Syrisches Außenministerium kritisiert: USA und "Demokratischen Kräfte Syriens" besetzen Rakka

Syrisches Außenministerium kritisiert: USA und "Demokratischen Kräfte Syriens" besetzen Rakka
Syriens Außenministerium wirft der US-geführten Anti-IS-Koalition die mutwillige Zerstörung der Stadt Rakka vor und argwöhnt, man wolle sich dort dauerhaft festsetzen. RT Deutsch sprach mit dem Vorsitzenden der "Kurdischen Zukunftsbewegung in Syrien".

von Ali Özkök

"Syrien hält die Behauptungen der Vereinigten Staaten und ihrer so genannten Allianz zur Befreiung der Stadt Rakka vom 'Islamischen Staat' für Lügen, die darauf abzielen, die internationale öffentliche Meinung von den Verbrechen abzulenken, die diese Allianz in der Provinz Rakka begangen hat", erklärte eine offizielle Quelle im syrischen Außenministerium gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur SANA.

Nach über vier Monaten harter Kämpfe richteten die von den USA unterstützten "Demokratischen Kräfte Syriens" (SDF), die von der Kurden-Miliz YPG angeführt werden, am 20. Oktober ihre eigenen Institutionen zur Kontrolle über Rakka ein. Die Stadt galt einst als selbsternannte Hauptstadt des "Islamischen Staates". Nach Angaben des US-Generalstabs starben im Kampf um die Stadt mehr als 1.100 Angehörige SDF-Truppen und über 3.900 Kämpfer wurden verwundet.

Auf der anderen Seite töteten die so genannten Demokratischen Kräfte Syriens mindestens 1.800 Menschen, heißt es in konservativen Schätzungen von Airwars, einem Transparenzprojekt zur Bewertung von Berichten über zivile Opfer. Die NGO fügte hinzu, dass die Kampfhandlungen zehntausende Zivilisten aus ihren verwüsteten Wohngebieten vertrieben haben. Inoffizielle Zahlen über Todesopfer würden allerdings weit höher liegen.

Schätzungsweise 200.000 Menschen lebten in der Stadt, als im Juni die Belagerung begann. Die meisten Wohngebäude der Stadt, die Journalisten heute als "Geisterstadt" und "Hölle auf Erden" bezeichnen, sind während der von breitflächigen Artillerie- und Luftangriffen begleiteten Kämpfe unbewohnbar geworden.

Kurdenpolitiker zu RT: "Solche Verbrechen würden mich nicht wundern"

Der Vorsitzende der Partei "Kurdische Zukunftsbewegung in Syrien", die sich auf dem Gebiet der SDF als Opposition organisiert hat, sprach mit RT Deutsch. Siamend Hajo kommentierte über die Lage in Rakka:

Ich habe keinen Überblick über das, was da intern in Rakka los ist. Es würde mich nicht wundern, wenn die 'Demokratischen Kräfte Syriens' solche Verbrechen begingen. Es würde mich auch nicht wundern, wenn die USA diese Verbrechen vertuschen wollen, weil sie natürlich nicht wollen, dass ihre Verbündeten in einem schlechten Licht stehen.

"Das Schicksal von Rakka erinnert an Dresden 1945, das durch die Bombenangriffe der USA und Großbritanniens zerstört wurde", äußerte das russische Verteidigungsministerium vergangene Woche. Es verwies damit auf die umstrittene und militärisch wenig bedeutsame Luftkampagne im Zweiten Weltkrieg, bei der US-amerikanische und britische Kampfflugzeuge Bomben mit einem Gesamtgewicht von über 3.900 Tonnen auf die ostdeutsche Stadt abwarfen. Mindestens 25.000 Zivilisten sollen dabei getötet worden sein. Auch ein Großteil des historischen Stadtzentrums wurde dabei ausradiert.

