Nach drei Jahren ist Deir ez-Zor wieder frei – im Umland wird weiter gekämpft

Nach drei Jahren ist Deir ez-Zor wieder frei – im Umland wird weiter gekämpft
Ein Fahrer steuert sein Fahrzeug vorbei an zerstörten Gebäuden, Rakka, Syrien, Oktober 2017.
Drei Jahre dauerte die Belagerung von Deir ez-Zor durch die Terrororganisation "Islamischer Staat". Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld besuchte den Ort kurz nach der Befreiung und dokumentierte die Spuren der Belagerung und der Kämpfe.

von Karin Leukefeld, Deir ez-Zor

Rund 370 Kilometer sind es von Homs bis Deir ez-Zor. Die Straße ist gekennzeichnet von Kämpfen und Krieg. Zerschossene Fahrzeuge, zerstörte Häuser und militärische Checkpoints nehmen zu, je weiter man in Richtung Osten fährt. Ungefähr anderthalb Stunden Fahrzeit sind es noch, nachdem wir die Wüstenstadt Palmyra verlassen haben. Dann begrüßen ein Schild und eine syrische Fahne die Reisenden: "Willkommen in der Provinz Deir ez-Zor."

Drei Jahre im Würgegriff des Terrors

Im Jahr 2011 lebten hier noch fast 300.000 Menschen. Bei der Einfahrt nach Deir ez-Zor führt die Fahrt an einem Friedhof und einer Moschee vorbei. Die Stadt präsentiert sich staubig und wenig bevölkert. Fast ausschließlich Militärfahrzeuge sind zu sehen. Drei Jahre lang, von April 2014 bis zum September 2017, belagerte die Terrororganisation IS das Zentrum der Stadt und den Flughafen. Die Mehrheit der Bevölkerung floh, das Leben der Zurückgebliebenen prägten der Krieg und der Mangel.

Das Assad-Krankenhaus beherbergt drei Krankenhäuser unter einem Dach - für Mütter, für Kinder sowie für Allgemeinmedizin, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.
Das Assad-Krankenhaus in Deir ez-Zor: Zwei Stockwerke wurden vom IS besetzt und sind komplett zerstört, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.
Das Assad-Krankenhaus in Deir ez-Zor: Die beiden oberen Stockwerke wurden beim Kampf gegen den IS zerstört, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.

Das Assad-Krankenhaus nahm unter seinem Dach zwei weitere Krankenhäuser auf, doch die Versorgungslage war schlecht. Nachdem IS-Kämpfer schließlich die Einrichtung besetzt hatten, verschanzten sich die Dschihadisten in den beiden oberen Etagen. In einem Kampf mit der syrischen Armee wurden sie getötet, die Räume wurden zerstört.

Ayman Diab ist einer von sechs Apothekern, die geblieben sind, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.

Der leitende Arzt war vor dem Krieg und der IS-Belagerung für mehr als 1.400 Ärzte in Deir ez-Zor verantwortlich. Unter der Belagerung blieben nur noch 19 Ärzte, um die Menschen zu versorgen. Der Apotheker Ayman Diab führte vor dem Krieg mit seiner Frau eine kleine Apotheke in Abu Kamal, südöstlich von Deir ez-Zor.

Von mehr als 1.000 Apotheken nur sechs geblieben

Als der Ort schließlich zum dritten Mal von aufständischen Milizen übernommen wurde, floh das Ehepaar in die Provinzhauptstadt. Nach der Freien Syrischen Armee und der Al-Nusra-Front übernahm der IS dort das Kommando. Vor dem Krieg und der Belagerung gab es in Deir ez-Zor mehr als 1.000 Apotheken, nur sechs sind davon übrig geblieben.

Beschlagnahmte Waffen der Terrororganisation IS, die in Al-Majadin sichergestellt wurden. Sie kommen aus aller Welt. Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.
In Deir ez-Zor fanden die Befreier auch Abzeichen für militärische IS-Einheiten aus Aleppo und die IS-Polizei, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.
Lastwagenweise stellte die syrische Armee Waffen und Munition in Al-Mayadin sicher, hier Mörsergranaten mit unterschiedlichen Kalibern, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.

