Saad Hariris Auszug aus dem Libanon: Weg frei für einen neuen Krieg im Nahen Osten

Saad Hariris Auszug aus dem Libanon: Weg frei für einen neuen Krieg im Nahen Osten
Glückwunsch zum Rücktritt: Der saudische König Salman bin Abdulaziz Al Saud schüttelt dem ehemaligen libanesischen Premierminister Saad al-Hariri die Hand, Riad, 6. November 2017.
Libanons Premier Saad Hariri schmiss am 4. November 2017 seinen Regierungsjob. Dahinter stand der Druck des saudischen Königreichs, als dessen unglückliche Marionette Hariri agierte. Mit diesem Schachzug läuten die Saudis eine neue Runde der militärischen Konfrontation ein.

von Jürgen Cain Külbel

Der Königsmord ist angerichtet. Libanons Premier Saad Hariri schmiss am 4. November 2017 seinen Regierungsjob, und zwar auf Druck des saudischen Königreichs. Dort ist gerade ein Putsch im Gange: Prinzen unter Arrest, Prinzen erschossen, Prinzen verunglückt. Für Saad Hariri wird besonders der Korruptionsfall Al-Tuwaijri zum Verhängnis. Zusätzliches Salz in der Wunde: Der Islamische Staat (IS), Geschöpf der Saudis, wurde zerschlagen, die Post-IS-Phase ist angebrochen. Riad brennt auf Rache an den Siegern Iran und Hisbollah. Saad Hariri, Inhaber eines saudischen und libanesischen Passes, geriet nun als nützlicher Idiot zwischen die Fronten.

Libanons abgedankter Premierminister Saad Hariri ist wahrhaftig kein Heiliger. Ob der 47-jährige überhaupt noch Milliardär ist, das weiß niemand. Fest steht jedoch: Der Geschäftsmann hat sich in desaströse Geschäfte verwickelt und ist mitverantwortlich für den Tod Tausender Syrer sowie die kolossale Verwüstung des Levante-Staates. Hariri, der einen großen politischen Mitleidsvorschuss genießt wegen des brutalen Bombenanschlages auf seinen Vater Rafik am Valentinstag 2005 in Beirut, spielt in den politischen Intrigen an der Levante eine zentrale Rolle.

Saad Hariri, dem Milliardärsohn, der seine Kindheit auf der 61 Meter langen Yacht „Nara“ verbrachte, in fünf Familien-Fliegern der Marke Boeing, in dreien der Marke Gulfstream die Welt umflog, der in Wohnpalästen und Prunkbauten in aller Herren Länder ein süßes Leben führte, soll das Wasser Oberkante Unterlippe stehen? Ja, Hariris Geldmangel hat seine Position im Libanon und in Saudi-Arabien ernsthaft geschwächt. Auch seinem Beiruter Medienunternehmen Al-Mustaqbal konnte er monatelang keine Gehälter zahlen. Es wird gemunkelt, dass die Saudis Hariri in der jüngsten Zeit finanziell sponserten, damit er ihnen wenigsten noch als Statthalter in Beirut dienen könne. 

Ein iranischer Geistlich wartet auf den Demonstrationszug während des diesjährigen Al-Quds-Tages in Teheran.

Saad Hariri, der sich selbst als politischen Gegner der Hisbollah ausweist, stand seit Ende 2016 als Ministerpräsident einer Regierung der nationalen Einheit des Libanon unter Präsident Michel Aoun vor. Das Beiruter Parlament ist indes tief gespalten zwischen dem von den USA und Saudi-Arabien unterstützten Lager um Hariri und dem von der schiitischen Hisbollah angeführten Block, der vom Iran und Syrien unterstützt wird. Die politischen Gräben zwischen beiden Lagern haben sich durch den Konflikt im benachbarten Syrien noch weiter vertieft. 

Waffen für Dschihadisten und Milizen

Hat man Hariri erst einmal unterm Lichtkegel, werden die Konturen schärfer: Am 12. Dezember 2012 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, Syrien habe Haftbefehle gegen den ehemaligen libanesischen Premierminister Saad Hariri sowie dessen Berater und engen politischen Verbündeten, den Beiruter Abgeordneten Oqab Saqr, erlassen wegen Finanzierung und Bewaffnung von Rebellen, die gegen Präsident Bashar al-Assad kämpfen.

