Eskalation nach Referendum: Irakische Armee rückt in Provinz Kirkuk gegen kurdische Peschmerga vor

Eskalation nach Referendum: Irakische Armee rückt in Provinz Kirkuk gegen kurdische Peschmerga vor
Irakische Truppen rücken auf die strategisch wichtige Provinzhauptstadt Kirkuk vor, die von Peschmerga-Milizen gehalten wird. Ersten Berichte zufolge ist die irakische Armee bereits in die Stadt eingerückt. Zuvor habe sie Tuz Churmatu eingenommen.

Die irakischen Streitkräfte haben Berichten zufolge kurdischen Kämpfern die Kontrolle über Straßen und Infrastruktur-Einrichtungen in der Nähe von Kirkuk abgenommen. Auch die Ölverarbeitungsanlage North Gas Company Station und das Industriegebiet südlich von Kirkuk brachte Bagdad unter seine Kontrolle. Die Turkmenen-Stadt Tuz Churmatu in der Provinz Salahaddin konnte sie mithilfe von Turkmenen-Milizen einnehmen. Auch verließen die Peschmerga Kirkuks Luftwaffenbasis K-1, berichtet Reuters.

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"Die Kräfte rücken weiter vor", geht aus einer Erklärung der irakischen Streitkräfte vom Montag hervor. Inzwischen sollen Teile der Peschmerga, die loyal zur Kurden-Partei PUK in Süleymanija stehen, aus dem Südwesten der Provinz Kirkuk abgezogen sein.

Erste Videoreporter behaupten, dass sich die Schiiten-Miliz Haschd Schaabi vor dem Gouverneursamt in Kirkuk positioniert habe und auf keine Gegenwehr von Peschmerga gestoßen sei.

Am frühen Montagmorgen begannen die irakischen Regierungstruppen zusammen mit regierungsfreundlichen Schiiten-Milizen von Taza, südlich der Stadt Kirkuk, in Richtung der Peschmerga-Front vorzudringen.

Die Truppen wurden angewiesen, "die Sicherheit in Kirkuk in Zusammenarbeit mit den kurdischen Peshmerga durchzusetzen", kündigte der irakische Premierminister Haider al-Abadi im staatlichen Fernsehen an. Die Truppen wurden aufgefordert, "mit den Peschmerga zusammenzuarbeiten, Konfrontationen zu vermeiden und alle Zivilisten zu beschützen".

Das irakische Staatsfernsehen berichtete, dass sich Anti-Terroreinheiten, föderale Truppen und die 9. Division der irakischen Armee bereits große Gebiete "ohne Widerstand" kurdischer Kräfte gesichert haben.

Der kurdische Nachrichtensender Rudaw berichtete hingegen, dass es in Tuz Khurmatu zu Zusammenstößen zwischen kurdischen und regierungsgeführten Kräften gekommen war.

Der Turkmenen-Führer Niyaz Mimaroglu widerspricht ebenfalls Berichten, wonach die Gebietsübergaben reibungsfrei ablaufen würden. Er informierte gegenüber der türkischen Presse, dass bei der Offensive auf Tuz Churmatu mindestens sechs Soldaten gestorben seien.

Kurdische Quellen berichteten inzwischen, dass es in der Industriezone von Kirkuk zu Zusammenstößen kam, während südlich der Stadt Artilleriefeuer zu vernehmen war.

Das US-Verteidigungsministerium forderte angesichts der zunehmenden Spannungen "alle Seiten auf, weitere Eskalationsmaßnahmen zu vermeiden".

Zentralregierung fordert Übergabe von Flughafen Kirkuk

Bagdad setzte der kurdischen Milizführung ein Ultimatum. Die irakische Zentralregierung forderte die Peschmerga auf, eine bestimmte Anzahl von Positionen südlich und westlich von Kirkuk zu übergeben. Dafür setzte die Regierung den Kurden eine Frist bis Montagnacht, zwei Uhr, berichtete das von der Kurdischen Autonomieregion finanzierte Nachrichtenportal Rudaw.

Der kurdische Provinzgouverneur Najmaldin Karim sagte noch am Samstag, dass er den Forderungen Bagdads nicht nachkommen wird.

Doch noch vor dem Stichtag haben kurdische Milizen, die mutmaßlich unter dem Kommando der PUK stehen, die Regionen Bashir und Taza freiwillig verlassen. Es kursieren Gerüchte, wonach die PUK-Führung ein Abkommen mit Bagdad und dem Iran, der Bagdad unterstützt, ausgehandelt habe. Unter anderem möchte die irakische Zentralregierung noch den Flughafen der Provinzhauptstadt einnehmen.

Laut einem Peschmerga-Kommandanten, der mit Rudaw sprach, befinden sich in Kirkuk noch rund 9.000 kurdische Kämpfer, mithilfe derer die Stadt verteidigt werden soll.

Zunehmende Präsenz der PKK in der Region

Die Spannungen zwischen Bagdad und Erbil eskalierten, als die Kurdische Autonomieregion jüngst ein Unabhängigkeitsreferendum abhielt. Laut kurdischen Angaben stimmten dem Referendum rund 92,7 Prozent zu.

Bagdad prangerte den Schritt als "verfassungswidrig" an. Die Türkei, der Iran und Syrien haben sich ebenfalls gegen die Schaffung eines unabhängigen Kurdistans ausgesprochen, weil sie befürchten, dass dies die separatistische Stimmung in ihren eigenen kurdisch besiedelten Gebieten ankurbeln könnte.

Der Irakische Nationale Sicherheitsrat warnte angesichts des wachsenden Präsenz der kurdischen Untergrundorganisation PKK vor einer "gefährlichen Eskalation" in der Region.