Wiederaufbau in Syrien: Nicht nur das Lebenswerk verloren, sondern auch die Söhne

Wiederaufbau in Syrien: Nicht nur das Lebenswerk verloren, sondern auch die Söhne
In der Altstadt von Zabadani endete die Ausflugsbahn. Der ehemalige Kurort in der Nähe von Damskus ist zerstört.
Bludan und Zabadani waren Ausflugsorte in der Nähe von Damaskus. Erst im April zogen die letzten Dschihadisten aus der Region ab. Langsam kehrt das Leben zurück. Aber die Familien, welche ihre Häuser verloren haben, müssen bei Null anfangen.

von Karin Leukefeld, Damaskus

Zabadani war einst ein beliebter Ausflugsort in Syrien. Am Fuße des Qalamoungebirges, nahe der Grenze zum Libanon gelegen, zog der Ort Touristen aus aller Welt an. Eine alte Eisenbahnlinie, die sich durch das schmale Barada-Tal schlängelt, brachte Ausflügler aus Damaskus nach Zabadani.

Reiche Geschäftsleute aus den Golfstaaten mieteten oder kauften Wohnungen und Häuser, um die Sommermonate hier zu verbringen. Heute liegt der Bahnhof in Zabadani verlassen. Die umliegenden Viertel sind menschenleer.

Die Altstadt von Zabadani liegt in Trümmern.
Überall sind noch Spuren der Kämpfe zu sehen.

Ein halbes Jahr ist es her, dass die letzten von mehr als 2.000 Kämpfern aus Zabadani abgezogen sind. Nach langen Verhandlungen und unter dem Druck ihrer ausländischen Sponsoren am Golf hatten sie im April ihrer Evakuierung zugestimmt. Die Altstadt von Zabadani liegt in Trümmern, jedes Haus weist Spuren der heftigen Kämpfe auf, die hier stattfanden.

Auch das Kloster der Heiligen Jungfrau in Zabadani ist zerstört.
Bewaffnete Islamisten hatten das Kloster in eine Militärbasis umgewandelt.

Ob Wohnhaus, Hotel, Kirche oder Moschee – der Krieg hat nichts und niemanden verschont. Auch das Kloster der Heiligen Jungfrau Maria mit seinen weiten Gärten weist schwere Zerstörungen auf. Haus für Haus müßten die Schäden aufgenommen werden, sagt Mouaffak Attal, der seit April als Bezirksbürgermeister einige der Altstadtviertel von Zabadani betreut.

Nur die Häuser, deren Substanz noch stabil sei, sollten wiederaufgebaut werden. Dafür gebe der Staat 30 Prozent der Wiederaufbaukosten. Häuser, die komplett zerstört seien, sollten abgerissen werden. Das sei schwer für die Familien, die vor dem Krieg geflohen seien. Wenn ihr Haus abgerissen werde, wohin sollten sie zurückkehren?

Das Untergeschoss im zerstörten Haus von Abu Tarik.
Abu Tarik mit seiner Mutter im Untergeschoss des Hauses.

In die Neustadt von Zabadani, die weiter oben am Berg liegt, sind rund 300 Familien zurückgekehrt. Sie versuchen zu ordnen und aufzubauen, was von ihrem Zuhause übriggeblieben ist. Abu Tarik, der Vater von Tarik, hatte mit seinen Brüdern an der „Straße des Märtyrers Basil“ zwei große Wohnhäuser errichtet.

Kein Fenster ist erhalten, die Räume weisen Brandspuren auf. Sein Sohn starb mit Frau und Kindern bei einem Angriff, nur wenige Möbel konnte Abu Tarik retten. Für die 90-jährige Mutter hat er in seinem ehemaligen Textilgeschäft im Parterre des Hauses ein Ruhelager errichtet. Sie genießt die frische Brise, die durch die zerstörte Geschäftsfront hereinweht.

Die Mutter von Abu Tarik auf der provisorischen Terrasse.
Abu Tarik bereitet Kaffee in seiner provisorischen Küche zu.

Auf dem Gehweg hat Abu Tarik Tisch und Stühle aufgestellt, Nachbarn kommen vorbei, trinken Kaffee und unterhalten sich über die staatlichen Hilfen für den Wiederaufbau, auf die sie alle warten. Man tauscht sich darüber aus, wo und für welchen Preis Steine, Türen, Zement zu finden sind.

Es fehlt an Arbeitern, denn die jungen Männer haben Zabadani verlassen. Abu Tarik zählt auf, wo sie geblieben sind: „Einige sind tot, andere im Gefängnis, die Kämpfer sind nach Idlib gezogen und viele haben Syrien ganz verlassen.“ Die alte Generation habe nicht nur ihr Lebenswerk verloren, sondern auch ihre Söhne.

Abu Tarik mit Nachbarn und den 'besten Äpfeln der Welt': SIe warten auf die Hilfen für den Wiederaufbau, welche die Regierung zugesagt hat.
Ausflügler genießen den Frieden bei einer Wasserpfeife in einem Straßencafé.

Nur wenige Kilometer oberhalb von Zabadani liegt der Ausflugsort Bludan. Nach sechs Jahren Krieg kommen die Wochenendausflügler zurück und genießen die frische Luft, die Weite, das Essen und die Musik. Freunde, Familien treffen sich, es herrscht eine ausgelassene Stimmung.

Bei der Tanzrunde fällt auf, dass vor allem Frauen dabei sind. Wo die Männer geblieben sind, mag man angesichts des Krieges kaum fragen. Zabadani ist von Bludan aus der Vogelperspektive zu sehen, die Schäden unten im Tal kann man nur erahnen.

Ein Wochenausflug nach Bloudan ist nach dem Ende des Krieges im Baradatal erstmals wieder möglich.
Der Blick von Bloudan auf Zabadani verrät kaum etwas von den Zerstörungen.