Beiden wurden „terroristische Verbrechen“ vorgeworfen. Beiruts Tageszeitung Al-Akhbar, der TV-Sender OTV hatten zuvor Telefonmitschnitte an die Öffentlichkeit gezerrt: Saqr sprach mit einem Rebellenkommandeur in Aleppo, der dringend Waffen erbat sowie mit einem Händler, der flehte: „Wir brauchen automatische Waffen, Munition für russische Maschinengewehre, Panzerabwehrraketen, Bomben, Qualitätswaffen für Stadt und Provinz Aleppo und die Provinz Idlib. Wir müssen die Nachfrage so schnell wie möglich erfüllen.“

In einem dritten Mitschnitt belehrte der Abgeordnete einen Rebellenführer, der für die Verteilung von Waffen in Zentralsyrien verantwortlich war: „Ich gebe dir Anweisungen an die Jungs, um die Qualität der Waffen zu maximieren.“ Im letzten Mitschnitt erregte sich Saqr vor seinem persönlichen Freund Louay Moqdad, damals Sprecher jener obskuren Freien Syrischen Armee, dass

“es Präsident Hariri in den Wahnsinn treibt. Er will den Sieg so sehr, dass er nicht einmal schlafen kann. Er verfolgt die Situation Stunde um Stunde, Minute für Minute, Sekunde um Sekunde. Er will, dass die Schlacht Erfolg hat. Es gibt keinen Raum für Misserfolge.“

Saqr verifizierte die Aufnahmen: „Ja, es ist meine Stimme, das sind meine Worte. Ich schäme mich nicht für das, was ich getan habe, was ich tue ... Was ich tue, spiegelt meine tiefe Überzeugung wieder und liegt im Interesse des Libanon. Ich bin persönlich für alles verantwortlich, was ich tue.“ Seinem Freund und Vorgesetzten Hariri erteilte er Absolution: „Er bat mich, dass ich mich nur um die humanitäre, politische und mediale Unterstützung für das syrische Volk kümmere - nicht mehr und nicht weniger.“ Wie edel, doch, wer‘s glaubt wird selig.

Ein Gebäude im Westen von Beirut nach israelischen Luftangriffen am 
20. August 1982.

Al Manar, TV-Sender der schiitischen Bewegung, ging Saqrs Bluff nicht auf den Leim: die Aufzeichnungen „bestätigen eindeutig die Beteiligung von Hariris Partei Zukunftsbewegung an Waffenlieferungen an die Rebellen, weil Saqr der Mann ist, der Hariri am nächsten steht. Er ist sein rechter Arm“.

Der ehemalige libanesische Geheimdienstchef General Jamil el Sayyed erklärte auf Anfrage von RT Deutsch:

"Hariris Beteiligung an der Finanzierung und Bewaffnung von Milizen in Syrien ist als eine Tatsache anzusehen. Selbst britische Zeitungen kamen nicht umhin, darüber zu berichteten.“

Hariri hatte sich seit dem Angriff gegen den syrischen Staat im Jahre 2011 als aktiver Gegner von Präsident Assad aufgebaut. Später wurde sogar noch bekannt, dass das Täter-Trio Kämpfer im Libanon rekrutierte und nach Syrien schickte. Doch blieb Hariri über all die Jahre hinweg in der Sache unbehelligt. Bis am 1. September 2017 in der in London ansässigen arabischsprachigen Tageszeitung Asharq Al-Awsat die Fotokopie eines Briefwechsels zwischen syrischem Justizminister und Finanzministerium auftauchte.

Darin hieß es, das Kapital von Hariri, Saqr und Moqdad sei zu beschlagnahmen, deren Besitz und Vermögen in syrischen Staatsbesitz zu überführen, da sie „wegen terroristischer Taten, die die Sicherheit des Landes bedrohten und der Unterstützung von Terroristen mit Geld und Waffen“ verurteilt sind. Das Verdikt war Teil einer Reihe von Beschlüssen der Damaszener Behörden über die Einziehung von Vermögen syrischer Dissidenten, die sich außerhalb des Landes aufhalten. Bekannt ist, dass die Familie Hariri eine formidable Immobilie im Damaszener Viertel Rawda besitzt.

