Syrien: IS kontrolliert weniger als fünf Prozent - Humanitäre Katastrophe in Rakka

Syrien: IS kontrolliert weniger als fünf Prozent - Humanitäre Katastrophe in Rakka
Das vom „Islamischen Staat“ kontrollierte Gebiet in Syrien ist auf weniger als fünf Prozent zusammengeschrumpft, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Menschenrechtsgruppen sind über die „katastrophale humanitäre Lage“ in Rakka besorgt.

„Der ‚Islamische Staat‘ (IS) kontrolliert derzeit weniger als fünf Prozent des syrischen Territoriums“, sagte der russische Verteidigungsminister Sergey Shoigu am Dienstag. Er stellte fest, dass vor dem Einsatz der russischen Luftwaffe das vom IS kontrollierte Gebiet „mehr als 70 Prozent“ betrug.

Der französische Präsident Emmanuel Macron (l) und sein Außenminister Jean-Yves Le Drian (z.v.l).

Laut Schoigu trug die russische Luftwaffe im Laufe von zwei Jahren dazu bei, dass fast 1.000 Ausbildungslager für Terroristen, beinah 700 Fabriken und Werkstätten zur Herstellung von Munition sowie 1.500 Einheiten militärischer Ausrüstung der Terroristen zerstört wurden.

„Etwa 998 Städte und Siedlungen wurden von Terroristen befreit“, bemerkte Schoigu und fügte hinzu, dass russische Entminungsexperten bis zu 1.500 Sprengstofffallen pro Tag neutralisieren, die von IS-Terroristen in Syrien zurückgelassen wurden.

In einigen der vom „Islamischen Staat“ befreiten Territorien sei das Leben jedoch noch prekär. Menschenrechtsgruppen geben an, sie seien ernsthaft besorgt über die Lage in Rakka. Die Stadt war seit Januar 2014 unter der Kontrolle des IS. Vergangene Woche wurde sie von den sogenannten „Demokratischen Kräften Syriens“ (SDF) eingenommen, die von den USA unterstützt werden. Der Kampfverband wird von der kurdischen YPG-Miliz angeführt. Auch kämpfen FSA-Rebellen wie die „Armee der Revolutionäre“ in den Reihen der SDF.

Die meisten Wohngebäude in der Stadt sind durch die Kämpfe und die massiven Bombardierungen der US-geführten Koalition aus der Luft sowie durch Artilleriebeschuss unbewohnbar geworden sein. Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch (HRW) erklärte gegenüber RT, dass für Washington die Berücksichtigung der Infrastruktur der Stadt sekundär war, während es die Niederlage des IS um jeden Preis in den Vordergrund stellte.

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Links Saudi-Minister Thamer al-Sabhan und in der Mitte Brett McGurk. (Bildquelle: Twitter

„Der IS hat nicht nur den Einwohnern, sondern auch dem sozialen Gefüge der Stadt großen Schaden zugefügt. Der IS entleerte die Stadt von Ärzten, Krankenschwestern, Lehrern und allen anderen Dinge, die von der Bevölkerung dringend benötigt werden“, sagte Ahmed Benchemsi von Human Rights Watch zu RT. Er merkte kritisch an:

Hinzu kommt aber, dass die von den USA geführte Koalition eine Bombenangriffskampagne durchgeführt hat, die die Bekämpfung des IS gegenüber der Notwendigkeit bevorzugte, die Infrastruktur der Stadt zu schützen.

„Es stellen sich die Fragen: Wer bringt die Krankenhäuser zum Laufen? Wer baut sie wieder auf? Wer bezahlt die Ärzte? Wer wird Schulen, Straßen und alles, was zerstört wurde, wiederaufbauen? Es scheint, dass es wenig bis gar keine Pläne für den Wiederaufbau gibt, und das ist uns ein großes Anliegen", so Ahmed Benchemsi.

Das russische Verteidigungsministerium verglich das Ergebnis der Zerstörung in Rakka mit der berüchtigten Bombardierung der ostdeutschen Stadt Dresden im Zweiten Weltkrieg. „Rakkas Schicksal erinnert an das von Dresden im Jahr 1945, das durch die USA und Briten niedergebombt wurde“, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Sonntag. Die US-geführte Koalition könnte sich jetzt beeilen, Geld in die syrische Stadt zu pumpen, um ihre Vergehen zu vertuschen, ergänzte er.

Arnaud Comte vom französischen Sender France 2 vermutet, dass etwa 80 Prozent von Rakka zerstört wurden. „Es ist eine Geisterstadt, in der alles still steht. Es ist die Hölle auf Erden“, schilderte der Journalist auf Twitter seine Eindrücke von vor Ort.

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Ein Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks hat die Lage in der Provinzhauptstadt als ernsthaft bezeichnet. Der Syrien-Pressesprecher der internationalen Organisation Firas al-Khateeb kommentierte gegenüber RT:

Die Vereinten Nationen sind bereit, die Menschen mit humanitärer Hilfe zu versorgen, aber im Moment haben wir keinen Zugang und deshalb können keine humanitären Konvois oder andere Hilfslieferungen die Stadt Rakka erreichen. Die humanitäre Lage ist katastrophal. Es gibt keine ausreichende Wasser- oder Gesundheitsversorgung und es ist nicht sicher, wie viele Sprengfallen noch vorhanden sind. Davon muss die Stadt zuerst gesäubert werden, bevor ein Zivilist zurückkehren kann.

Bei den Kämpfen sind etwa 1.800 bis 1.900 Zivilisten ums Leben gekommen, davon mindestens 1.300 durch die Koalition, ergab eine Hochrechnung der Organisation Airwars, die sich auf Luftoperationen von beteiligten Akteuren im Syrien-Konflikt spezialisiert hat. Die inoffiziellen Todeszahlen dürften laut Beobachtern wohl weit höher liegen.