RT-Exklusiv: "Die Definition von Heuchelei" - Deutscher Rheinmetall-Chef heuert in Saudi-Arabien an

RT-Exklusiv: "Die Definition von Heuchelei" - Deutscher Rheinmetall-Chef heuert in Saudi-Arabien an
Saudische Artillierie aus US-Produktion feuert auf jemenitisches Gebiet - Dank Expertise des Rheinmetall-Chefs Andreas Schwer wird die jemenitische Zivilbevölkerung wohl bald auch aus saudischen Geschützen einheimischer Produktion beschossen werden...
Der Vorstand der Rüstungssparte des Waffenherstellers Rheinmetall könnte schon bald Vorsitzender eines staatlichen Rüstungsunternehmens in Saudi-Arabien werden. RT Deutsch sprach mit dem Abgeordneten Alexander Neu und einem Experten aus dem Jemen über die Folgen.

von Ali Özkök

Dem Deutschen Andreas Schwer von Rheinmetall könnte offenbar derzeit in Saudi-Arabien "ein erheblicher Karrieresprung" bevorstehen, schrieb das Nachrichtenportal "Die Welt" am Dienstag. Er soll die saudische Kriegsschmiede Saudi Arabian Military Industries, kurz SAMI, "zu einer der weltgrößten Waffenschmieden aufbauen".

Bildquelle: Hayat Tahrir Sham

Das Geschäft ist - lässt man die durchaus erheblichen Menschenrechtsfragen in Saudi-Arabien außen vor - enorm lukrativ. Riad gehört zu den Ländern mit den höchsten Rüstungsausgaben. Man gibt jährlich rund zehn Prozent des eigenen Bruttoinlandsprodukts für das Militär aus. Das machte 2016 rund 64 Milliarden US-Dollar. Laut der "Welt" ist das in "absoluten Werten fast so viel wie [in] Russland".

Bis 2012 noch bei EADS tätig

Das sind wiederum perfekte Arbeitsbedingungen für Andreas Schwer, der als Luft- und Raumfahrtingenieur in Deutschland als wahrer Experte für die Führung eines Rüstungskonzerns gehandelt wird. Vor seiner Station bei Rheinmetall, wo er 2012 die Sparte Kampfsysteme übernahm, war der 51-Jährige bei EADS tätig. Der Konzern ist inzwischen Teil von Airbus. Laut Informationen der "Welt" tritt Schwer sein Amt in Saudi-Arabien "voraussichtlich am Jahresende an".

Der Bundestagsabgeordnete und Obmann der Linkspartei im Verteidigungsausschuss, Alexander Neu, kritisierte im Gespräch mit RT Deutsch diesen Schritt. Auf die Frage, wie sich solch ein Personalwechsel langfristig zu Gunsten Saudi-Arabiens beim Erwerb von westlichem Rüstungs-Knowhow auswirken kann antwortete Neu:

Der Wechsel eines Vorstandsmitglieds bei Rheinmetall zu einem saudischen Rüstungsunternehmen soll eine personelle Größe für Saudi-Arabien darstellen. Mit dem Kurswechsel der US-Amerikaner gegenüber Saudi-Arabien sehen sich deutsche Rüstungsunternehmen der Gefahr ausgesetzt, in Fragen von Rüstungsgeschäften abgehängt zu werden. Das dürfte der Hintergrund des Wechsels sein.

Das saudische Rüstungsprojekt, das als Ziel die Nationalisierung des Rüstungsbedarfs der Streitkräfte vorsieht, wird umfassend aus der Kasse der Herrscherfamilie al-Saud finanziert. Informationen zufolge soll die Waffenschmiede bis 2030 rund 40.000 Mitarbeiter beschäftigen. Eines der festgelegten Ziele ist sogar der eigene Export von Kriegsgütern. Nach einem Plan, den die Führung in Riad Anfang dieses Jahres vorgestellt hatte, zielt Riad darauf ab, langfristig die Hälfte seines militärischen Bedarfs selbst zu produzieren. Dafür werden Milliarden von US-Dollar in Technologie-Transfers mit westlichen Staaten investiert. "Die Welt" schreibt:

SAMI soll bis 2030 zu den 25 weltgrößten Rüstungskonzernen aufsteigen und vier Säulen haben, von der Wartung von Flugzeugen bis zur Produktion von Drohnen, Landfahrzeugen, Munition, Lenkwaffen und Raketen sowie Rüstungselektronik.

