Human Rights Watch: Dutzende Zivilisten bei US-Luftangriffen in Syrien getötet

Human Rights Watch: Dutzende Zivilisten bei US-Luftangriffen in Syrien getötet
Ein Kämpfer der "Syrischen Demokratischen Kräfte" macht ein Selfie inmitten der Trümmer von Rakka.
Bei zwei Luftschlägen der US-Koalition im März nahe der syrischen Stadt Rakka wurden laut einem aktuellen Bericht von Human Rights Watch über 80 Zivilisten getötet. Die Koalition bestreitet dies. Die Menschenrechtsorganisation wirft ihr unzureichende Untersuchungsmethoden vor.

Die US-geführte Koalition gibt in ihren Berichten zu niedrige Zahlen über zivile Opfer an, kritisiert der stellvertretende Direktor der Abteilung Terrorismus und Terrorismusbekämpfung bei Human Rights Watch (HRW). Gegenüber RT wirft Nadim Houry den USA diesbezüglich Geheimniskrämerei vor sowie unzureichende Methoden bei der Untersuchung selbst verschuldeter ziviler Opfer.

Am Sonntag hatte die US-Menschenrechtsorganisation bekannt gegeben, dass die von den Vereinigten Staaten geführte Koalition im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) nahe der syrischen Stadt Rakka bei zwei Luftangriffen im März mindestens 84 Zivilisten getötet hat, darunter 30 Kinder. Die Koalition behauptet hingegen, es seien keine Zivilisten zum Zeitpunkt der Luftschläge vor Ort gewesen.

Der HRW-Bericht widerlege die Behauptung der USA, wonach eine interne Untersuchung „keine ausreichenden Beweise“ für zivile Opfer ergeben habe, so Houry.

Ein Junge blickt aus einem durch die US-Koalition zerstörtem Gebäude in Rakka, Syrien, 24. November 2016.

Es gibt genug Beweise, dass viele Zivilisten getötet wurden, dutzende. Als wir die Koalition fragten, wie sie ihre Untersuchung durchgeführt hat, sagte sie, es handele sich dabei um Geheimnisse, die sie nicht mit uns teilen könnten.

Bei zwei Luftschlägen der US-Koalition wurde am 20. März in Mansura eine Schule getroffen, die Flüchtlinge beherbergt hatte, sowie am 22. März ein Marktplatz und eine Bäckerei in Tabqa.

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Human Rights Watch: Zivilisten waren an Zielorten anwesend

Laut dem 42-seitigen Bericht seien an den jeweiligen Zielorten neben IS-Terroristen auch viele Zivilisten anwesend gewesen. Laut der US-Koalition habe es sich bei den Angriffszielen in Tabqa um eine Geheimdienstzentrale und ein Waffenlager des IS gehandelt. Auf dem Gelände der Schule in Mansura habe man vor dem Luftschlag keinerlei zivile Aktivitäten beobachten können.

„Laut der Koalition haben die Luftschläge nur IS-Mitglieder getötet, für zivile Opfer gebe es keine ausreichenden Beweise“, erklärte Houry. Der stellvertretende Direktor gesteht zwar die Präsenz von Terroristen an den Zielorten ein, weist aber darauf hin, dass die US-Koalition nach wie vor verpflichtet sei, das Leben von Zivilisten in einer Kampfzone zu schützen. Gegenüber RT sagte er:

Entweder hat die US-Koalition ihre Hausaufgaben nicht gemacht, um festzustellen, ob Zivilisten vor Ort waren – und dann hätte es sich um eine Verletzung des Völkerrechts gehandelt. Oder sie wussten, dass Zivilisten präsent waren, und sie beschlossen dennoch, den Angriff durchzuführen“, was auch ein Verstoß gegen das Völkerrecht wäre.

Kein Verlass auf High-Tech: Ermittler sollten vor Ort untersuchen

Er glaubt, dass die Ermittler der Koalition „nicht all die geeigneten Methoden“ angewendet haben und die Untersuchung „nicht gründlich genug“ durchgeführt worden sei. Er forderte die Ermittler auf, sich vor Ort ein Bild zu machen und mit den Einwohnern und den Hinterbliebenen der Getöteten zu sprechen:

Es reicht nicht aus, sich auf Satellitenbilder und Drohnenaufnahmen zu verlassen, um festzustellen, ob es zivile Opfer gab. Es hat sich immer wieder herausgestellt, dass diesen Hightech-Geräten manchmal wichtige Informationen entgehen.

Die Luftangriffe der US-geführten Koalition auf Rakka, eine Hochburg des IS in Syrien, haben zahlreichen Zivilisten das Leben gekostet und Zehntausende zur Flucht gezwungen. Die antike Stadt wird derzeit von den „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF) belagert, ein von Kurden dominiertes Bündnis, das von der US-Allianz unterstützt wird. Die belagerte Stadt wurde schwer bombardiert, während Zivilisten in den vom IS besetzten Vierteln gefangen sind.

Die Koalition untersucht derzeit insgesamt 455 Berichte über zivile Opfer, die durch ihre Artillerie oder Luftangriffe verursacht worden seien, hieß es in einer Erklärung der Allianz. Zwischen dem 1. und dem 29. August führte sie 1.094 Luftangriffe auf Rakka und Umgebung durch – gegenüber 645 Angriffen im Juli. „Wir glauben, dass die US-Koalition zu geringe Angaben über die tatsächliche Zahl ziviler Opfer macht“, sagte Houry.

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