Die syrische Armee und ihre Verbündeten - Militärs aus Russland, dem Iran und Milizen der Hisbollah - zogen nach der Befreiung von Deir ez-Zor am 5. September 2017 über den Euphrat an das östliche Ufer. Südlich der Stadt vertrieben sie den IS aus der Stadt Al-Mayadin. Lastwagenweise stellte die Armee dort Waffenbestände des IS sicher.

Waffen aus US-Produktion in Terroristen-Lagern gefunden

Gewehre und Munition, Drohnen und Funkgeräte, Panzer sowie schwere Geschosse jeglicher Art aus aller Welt hat die syrische Armee über ein weitläufiges Gelände aufgereiht. Darunter befinden sich auch in den USA hergestellte Howitzer-Haubitzen, die ihre tödliche Fracht bis zu 40 Kilometer weit schießen können. Die Panzer sind mit dem IS-Logo versehen. Gefunden wurden auch große Mengen an Uniformabzeichen für eine IS-Polizei und eine IS-Brigade Aleppo.

Die Fahrt zum westlichen Euphrat-Ufer, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.

Nicht alle vom IS befreiten Gebiete in Deir ez-Zor sind schon sicher. Vor allem Minen und Sprengfallen haben die Terroristen ausgelegt. Der Medienbeauftragte der Armee führt uns nach Bgeelie ans Westufer des Euphrat. Das gegenüberliegende Ufer ist grün und fruchtbar, es wirkt ruhig. Doch dass die Ruhe trügerisch ist, wird deutlich, als deutlich Schüsse zu hören sind. 

Der Euphrat bei Deir ez-Zor mit Blick auf das östliche Ufer und die IS-Stellungen. Das Westufer befindet sich unter Regierungskontrolle, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.
Das Wasserwerk von Deir ez-Zor ist zerstört, Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.

Eines von drei Wasserwerken für Deir ez-Zor liegt am Ufer, es ist komplett zerstört. In der Stadt gibt es weder Strom noch frisches Wasser für die Menschen. Nachts knattern die Generatoren, viele Wasserhähne bleiben trocken, wenn man sie öffnet.

Die direkte Straße von Deir ez-Zor nach Aleppo führt durch das fruchtbare Euphrat-Tal nach Rakka. Deutlich ist an den Felsen entlang der Straße zu sehen, wo der einst mächtige Fluss sich seinen Weg bahnte. Zerstörte Brücken zwingen die Reisenden auf Umwege durch Täler und ausgetrocknete Wadis.

Deir ez-Zor vor Tibni: Die US-geführte Koalition hat systematisch Brücken zerstört. Deir ez-Zor, Syrien, Oktober 2017.

Nördlich von Deir ez-Zor bei Tibni: Ma'adan war noch bis vor kurzem IS-Land, heute liegt alles in Trümmern. Entlang der Straße sind die Ölbrennereien zu sehen, in denen Kinder und Einheimische sich mühsam ein Zubrot verdienten. Sie brannten das Öl, um das Gas zu entfernen, dann füllten sie es in Kanister und Tonnen um und verkauften es entlang der Straße.

In der südlichen Provinz Rakka: Regierungstruppen befreiten sie erst Ende September 2017 vom IS; Rakka, Syrien, Oktober 2017.
Die südliche Provinz Rakka: Den Ort Maadan befreite die syrische Armee Ende September 2017 vom IS. Maadan, Syrien, Oktober 2017.

Spuren der IS-Herrschaft noch überall präsent

Die Orte entlang der Schnellstraße sind verlassen, immer wieder sind Transparente und Zeichen des IS zu sehen. Vor Rakka wird der zivile Verkehr über eine Nebenstraße durch die Wüste umgeleitet. Die Fahrt bis Risafa führt über ein trockenes, menschenleeres Hochplateau.

Bei Risafa schließlich erreicht man wieder die Schnellstraße, die Rakka mit Homs verbindet. Stolz und still ragt hier eine alte Festung in den Wüstenhimmel. Risafa, bei Christen auch als Sergiopolis bekannt, war im 9. Jahrhundert vor Christus ein wichtiger assyrischer Amtsitz. Im 5. Jahrhundert nach Christus wurde die Stadt Bischofssitz und christlicher Pilgerort. Nur wenige Kilometer nördlich davon liegt Rakka in Trümmern.

Die südliche Provinz Rakka: Der Ort Sergiopolis bei Al-Risafa, Rakka, Syrien, Oktober 2017.