"Leben und leben lassen": IS findet Zuflucht an israelischer Grenze

"Leben und leben lassen": IS findet Zuflucht an israelischer Grenze
Blick auf die syrische Seite Golan-Höhen
Wie israelische Medien berichten, fanden etliche IS-Kommandeure auf ihrer Flucht aus Syrien Zuflucht in den Golan-Höhen an der Grenze zu Israel. Dort rekrutieren sie neue Kämpfer und betreiben einen neuen Propaganda-Kanal. Mutmaßlich geht es Tel Aviv darum, ein "iranisches Imperium" zu verhindern.

Im vergangenen November noch gab sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hemdsärmelig. Demnach werde Israel

es nicht zulassen, dass Figuren des Islamischen Staats oder anderer feindlicher Akteure unter dem Deckmantel des Kriegs in Syrien, sich in der Nähe unserer Grenzen einrichten.

Nun jedoch scheint es so, dass dieses Szenario nicht nur eingetroffen ist, sondern übertroffen wurde. Demnach betreibt der sogenannte Islamische Staat, oder das, was von ihm übrig geblieben ist, ein veritables Terrorcamp auf der syrischen Seite der Golan-Höhen in unmittelbarer Nähe der israelischen Grenze. Obwohl Analysten bereits seit Jahren darauf verweisen, dass der IS über Rückzugsräume entlang der syrisch-israelischen Grenze verfügt, handelt es sich bei den aktuellen Enthüllungen durch die Times of Israel und den israelischen TV-Kanal Channel 2 um die erste öffentliche Bestätigung über IS-Operationen in der Golan-Region.

Die Times of Israel verweisen auf Channel 2 Video- und Fotomaterial. Dieses führe demnach den Beweis, dass es sich bei dem IS-Camp um ein Trainings- und Rekrutierungszentrum handelt, in dem bereits dreihundert neue Terroristen in ihrem blutigen Handwerk ausgebildet wurden. Unter den federführenden IS-Kommandeuren soll sich auch der führende Rekrutierer von Terroristen Abu Hamam Jazrawi befinden. Von Angriffen aus Israel weitestgehend verschont, verfügen die sunnitischen Extremisten, neben Training und Rekrutierung, offensichtlich über genügend Müßiggang, um sich auch eigenen PR-Maßnahmen zu widmen.

So berichten die israelischen Presseorgane, dass die IS-Kommandeure weiter die Entwicklung von „Internet-Propaganda-Kampagnen“ verfolgten, auch nachdem sie aus ihrem früheren Zentrum im syrischen Rakka vertrieben wurden und damit ihrer ehemaligen „Kampagnen-Hochburg“ beraubt wurden. Channel 2 spekuliert darüber, dass sich der IS nach der erfolgreichen Vertreibung aus weiten Teilen Syriens durch das Eingreifen Russlands und der syrischen Armee, nun möglicherweise im Süden Syriens zu restrukturieren gedenkt.

Doch wer nun mutmaßt, dass es sich bei all dem um neue Entwicklungen handelt, wird eines Besseren belehrt:

Beide, der IS-Ableger der Khalid ibn al-Walid Armee und die Jabhat Fateh al-Sham, früher als al-Nusra-Front bekannt, die wiederum mit dem IS verbunden ist, befinden sich bereits seit Jahren an den israelischen Grenzen“, stellen die Times of Israel nüchtern fest.

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Demnach würde seit bereits „relativ langer Zeit“ gegenüber den genannten terroristischen Gruppierungen das Prinzip des „leben und leben lassen“ von der israelischen Armee (IDF) angewendet. Dennoch warnen Armeeangehörige zur selben Zeit davor, dass die entsprechende Taktik „potentiell“ zum Bumerang für Israel und die eigenen Sicherheitsinteressen werden könnte. Doch bis auf einige wenige Schusswechsel führen die Terror-Paten und ihre Schützlinge in der Grenzregion bislang ein unbehelligtes Dasein – ganz im Gegensatz etwa zur syrischen Armee oder zu mutmaßlichen iranischen Milizen oder Hisbollah-Kämpfern, die immer wieder Ziel israelischer Luftangriffe werden.

Wem die Schonung mit al-Kaida verbundener Rebellengruppen und die gleichzeitige Bombardierung syrischer Stellungen als vermeintlich inkonsequent im erklärten „Kampf gegen den Terror“ erscheint, wird etwa vom Wallstreet-Journal eines Besseren belehrt:

Israel versorgte über Jahre regelmäßig syrische Rebellen in Nähe der eigenen Grenzen mit Geld und Nahrung, Benzin und medizinischer Hilfe. (…) Die israelische Armee kommuniziert regelmäßig mit Rebellengruppen und die Unterstützung beinhaltet verdeckte Zahlungen an Kommandeure, die dazu dienen, Gehälter auszuzahlen und Munition und Waffen zu kaufen.

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Laut Wallstreet-Journal befindet sich Israel „seit Jahrzehnten“ mit Syrien im Kriegszustand und verfügt über ein spezielles „Budget für Hilfsmaßnahmen“.

Auf den Umstand, dass die Grenzen zwischen den wohlbekannten „moderaten Rebellen“ und den aufgeführten Terrorgruppen fließend sind, verwies auch die Jerusalem Post und bezog sich dabei auf eine Aussage des ehemaligen stellvertretenden CIA-Direktors Michael Morell, die dieser direkt an die israelische Öffentlichkeit richtetet:

Aufgrund meiner Erfahrung in der Verfolgung der Al-Kaida-Aktivitäten, denke und glaube ich, dass du dich nicht auf Geschäfte mit diesen Typen [Al-Kaida/Al-Nusra] einlassen solltest. Es ist ein gefährliches Spiel. Selbst wenn du ein Geschäft mit ihnen abschließt, werden sie es nicht honorieren.

In den zurückliegenden Jahren, nahmen auch etliche aktuelle und ehemalige Offizielle der israelischen Armee kein Blatt vor den Mund, um ihrer Präferenz im regionalen Machtkampf Ausdruck zu verleihen. Der israelische Verteidigungsminister Mosche Yaalon betonte auf einer Konferenz der israelischen Denkfabrik Institute for National Security Studies (INSS), dass der „Iran unser Hauptfeind ist“ und wenn er zwischen Iran und dem selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) im Rahmen eines offenen Konflikts entscheiden müsste, würde er „den IS präferieren“.

Ein anderer israelischer Think-Tank, das Begin-Sadat Center For Strategic Studies, brachte seine Empfehlung im Umgang mit dem IS im August 2016 in einem Strategiepapier auf den folgenden Punkt:

Der Westen sollte auf die weitere Schwächung des Islamischen Staat setzen, aber nicht auf dessen Zerstörung.  

Die zitierten Aussagen verweisen auf die geopolitische Dimension der regionalen Konflikte und den taktischen Umgang auch der israelischen Regierung mit weltweit vermeintlich geächteten „islamistischen Terroristen“. Henry Kissinger fasste die entsprechenden Implikationen einer Zerschlagung des IS und die Frage danach, wer das entstandene machtpolitische Vakuum ausfüllen würde, im August 2017 wie folgt zusammen:

Die Antwort ist trügerisch, denn Russland und die NATO-Staaten unterstützen rivalisierende Fraktionen. Wenn das IS-Territorium durch die iranischen Revolutionären Garden besetzt würde, oder schiitische Kräfte durch diese trainiert und geführt werden, könnte das Resultat ein territorialer Gürtel sein, der sich von Teheran nach Beirut erstreckt, was wiederum zu einem zur Entstehung eines iranischen Imperiums beitragen könnte.