Bericht besonders schnell und fast zeitgleich mit der CIA-Veröffentlichung publizierten.

Die zwei Analysten verteidigten ihre auffällig schnellen Schlüsse, dass der schiitische Iran die salafistische al-Kaida, die im Syrien-Konflikt pro-iranische Schiiten-Milizen und die syrische Regierung bekämpft, unterstützt hat, mit der Begründung, der CIA hätte „Long War Journal“ eine „Vorabkopie vieler Akten“ zur Verfügung gestellt.

Regimewechsel ein Standbein der Washingtoner Denkfabrik

Die „Foundation for the Defense of Democracies“, zu Deutsch Stiftung zur Verteidigung der Demokratien, gilt als neokonservatives Institut. Es lehnte 2015 das Nuklearabkommen der Obama-Regierung mit Teheran vehement ab. Die Denkfabrik setzt sich im Gegenteil unverblümt für einen sogenannten „Regimewechsel“ im Iran ein, der den Sturz der islamischen Regierung in Teheran vorsieht.

Seymour_Hersh - Quelle: Institute for Policy Studies - CC BY 2.0

Das Institut unterhält enge Beziehungen zu zahlreichen Schlüsselpersönlichkeiten in der neuen Regierung unter US-Präsident Donald Trump. So besuchten der hochrangige US-Berater für Staatssicherheit Herbert Raymond McMaster und CIA-Direktor Mike Pompeo am 19. Oktober als Exklusivgäste eine FDD-Veranstaltung. McMaster begann seine Rede mit den Worten:

Ich liebe FDD."

CIA-Direktor Mike Pompeo wurde von Juan Zarate, dem Vorsitzenden der FDD, eine „heroische Begrüßung“ gegeben. Zarate kommentierte über den CIA-Chef, er sei ein „Fan“ des Direktors und in der Tat ein „Verehrer des Mannes“.

Zarate, der zuvor als stellvertretender Finanzminister für Terrorismusfinanzierung und Finanzkriminalität in Washington gearbeitet und damit einen exklusiven Zugang in die Entscheidungsebenen der US-Sanktionsmechanismen hat, bat Pompeo, explizit über die „iranische al-Kaida-Verbindung“ zu informieren. Pompeo erwiderte, die Verbindung zwischen beiden wäre „ein offenes Geheimnis“:

Es hat Beziehungen gegeben, es gibt Verbindungen."

"Die Iraner haben an der Seite von al-Kaida operiert. Die CIA wird in den nächsten Tagen eine Reihe von Dokumenten im Zusammenhang mit der Kommandoaktion in Abbottabad veröffentlichen, die für diejenigen interessant sein könnten, die dieses Thema in Angriff nehmen wollen“, kündigte Pompeo seinerzeit an.

Der Iran dementierte die Echtheit der Dokumente, die US-Spezialeinheiten in Pakistan sichergestellt haben wollen. Der iranische Außenminister Dschawad Sarif  kommentierte am 2. November auf Twitter:

Das ist ein Rekordtief für die Reichweite des Petro-Dollars: CIA und FDD [nutzen] gefälschte Informationen mit vorausgewählten al-Kaida-Dokumenten. Der Iran kann die Rolle der US-Verbündeten am 11. September nicht beschönigen."

Fragwürdige Finanzierung der US-Denkfabrik

Der Iran steht nicht allein mit seiner Kritik an der FDD da. Das International Relations Center berichtet über die Stiftung auf seiner Website "Right Web“, das sich laut eigener Mission „das Aufspüren von militaristischen Anstrengungen in der US-Außenpolitik“ zur Aufgabe machte, dass „FDD zwar ein eifriger Kritiker des Terrorismus ist, aber keine Kritik an den Aktionen Israels gegen Palästinenser übt, was wohl in diese Kategorie fällt". Das International Relations Center bezeichnet die FDD als prominenten Vertreter eines Netzwerkes von neokonservativen Denkfabriken in den USA. Dazu gehören unter anderem prominente Namen wie das American Enterprise Institute und das Hudson Institute.

Auch die Finanzierung von der FDD wirft Fragen über die Unabhängigkeit des Instituts auf. Die US-amerikanische Nachrichtenseite ThinkProgress veröffentlichte 2011 eine Liste der finanziellen Förderer von der FDD und schloss daraus:

Die meisten der wichtigsten Geber sind aktive Philanthropen, die sich sowohl in den USA als auch international für die israelische Sache einsetzen. Mit der Enthüllung der Geberlisten wird es in zunehmendem Maße offensichtlich, dass die Befürwortung von US-Militärinterventionen im Nahen Osten durch die FDD, ihre falkenhafte Haltung gegenüber dem Iran und ihre Verteidigung der rechtsgerichteten israelischen Politik mit den Interessen ihrer Geldgeber an einer pro-israelischen Ausrichtung zusammenhängen."