Ungünstige Geschäfte: Die finanzielle Talfahrt 

Saad Hariris wirtschaftliche Talfahrt befand sich im September 2017 längst am Tiefpunkt. Während die Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt sein Vermögen 2005 noch auf satte 4,1 Milliarden taxierte, standen im Dezember 2016 nur noch 1,3 Milliarden Dollar zu Buche. Grund für den Verlust war ein anderer Tonband-Mitschnitt, der im Januar 2011 im Beiruter Sender New TV abgespielt worden war und ihm in der Folge ökonomisch das Genick brechen sollte: Hariri verglich in dem Mitschnitt den damaligen saudischen Innenminister Prinz Mohammed bin Nayef, Chef des Anti-Terror-Programms, mit dem „blutrünstigen“ syrischen Geheimdienstchef Assef Shawkat.

Was für ein Affront für die Saudis, von deren Brust sich die Familie Hariri seit mehreren Jahrzehnten nährte, die ihr den Aufstieg vom Arme-Bauern-Stand in den Milliardärs-Stand erst ermöglichte! Saudische Polizei, so der Buschfunk, rückte in Reaktion auf diese Frechheit in die Zentrale von Saudi Oger, das in Riad ansässige Familien-Unternehmen der Hariris, ein. Hariri wurde hernach beschuldigt, Schmiergelder gezahlt zu haben. Auf merkwürdige Weise verlor er sofort zwei Verträge mit dem saudischen Staat, seinem wichtigsten Auftraggeber, über mehrere Milliarden Dollar. Geschäfte, die eigentlich bereits abgeschlossen waren.

Es kam, wie es kommen sollte: Im August 2011 musste Saudi Oger bei saudischen Banken Kredite in Höhe von 2 Milliarden US-Dollar aufnehmen. Im Jahr 2013 folgte ein weiteres Darlehen über eine Milliarde US-Dollar. Nachdem der beleidigte bin Nayef im Januar 2015 gar zum stellvertretenden Kronprinzen ernannt wurde, lief alles aus dem Ruder: Aggressive Verhandlungen zwischen Saudi Oger und der saudischen Regierung über ausstehende Zahlungen in Höhe von rund 8 Milliarden US-Dollar für vergangene Projekte kamen im Juli 2016 zu einem abrupten Ende seitens der Verantwortlichen in Riad. Dann verklagte ein erster Kreditgeber, die Samba Financial Group, Saudi Oger wegen ausstehender Kreditrückzahlungen.

Am 3. August 2016 reichte auch noch der Staat Saudi-Arabien Klage gegen Saudi Oger ein, weil die Firma seit November 2015 keine Löhne mehr an seine 31.000 Beschäftigte gezahlt hatte, darunter 200 französische Ingenieure und Manager. Radio France International berichtete seinerzeit, das „Leid des Unternehmens“ sei einzig auf Misswirtschaft zurückzuführen. Das Geschäftsimperium der Hariri-Familie sei dabei „auseinander zu fallen“.

Im Juni 2017 beschlagnahmte das Exekutivgericht in Riad endlich sämtliche Grundstücke und Vermögenswerte von Saudi Oger, um aus dem Erlös den Angestellten die geschuldeten Löhne bezahlen zu können. Am 31. Juli 2017 machte das einstige Vorzeige-Unternehmen, das 39 Jahre lang im Besitz der Familie Hariri war, sie dekadent reicht gemacht hatte, für immer dicht. Die Gesamthöhe der bis zum Unternehmensende am 31. Juli 2017 aufgelaufenen Verbindlichkeiten von Hariri bei saudischen Banken und Staat sind indes nicht bekannt.

Der Korruptionsfall Al-Tuwaijri: Ein Puzzleteil in den Massenverhaftungen

General Jamil el Sayyed, Libanons ehemaliger Geheimdienstchef, erklärte im Gespräch mit RT Deutsch, dass Hariris Firma, Saudi Oger, mit Sitz in Riad, von den Verantwortlichen im Königreich bereits vor Monaten konfisziert wurde. Gegenwärtig allerdings sei Saad Hariri in den in Saudi-Arabien ablaufenden Korruptionsfall Al-Tuwaijri verwickelt. Al-Tuwaijri war jahrelang der persönliche Sekretär des 2015 verstorbenen Königs Abdullah ibn Abd al-Aziz.