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"Rüstungsgeschäfte wichtiger als Frieden"

Bemerkenswert ist die Ergänzung, dass das Verteidigungsunternehmen auch mithilfe von "Gemeinschaftsfirmen mit ausländischen Rüstungsfirmen wachsen" soll. RT Deutsch sprach mit dem jemenitischen Journalisten Ahmed Jahaf, der auch mittels künstlerischer Initiativen immer wieder auf das Leid aufmerksam macht, das die saudische Militärintervention im Jemen auslöst. Auf die Frage, wie er den Wechsel eines deutschen Rüstungsvorstands nach Riad bewertet, antwortete er:

Mich wundert diese Art der Kooperation mit den Saudis nicht. Ich glaube, dass Geld den Kurs der Politik bestimmt. Rüstungsgeschäfte sind für Regierungen wichtiger als Frieden und Demokratie, und Deutschland ist nicht das einzige Land, das von diesem Krieg profitiert.

Die Vermutung liegt nahe, dass mit Schwer jemand an die Spitze eines saudischen Konzerns kommt, der über exzellente Verbindungen in die deutsche und europäische Rüstungsindustrie verfügt. Solche Verbindungen können durchaus den Unterschied machen, wenn es darum geht, künftig wichtiges westliches Kriegs-Knowhow zu erwerben. Auch Deutschland, das ansonsten Staaten wie den NATO-Partner Türkei in Fragen der Rüstungsproduktion kritisiert, könnte damit einen wichtigen Ansprechpartner in Riad gewinnen, das traditionell gerne bereit ist, für deutsche Waffen zu zahlen. Im Jahr 2016 hat Deutschland Rüstungsgüter an Saudi-Arabien im Wert von 530 Millionen Euro verkauft, darunter Kriegswaffen im Wert von 21 Millionen Euro.

Der Abgeordnete der Linkspartei Alexander Neu kommentierte angesichts der humanitären Katastrophe, die die saudische Militärintervention bereits jetzt im Jemen ausgelöst hat, gegenüber RT Deutsch mit Blick auf die Bundesregierung:

Moral und Menschenrechte spielen natürlich keine Rolle bei Rüstungsgeschäften. Es zählen lediglich Profit und strategische Interessen.

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Der jemenitische Journalist Ahmed Jahaf aus Sanaa ergänzte, dass das Handeln westlicher Staaten im Nahen Osten die "Definition von Heuchelei" darstellt. Demnach predigen sie einerseits die Demokratie und den Frieden, aber agieren am Ende des Tages in exakt der entgegengesetzten Richtung.

Jahaf ist überzeugt, dass auch mit noch mehr Waffen und westlicher Hilfe der Jemen-Krieg für Saudi-Arabien nicht zu gewinnen ist. Er sagte:

Sie können seit fast drei Jahren nicht gewinnen. Sie schafften es am Anfang nicht, große Erfolge zu erzielen, und tun es heute auch nicht.

Neben deutschen Waffen sind auch deutsche Manager beliebt in Saudi-Arabien. Mit dem Wechsel von Schwer sind bereits zwei Deutsche in kürzester Zeit in Führungspositionen saudischer "Zukunftsprojekte" aufgestiegen. Der ehemalige Vorstandschef von Siemens, Klaus Kleinfeld heuerte zuvor als Leiter von NEOM an, das als "Mega-Projekt" gefeiert wird. Das Projekt sieht die Schaffung einer komplett neuen Stadt mit dem "modernsten Technologiepark der Welt" in Saudi-Arabien vor, heißt es.