Israel sieht im Iran seinen regionalen Erzfeind. Unter diesem Eindruck dürfte die Berücksichtigung strategischer Interessen Israels ein Hauptmotiv hinter der Kampagne sein, Iran verstärkt in Verbindung mit al-Kaida zu bringen.

Darüber hinaus ist die Vermutung einer Allianz zwischen al-Kaida und dem Iran bei genauerer Betrachtung nicht haltbar. „Long War Journal“ musste im Bericht Fälle des Antagonismus zwischen beiden Seiten einräumen. Im Artikel steht, dass es viele „Feindlichkeiten“ gab, als al-Kaida vom iranischen Groß-Ayatollah Ali Chamanei forderte, hochrangige Gefangene aus den Gefängnissen freizulassen.

Laut Ali Hashem hat Kronprinz Muhammed bin Selman eine

Andere Akten geben laut der Nachrichtenagentur Sputnik Aufschluss darauf, wie al-Kaida einen iranischen Diplomaten entführte. Diesen wollte al-Kaida für Mitglieder eintauschen, die von Teheran festgesetzt wurden. Geradzu beiläufig merken die Autoren an, dass bin Laden Pläne besaß, den Einfluss des Irans im gesamten Nahen Osten zu bekämpfen. Irans regionale Macht beschrieb der saudische al-Kaida-Führer als „verderblich“.

Bei Angriffen gegen andere muslimische Staaten gab es ähnliche konstruierte Vorwürfe, bevor früher oder später die USA gemeinsam mit westlichen Alliierten eine militärische Offensive gegen die vermeintlichen „Terrorunterstützer-Staaten“ durchführten. Der militärischen Offensive schloss sich in der Regel ein „Regimewechsel“ an. Prominente Beispiele sind die US-Invasion im Irak 2003 und der Sturz des libyschen Führers Muammar Gaddafi 2011 durch die NATO.

In den vergangenen Jahren wurden Anschuldigungen, dass Gaddafi oder Iraks Saddam Hussein aktiv den internationalen Terrorismus unterstützten, widerlegt.

Experten bezweifeln Echtheit der Dokumente

Der ehemalige CIA-Offizier Edward Price hat inzwischen die Echtheit der bin-Laden-Dokumente offen auf Twitter angezweifelt. Er beschrieb den CIA-Direktor als den „führenden und einflussreichsten Iran-Falken in der [US-]Regierung“. Price glaubt, dass Pompeo „das Spielbuch der US-Administration [nutzt] – [also] die Unterstreichung von Terroristenverbindungen als Grundprinzip für einen Regimewechsel“.

"Warum sollte er [Pompeo] das tun? Er scheint davon überzeugt zu sein, dass die Akten al-Kaida in Verbindung mit dem Iran bringen“, hinterfragte der ehemalige CIA-Beamte.

Fehlanzeige: In den CIA-Dokumenten fehlt jeglicher Hinweis auf saudische Unterstützung

Was völlig in den bin-Laden-Akten fehlt, sind saudische Hilfsleistungen, die dem verstorbenen al-Kaida-Führer gegeben worden seien, während er sich vor dem Zugriff der USA versteckte.

Menschen versammeln sich um einen Krater nach einem Luftschlag der saudischen Luftwaffe in Saada.

Wie der investigative Journalist Seymour Hersh im Mai 2015 bemerkte, hatten Saudi-Arabien und Pakistan ein großes Interesse, ihre Unterstützung für bin Laden nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 möglichst zu vertuschen.

„Die Saudis wollten nicht, dass bin Ladens Anwesenheit offenbart wird, weil er ein Saudi war, also sagten sie den Pakistanis, sie sollten ihn von der Bildfläche fernhalten. Die Saudis fürchteten, wenn [die USA] herausfinden, [wo er war], dann würden sie die Pakistanis drängen, mit bin Laden über das zu reden, was die Saudis mit al-Kaida gemacht hatten. Die Pakistanis wiederum waren besorgt, dass die Saudis über ihren al-Kaida-Einfluss auspacken könnten. Die Furcht war, wenn die USA das herausfinden, wäre die Hölle los,“ schrieb Hersh.

Der renommierte Journalist Seymour Hersh ist wie Edward Price der Ansicht, dass die iranischen al-Kaida-Verbindungen fabriziert wurden. Er zitierte in diesem Zusammenhang einen Geheimdienstbeamten im Ruhestand, der sagte, es ist ein „großer Schwindel – wie die angeblichen Überreste eines Frühmenschen“.