Davon sprach auch der ehemalige libanesische Minister Wiam Wahhab, Chef der der arabischen Tawhid Partei in Bahrains arabischsprachiger Zeitung al-Wasat:

„Saad Hariri ist in Saudi-Arabien in Haft. Ich rufe die libanesische Regierung auf, Saad Hariris sichere Rückkehr in das Land zu garantieren, und ich betone, dass er inhaftiert wurde und verhört wurde nachdem sein Freund Khaled al-Tuwaijri verhaftet worden war.“

Am Samstag, den 4. November 2017, so der TV-Sender Al Arabiya, wurden in Saudi-Arabien auf Anweisung der neu eingerichteten „Kommission gegen Korruption“ rund 50 Prinzen, Minister und Ex-Minister gefangengenommen und im Ritz-Carlton-Hotel in Riad untergebracht. Darunter der saudische Medienmogul Waleed Al-Ibrahim, Prinz Turki bin Nasser, der mit 16 Milliarden Euro Vermögen reichste Mann der arabischen Welt, Prinz Al-Walid bin Talal und eben auch der jener Freund von und Geschäftspartner von Saad Hariri, der Ex-Vorsitzende des Königlichen Gerichtshofes, Khaled Al-Tuwaijri.

Die Vermutung geht um, Al-Tuwajiri und Saad Hariri beziehungsweise sein verstorbener Vater sowie die Hariri-Familie seien seit vielen Jahren durch Untreuecoups, halblegale Aktionen, Korruption irgendwie miteinander verbandelt. Tatsächlich ist der 1960 geborene Al-Tuwijri, ein Straf- und Politikwissenschaftler sowie Protegé verstorbenen Königs Abdullah, kein Waisenknabe.

Im Jahr 1995 begann er seine Tätigkeit im Staatsdienst, die 2005 in der Ernennung zum Chef des Königlichen Gerichtshofes gipfelte. In dieser Funktion hatte er ein Mitspracherecht bei der Besetzung aller Positionen der Monarchie. Zum Zeitpunkt des Todes von Königs Abdullah war Al-Tuwaijri bei den älteren Prinzen zutiefst verhasst, betitelten sie ihn doch als „Oktopus“, als „Kopf der Korruption“ im Lande, als „Black Box“, als einen, der versuche, „das Land zu zerstören und die königliche Familie zu leiten“.

Der 32-jährige Kronprinz Mohammed bin Salman will offenbar all diese unliebsamen Gegenspieler loswerden, interne Kritiker, einheimische Oligarchen beschneiden sowie weitreichende politische, soziale und wirtschaftliche Reformen durchsetzen. General Jamil el Sayyed fasst die Lage der Dinge für RT Deutsch so zusammen:

„Hariri war immer eine saudische Marionette. Jetzt hat die neue Macht in Saudi-Arabien der Kronprinz Mohamed bin Salman seinen Kopf abgeschnitten, weil sein Vater Rafik und seine Familie Teil der alten und korrupten Garde um Al-Tuwajri waren, die nun von den Positionen der Macht vertrieben wurden.“ 

In letzter Zeit erschienen endlose Berichte darüber, dass die Hariris ihre Vermögenswerte verkaufen: von der Hariri-Villa mit 45 Schlafzimmern in London bis zur 21-prozentigen Beteiligung von Saudi Oger an der Arab Bank im Wert von schätzungsweise einer Milliarde Dollar. Gerüchte vom bevorstehenden Bankrott des libanesischen Premiers machten längst die Runde.

Ein gestürzter Hariri: Die saudische Intrige gegen den Libanon

Hariris Bestreben, Aoun als Präsidenten zu unterstützen, sich dem politischen Block anzuschließen, gegen den er so lange Widerstand geleistet hat, Brücken zu bauen, die Libanesen zu versöhnen, schien ihm auch angesichts der schleichenden Enteignung in Saudi-Arabien die einzige Chance zu sein, für das finanzielle und politische Überleben seiner Familie und ihm selbst. Im Oktober erklärte Hariri der italienischen Gazette La Repubblica, „er und die Hisbollah haben ihre Differenzen beiseite gelegt, um Libanon zu dienen.“

Karin Leukefeld, die als Korrespondentin aus Syrien auch für RT Deutsch berichtet, fasst Saad Hariris politisches Wirken so zusammen: Hariris Kurs habe sich als richtig erwiesen. Dem Zedernstaat sei bisher der syrische Krieg erspart geblieben. Zuletzt waren die libanesische Armee und die Hisbollah im Grenzgebiet gegen IS-Kämpfer bei Arsal vorgegangen, während die syrische Armee auf der syrischen Seite die Kämpfer angriff.

