Türkische Armee rückt in Idlib ein - FSA zu RT: "Maßnahme ist Teil der Astana-Beschlüsse"

Türkische Armee rückt in Idlib ein - FSA zu RT: "Maßnahme ist Teil der Astana-Beschlüsse"
Bildquelle: TSK
Der Vormarsch der türkischen Armee ins nordsyrische Idlib soll eine Deeskalations-Maßnahme im Einklang mit den Astana-Beschlüssen darstellen. RT Deutsch sprach darüber mit einem Vertreter der Freien Syrischen Armee und einem syrischen Militäranalysten.

von Ali Özkök

Türkische Truppen sind in der Nacht zum Freitag mit Dutzenden Panzerfahrzeugen und Panzern in die Provinz Idlib in Nordsyrien eingerückt. Die Militärpräsenz steht unter dem Eindruck der Astana-Friedensgespräche.

Das türkische Militär erklärte am Freitag in einer Stellungnahme, dass die türkische Operation Teil der Bemühungen zur Schaffung einer Deeskalationszone in der Provinz ist, die bislang noch unter der Kontrolle des syrischen Al-Kaida-Ablegers Hayat Tahrir al-Scham steht. Die Zone ist Teil eines Abkommens zwischen der Türkei, die Rebellen unterstützt, sowie Iran und Russland, die Präsident Baschar al-Assad decken.

Die Türkei entsandte einen Konvoi von ungefähr 30 Militärfahrzeugen über den Grenzübergang Bab Al-Hawa nach Nord-Idlib, berichten Augenzeugen gegenüber türkischen Medien. Andere Berichte sprechen von 42 Panzerfahrzeugen und acht Panzern. Der Al-Jazeera-Reporter Hashem Ahelbarra sagte über die türkischen Militärbewegungen:

Wir wissen aus verschiedenen Quellen, dass sich das türkische Militär am westlichen Rand der Provinz Aleppo befindet, aber das Endziel wird Idlib sein.

Türkische Streitkräfte auf Tuchfühlung mit YPG

Der Konvoi bewegte sich in Richtung Scheich Barakat, ein gebirgiges Gebiet im Rebellenterritorium, das einen Überblick über den Kurden-Kanton Afrin ermöglicht. Dieses Gebiet wird von der YPG-Miliz gehalten, die laut Ankara Beziehungen zur PKK unterhält. Das türkische Militär gab in einer Erklärung an:

Am Donnerstag, dem 12. Oktober, begannen wir mit Aktivitäten zur Einrichtung von Beobachtungsposten.

RT Deutsch sprach mit dem Vertreter der Freien Syrischen Armee, Mustafa Sedschari, der auch die FSA-Formation der "Mutasim-Brigade" repräsentiert. Sedschari bestätigte, dass die Türkei in Idlib Stellung bezogen hat und informierte:

Der Türkei-Einsatz steht klar im Einklang mit den Beschlüssen der sechsten Sitzung in Astana, die unter Präsenz von Russland und Iran auf den Weg gebracht wurden, um sicherzustellen, dass das Gebiet vor Kämpfen oder Bombardierungen bewahrt bleibt. Außerdem geht es darum, Versuche der YPG-Milizen einzudämmen, weitere Gebiete einzunehmen.

"Krieg mit Kurdenmiliz ist unausweichlich"

Mit Blick auf die Frage nach türkischen Absichten in der Region betonte Mustafa Sedschari gegenüber RT-Deutsch, dass sich Ankara an die abgesprochenen Zielen hält, die in Astana vereinbart wurden:

Wir glauben, dass das derzeitige Ziel der Türkei darin besteht, nur Überwachungsposten einzurichten und keine militärische Operation einzuleiten. Das geht auch aus den Verhandlungen in Astana hervor. Aber wenn die YPG von Afrin aus türkische Truppen angreifen sollte, dann wird es eine Militärintervention geben.

Der syrische Militäranalyst Nawar Olliver vom Omran Zentrum für strategische Studien sagte auf Anfrage von RT-Deutsch über die Perspektive der türkischen Militärpräsenz:

Die US-unterstützten 'Demokratischen Kräfte Syriens', die von der YPG angeführt werden, müssen bei ihrem Feldzug im ostsyrischen Deir ez-Zor, wo sie gegen die syrische Armee agieren, und im südlichen Afrin ab jetzt zwei Mal nachdenken, bevor sie eine Kugel abfeuern. Die Idee ist, dass die Türkei im Falle einer Offensive der YPG, die in Afrin eingekesselt ist, Gebiete von der Gruppierung einnimmt und sie anschließend aber einer anderen Gruppe überlässt.

Die Frage, ob Ankara einen Krieg mit der YPG sucht, bejahte Nawar Olliver allerdings:

Ein Krieg mit der YPG ist unvermeidlich, wenn nicht morgen, dann wird der Kampf übermorgen ausbrechen. Langfristig wird die Türkei im Gegenzug für die Aufgabe anderer Gebiete an Russland eine Verbindungsroute zwischen Idlib und dem "Euphrat-Schild-Gebiet" in Nordaleppo eröffnen. Auf diese Weise könnten Süd-Aleppo und der Randbezirk Raschidin der Provinzhauptstadt Aleppo, also Gebiete, die in der Nähe von Territorien liegen, die die syrische Armee kontrolliert, zur neutralen Zone oder sogar zum Einflussgebiet der syrischen Regierung werden.

Im August 2016 startete die türkische Armee die Euphrat-Schild-Operation gegen den "Islamischen Staat" im Norden von Aleppo. Die Operation wurde zuvor mit Russland abgesprochen. Im Gegenzug stellte die Türkei ihre Regimewechsel-Aktivitäten gegen die Regierung Baschar al-Assad weitestgehend ein und half mit, die Belagerung von Aleppo möglichst gewaltfrei beizulegen.