Damaskus schätzt, dass mehr als 90 Prozent der Stadt Rakka durch die "bewusste Bombardierung" im Zusammenhang mit den US-geführten Koalitionsluftangriffen zerstört wurden. "Doch trotz des Elends feiern die USA und ihre Verbündeten das, was sie die Befreiung von Rakka nennen, auf den Leichen ihrer Opfer", kritisiert das syrische Außenministerium.

Bei einer Tour durch die verwüstete Stadt sprach die Video-Nachrichtenagentur Ruptly mit einer einheimischen Frau. Diese sagte, dass alleine 25 Familien getötet worden wären, als Truppen der SDF am 20. Oktober ihre Nachbarschaft vom "Islamischen Staat" zu befreien versuchten.

USA dementieren Behauptungen über Tod von 25 zivilen Familien

"In diesem Haus starben 25 Familien, nicht 25 Zivilisten, sondern 25 zivile Familien", sagte die Frau, die aus Angst vor Repressalien nicht gezeigt werden wollte. Beim Vorbeilaufen an einem anderen Haus fügte sie hinzu:

300 Menschen starben in diesem Gebäude bei einem Luftangriff, einige waren Zivilisten und einige kamen vom IS - aber die meisten von ihnen waren Zivilisten.

Das US-Militär, das die Operation Inherent Resolve in Syrien und Irak leitet, bestritt die Vorwürfe auf Nachfrage von Ruptly. Das US-Militär sagte:

Es gibt keinen Beweis, dass 25 Familien in einem Luftschlag bei der Befreiung von Rakka getötet wurden. Die Koalition und unsere Partnerstreitkräfte im Irak und in Syrien setzen sich außerordentlich für den Schutz der Zivilbevölkerung ein. Wir nehmen alle Meldungen von zivilen Verletzten ernst und prüfen alle Berichte so genau wie möglich.

Damaskus jedenfalls weist darauf hin, dass die US-Streitkräfte zusammen mit den Demokratischen Kräften Syriens die Stadt besetzt haben.

Syrische Behörden: "US-Verbündete foltern Bewohner und nehmen ihnen Ausweise ab"

Das syrische Außenministerium wirft den mehrheitlich kurdischen Verbänden vor, in diesem Zusammenhang die Bevölkerung gewaltsam vertrieben zu haben und die humanitäre Hilfe der syrischen Regierung für die Zivilbevölkerung zu beschlagnahmen. Die von den USA geführten Streitkräfte konfiszieren laut syrischen Behörden "Ausweise und Dokumente von Einheimischen und unterwerfen diese brutaler Folter und Inhaftierung".

Der französische Präsident Emmanuel Macron (l) und sein Außenminister Jean-Yves Le Drian (z.v.l).

Siamend Hajo von der Kurdischen Zukunftsbewegung in Syrien glaubt, dass die USA womöglich gekommen sind, um zumindest mittelfristig in Syrien zu bleiben. Zu RT Deutsch sagte er:

Was ich mir vorstellen kann, ist, dass die USA denken, wenn die Russen ihre Militärbasis in Syrien behalten, dann werden die USA ihre Militärbasis auf dem Gebiet der Demokratischen Kräfte Syriens mit Sicherheit nicht aufgeben. Das ist der Hauptgrund, warum die Amerikaner diese Miliz auch weiterhin unterstützen könnten, um ihre Militärbasen zu sichern. Sie wären ein Gegengewicht zu Russland. Washington will nicht, dass die Russen Syrien dominieren und dort ihre Basen haben.

Der syrische Konflikt wütet seit 2011. Seit Beginn des Krieges wurden 400.000 Menschen getötet, schätzte im April 2016 der Sondergesandte der Vereinten Nationen für Syrien, Staffan de Mistura. Rund 11,6 Millionen Syrer sind auf der Flucht, davon 6,3 Millionen innerhalb Syriens; mindestens fünf Millionen flohen aus ihrem Land. Die UN bezeichnete die durch den Krieg ausgelöste Flüchtlingskrise als die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda in den 1990er-Jahren.