Eine Vereinbarung zur Rückkehr von Flüchtlingen nach Syrien, die von der Hisbollah auch mit der syrischen Regierung ausgehandelt worden war, hatte Hariri zwar zurückgewiesen, er konnte sie aber nicht blockieren. Sowohl die Armeeführung als auch der libanesische Inlandsgeheimdienst und Präsident Aoun hatten der Rückkehr zugestimmt.

Mit dieser Art von Politik taugte er den Saudis als ihr Statthalter im Libanon aber nun rein gar nichts mehr. General Jamil el Sayyed sagte zu RT Deutsch:

„Die Saudis waren mit Hariris Performance als Premierminister des Libanon überhaupt nicht mehr zufrieden. Er wurde von ihnen als zu weich eingeschätzt gegenüber der Hisbollah und dem iranischen Einfluss im Libanon. Für die Saudis leistete er sich dazu noch den allergrößten Fehler, als er in der vergangenen Woche den iranischen Offiziellen Velayati in seinem Büro in Beirut empfing. Die Saudis sind darüber extrem wütend geworden.“

Wie die iranische Nachrichtenagentur Fars am 5. November 2017 berichtete, traf sich Saad Hariri am 3. November 2017 in seinem Beiruter Büro mit Ali Akbar Velayati, einem leitenden Berater von Ayatollah Khamenei. Velayati gratulierte Hariri und der Beiruter Koalitionsregierung unter Einschluss der Hisbollah zum Sieg und dem großen Erfolg im Kampf gegen den IS.

Hariri seinerseits hatte Order, Velayati einen diktierten Appell des Königreichs Saudi-Arabien an den Iran bezüglich des Jemen-Konflikts zu übermitteln: die Islamische Republik solle ihre Opposition gegen das saudische Vorgehen im Jemen aufgeben. Velayati machte Hariri jedoch deutlich, „dass die Saudis ihre Bombardierung sowie die wirtschaftliche und medizinische Blockade gegen Jemen einstellen sollten, um den Weg für den Dialog mit der verarmten Nation zu ebnen“. 

Die Saudis tobten ob Hariris missglückten Verhandlungsversuches, ließen ihn umgehend in Riad antanzen. Stunden später setzten sie ihn vor die Kamera ihres Fernsehsenders Al Arabiya, stellten eine schlaffe Libanon-Flagge daneben und zwangen ihre politische und ökonomische Geisel, den eigenen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten des Libanon sowie den Rücktritt von allen seinen bisherigen politischen Überzeugungen vom vorbereiteten Blatt abzulesen - nicht ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken:

„Wir leben in einer ähnlichen Atmosphäre wie jene, die vor der Ermordung des Märtyrers Rafik Hariri herrschte. Ich spüre, dass eine Verschwörung läuft, die auf mein Leben abzielt”, stotterte der blasse Mann.

Teheran warf er vor, „einen Staat innerhalb des Staates zu schaffen ... in dem Maße, dass er das letzte Wort über die Geschäfte des Libanon erhält. Der Iran hat das Schicksal der Länder der Region im Griff. Die Hisbollah ist der Arm des Iran nicht nur im Libanon, sondern auch in anderen arabischen Ländern“, rezitierte er brav das Wunschdenken des saudischen Königshauses. Doch der Iran „verliere in seiner Einmischung in die Angelegenheiten der arabischen Welt“ und sein „Land würde auferstehen, wie es das in der Vergangenheit getan hatte“ und „die Hände abschneiden, die sich bösartig nach ihm strecken“, las er vor. 

Überraschungen aller Orten: Der fragile Kompromiss des Libanon in Gefahr

Die Familie Hariri zeigte sich völlig überrascht. Auf solcherart Performance ihres Patrons war sie nicht vorbereitet. Doch man muss nicht großartig spekulieren: Saad Hariri ist eine armselige Marionette, eine, die auf zu großem Fuß lebt, die das Leben im Jet-Set gewohnt ist, in großen Villen, in Wohlstand, ein Duzfreund des gobalen politischen und ökonomischen Establishments. All das flutschte ihm momentan durch die Finger, löste sich in Luft auf. Leichte Beute also für den saudischen Kronprinzen und Putschisten Mohammed bin Salman und seine den Iran und die Hisbollah hassende Seilschaft.

Da braucht es keine Pistole im Rücken, die den finanziell im freien Fluge befindlichen Hariri zur Rücktrittserklärung von seinem Posten als Ministerpräsident in Libanon zwingt sowie zur Verteufelung Irans und der Hisbollah aus seinem Munde. Allein die Aussicht auf einen Straferlass in der Korruptionsangelegenheit Al-Tuwaijri genügt da schon. Unterstützt vielleicht vom Winken eines saudischen Scheckbuchs oder der Aussicht auf wirtschaftliche Großaufträge und Petrodollars. Das macht doch einen jeden weich, vor allem in Saudi-Arabien.

Alle bisher vorliegenden Indizien deuten in die Richtung: Die iranische Nachrichtenagentur Fars News zitierte am Montag, den 6. November 2017 die Twittermeldung des saudischen Whistleblower Mujtahid, angeblich ein Mitglied der königlichen Familie, oder zumindest in Kontakt mit einer guten Quelle im Königshaus, in der es heißt, „der Hauptgrund, Hariri nach Riad zu rufen, bestand darin, seine Besitztümer außerhalb Saudi-Arabiens zurückzuführen, da er saudischer Staatsbürger ist“. Arabische Medien berichteten zwei Tage später, Saad Hariri werde in Riad festgehalten, damit er seine Schulden in Höhe von 7 Milliarden Dollar an saudische Banken zurückzahle.

Die Beiruter arabischsprachige Zeitung al-Akhbar wußte, dass Riad Hariri die Optionen gegeben habe, nach Beirut zu gehen, um sofort danach nach Riad zurückzukehren, während seine Familienangehörigen in Saudi-Arabien festgehalten wurden oder Libanons Präsident Michael Aoun und die schiitische Hisbollah anzugreifen, seinen Rücktritt aus Riad zu erklären und seine Schulden an saudische Körperschaften zu begleichen. Fars verfüge zudem über „Informationen aus Abu Dhabi“, dene zufolge Riad die überfälligen Schulden von Hariris Firma Saudi Oger übernehmen werde. Basierend auf einer Vereinbarung darf er seine zwei Häuser in Riad und Jedda behalten.

Was bedeutet das Verhalten des Politikers und Unternehmers Saad Hariri für die Zukunft des Libanon? Noch im Sommer 2017 hatte er am Rande eines USA-Besuches in einem Interview erklärt, dass er als Ministerpräsident des Libanon verpflichtet sei, für Sicherheit und Stabilität im Land zu sorgen. Wenn er nicht mit allen Seiten kooperiere, werde es dem Libanon wie Syrien ergehen, und er werde zerfallen. Daher arbeite er in seinem Kabinett auch mit der Hisbollah zusammen.

Wider besseren Wissens gab er mit seinem Rücktritt nun sein eigenes Land zum Abschuss frei. Erinnert sei hier an das Projekt „Neuer Naher Osten“, das Saudi-Arabien im Jahr 2006 öffentlich vorstellte: Libanon als Ansatzpunkt für die Neuausrichtung des gesamten Nahen Ostens verbunden mit der Freisetzung von Kräften des „kreativen Chaos“, das in der Region Gewalt, Krieg, Zerstörung erzeugt, um die Karte des Nahen Ostens in Übereinstimmung mit den geostrategischen Bedürfnissen und Zielen der USA, Israels, nun auch Saudi-Arabiens, neu zeichnen zu können.

Soeben ist die Post-IS-Zeitrechnung angebrochen. Eine Zeit, in welcher der Libanon zunehmend ins Fadenkreuz „des kreativen Chaos“ der Achse Washington-Tel Aviv-Riad geraten könnte. Für Saudi-Arabien und den Iran bietet sich der Zedernstaat als nächstes Schachtfeld in ihrem Ringen um die regionale Vorherrschaft an. Hariri hat sein Heimatland Libanon am östlichen Mittelmeer verraten, sich unmissverständlich auf die Seite seines anderen Heimatlandes Saudi-Arabien geflüchtet. Krieg und Bürgerkrieg in seiner Heimat Libanon nimmt er fortan billigend in Kauf.